VLB BLOG - Unruhe bewahren

Über Bücher, Bibliotheken, Gott und die Welt

 

 

Wer wir gewesen sein werden

25. April 2017 von Wolfgang Köhle

 

„Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.”

 

Die Evolution vom Mängelwesen zur Mangelerscheinung ohne App führt uns über die totale Ablenkung zur Religion des Dataismus. Wir verlernen die Kunst des Verweilens und der Selbstversenkung, dafür strömen ungebetene Informationsfluten auf uns ein. Wer wir waren ist eine Zukunftsrede und das unvollendete, letzte Werk des vielseitigen Schriftstellers, sympathischen Denkers und vollendeten Redners Roger Willemsen.

 

„Neu ist vielleicht nicht der Mensch, der neugieriger auf die Uhr schaut als ins Gesicht der Ehefrau. Neu ist nicht einmal jener, der auf den Bildschirm interessierter blickt als auf die Welt und von ‚virtueller Welt’ spricht, damit sie der alt-analogen wenigstens noch semantisch gleiche. Neu ist eher jener Typus des ‚Second-Screen-Menschen’, dem der eine Bildschirm nicht mehr reicht, der ohne mehrere Parallelhandlungen die Welt nicht erträgt und im Blend der Informationen, Impulse und bildgeleiteteten Affekte sich selbst eine Art behäbiger Mutterkonzern ist, unpraktisch konfiguriert und irgendwie fern und unerreichbar.”

Frankfurt am Main S. Fischer [2016]

Frankfurt am Main S. Fischer [2016]

Fortuna

19. April 2017 von Wolfgang Köhle

 

Der eine schreibt mit Phantasie, der andere mit Verstand. Mit beidem arbeitet der originelle, gescheite, gerade 70 Jahre alt gewordene, freischaffende Denker, schwergewichtige und fernsehsüchtige Philosoph Franz Schuh. Gelegenheitspessimistisch formuliert er: „Der Mensch steht – aus der Perspektive der Ewigkeit betrachtet – wahrscheinlich im Mittelpunkt von nichts.” und fügt hinzu: „Vollkommen enttäuscht ist nur der Weise. Der Weise weiß, Schmerz und Trübsal machen das Leben aus, er negiert den Lebenswillen.” Einer seiner vorzüglichsten Lehrer, der Zufall, hat ihn auf folgende Erkenntnis gebracht: „Man kann, wenn man‘s kann, wissenschaftlich denken. Aber was man nicht kann, auch wenn man so denkt, ist einwandfrei wissenschaftlich leben.”

 

Beim Schreiben kommt es nicht nur darauf an, die Sprache zu beherrschen, sondern zugleich von der Sprache beherrscht zu werden. Alles, was er schreibt, kann man ungesehen lesen. Um zu erfahren, ob das auch auf die Autobiographie Fortuna. Aus dem Magazin des Glücks zutrifft, muss jeder selber lesen, lesen, lesen.

Wien Paul Zsolnay Verlag [2017]

Wien Paul Zsolnay Verlag [2017]

Der Denkschriftsteller jedenfalls räsoniert über die Summe seiner (Selbst)Täuschungen: „Hier erfährt also keiner, wie er glücklich wird – das muss ein jeder selber wissen, und wer`s nicht weiß, kann es eh vergessen.”

Karfreitag 2036

13. April 2017 von Wolfgang Köhle

 

Wenn Andreas Maier im Jahr 2036 a: noch lebt, b: nicht inhaftiert ist und c: noch so gesund ist, dass er sich bewegen und gut sehen kann, wird er vermutlich in seiner eigentlichen Heimat, der Wetterau, wie jedes Jahr am Karfreitag morgens allein spazieren gehen. 

 

„Seitdem ich spazieren gehe, bin ich damit beschäftigt, mein eigenes Leben und die Welt um mich herum durchzukauen, ähnlich einem Wiederkäuer. Diese Welt, in der ich bin, war für mich stets weniger ein Genussangebot, eher eine Art von Aufgabe. Der liebe Gott schien mir immerfort zu sagen: Versuche, diese Welt zu verstehen! Versuche, dich zu verstehen! Versuche, mich zu verstehen! Und versuche zu verstehen, was richtig und was falsch ist! Dadurch ergab sich dieses Wiederkäuen, das letztlich auch all meine Literatur bestimmt hat. Und also werde ich auch am Karfreitag 2036 über mich, mein Leben und die Welt und all die Leben um mich herum wiederkäuend nachdenken. Ich werde zu dieser Zeit 68 Jahre alt sein und über eine ganze Menge nachzudenken haben. Der Gamander-Ehrenpreis wird mir dabei, wie jedes Jahr, eine Anleitung und ein Stichwortgeber sein. Ich habe ja schon immer zu denen gehört, die diese kleinen Wiesenblumen für das viel schönere Gebet an den lieben Gott halten als uns Menschen. Dass das Leben ein Gebet sein sollte. Das war für mich immer ein wohltuender Gedanke. Ich meine nicht: dass man viel beten solle im Leben. Nein, ich meine: dass das Leben, so wie es ist, einfach und fraglos ein Gebet sein sollte. Ich selbst bin in meinem Leben zwar eher selten ein Gebet, zumindest kein sonderlich großes. Aber ich kenne Menschen, die ein Gebet sind (es sind immer vergleichsweise einfache und klare Menschen), auch wenn sie eine Sozialversicherungsnummer haben und wie alle anderen Steuern zahlen müssen, also die Erbsünde der Zivilisation in sich tragen. Aber der liebe Gott hat ein weites Herz, so etwas wie völlige Linientreue dürfte ihn ankotzen. Er wusste stets, wie viel Übel wir Zivilisatorische in die Welt gebracht haben, aber der perfekte, korrekte und völlig wahrheitsüberzeugte, antihedonistische Mensch: Der war ihm der viel größere Graus. Und so geht der liebe Gott auch an jenem Karfreitag 2036 ein Stück des Weges mit mir auf meinem Karfreitagsgang, wie so oft.”

Nichts im Übermaß

10. April 2017 von Wolfgang Köhle

 

Weil wir Menschen keine statischen, sondern im Werden begriffene Wesen sind, ist der Sokratische Imperativ „Erkenne dich selbst” ein unmöglich zu verwirklichender. Nichts ist, alles wird, alles fließt. Deshalb grenzt das Streben nach Selbsterkenntnis, wenn ihm nicht das rechte Maß, das Wissen um die Grenzen innewohnt, an Wahnsinn. Lebenskunst ist die Suche nach einem gelungenen Leben, ist Sorge für sich zu tragen. Die Sorge setzt die Verwirklichung bestimmter Tugenden voraus: „Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, Hartnäckigkeit in der Verfolgung eines Ziels, Mut beim Aussprechen der Wahrheit, Bescheidenheit und Einsicht in das, was man wirklich ist, Zurückhaltung bei allem Tun, denn es muss im Einklang stehen mit unseren Kräften und Fähigkeiten, Sensibilität im Umgang mit dem Spirituellen und vor allem die Weisheit, die darin besteht, immer das richtige Maß zu suchen, denn wo das richtige Maß fehlt, fehlt den Beeinträchtigungen des Lebens die Schranke. Die richtig verstandene Sorge für sich fällt ganz damit zusammen, dass für jede Tat und für jede spirituelle Praktik das rechte Maß gesucht wird, die Mitte, worin für Aristoteles das Wesen jeder Tugend liegt.”

Würzburg Königshausen und Neumann 2016

Würzburg Königshausen und Neumann 2016

 

Unruhe unterbrechen, Pause vom Gewöhnlichen machen, nach dem Guten streben, sich nicht ablenken (lassen):

So einfach ist Die Sorge um sich.

„Ich liebe die Ungebildeten” (©Donald Trump)

6. April 2017 von Dr. Gerhard Zechner

 

Diese Botschaft Donald Trumps im US-Vorwahlkampf in Nevada wurde in ihrer Bedeutung viel zu wenig kommentiert und ernst genommen. Denn sie zeigt in offenem Zynismus die politische Erwartung, Menschen mit geringerer formaler Bildung besser beeinflussen oder gar lenken zu können. Diese informieren sich kaum in für „elitär” gehaltenen journalistischen Qualitätsmedien oder Bibliotheken, tun sich schwerer in der Unterscheidung geprüfter Nachrichten und sogenannter „Fake News”, neuerdings als „alternative Fakten” verbrämt, und nehmen dafür unbelegte Dauer-Tweets und Postings unhinterfragt für bare Münze. „Wer nichts weiß, muss alles glauben”, sagte schon Marie von Ebner-Eschenbach, und es gibt ja tatsächlich auch noch Menschen, die den Klimawandel für eine reine Glaubensfrage halten. Menschen aus niedrigeren Bildungs- wie Einkommensschichten haben The Donald auch mehrheitlich zum 45. Präsidenten der USA gewählt und werden nun mit der radikalen Kürzung und Streichung sozialer staatlicher Förderung, Versicherung und Vorsorge sowie mit einem die Besserverdienenden noch stärker bevorzugenden Steuersystem „belohnt”.

Berlin Suhrkamp 2016

Berlin Suhrkamp 2016

 

Schlechte Ausbildung und geringes oder gar kein Einkommen, Bildungsarmut und ein sehr niedriger Sozialstatus mit tristen Zukunftsaussichten bedingen einander dynamisch. Ärmere Schichten sind durch größere Bildungsferne geprägt. Und die Schere sozialer Ungleichheit, strukturell bedingt durch zunehmenden Marktfundamentalismus bei gleichzeitigem Abbau des Sozialstaats, öffnet sich global weiter. Manche Autoren sprechen hier bereits von einer „Refeudalisierung”. Im Jahr 2016 häuften nach Berechnungen der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam nur mehr ganze acht Unternehmer so viel Besitz an, nämlich zusammen 426 Milliarden US-Dollar, dass sie über mehr Vermögen verfügen als die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Vor einem Jahr entsprach dieses Verhältnis noch den 62 reichsten Menschen. Laut „An Economy for the 99 Percent” besitzt also das reichste Prozent der Menschheit seit 2015 mehr als der gesamte Rest. Diese Entwicklung hänge, so Oxfam, eng mit den Möglichkeiten reicher Menschen und internationaler Konzerne zusammen, sich durch „aggressive Steuervermeidung” und Flucht in Steueroasen Vorteile auf Kosten des Allgemeinwohls zu verschaffen und Staaten in einen ruinösen Wettlauf „marktfreundlicher” Rahmenbedingungen zu treiben. Branko Milanovic differenziert die Ursachen und Folgen und zeigt in „Die ungleiche Welt”, dass zwar der Abstand zwischen armen und reichen Staaten geringer geworden ist, das Gefälle innerhalb einzelner Nationen jedoch dramatisch zugenommen hat. Ungleichheit ist damit „die entscheidende Herausforderung unserer Zeit” (Barack Obama) und die Beseitigung sozialer Ungleichheit ist die beste Strategie für mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit. „Schließlich hängt es von unserer Ausstattung mit Geld, Macht und Wissen ab, wie uns der Klimawandel trifft, wie sich unser Lebensalter vor, mit und vor allem nach der Erwerbsarbeit gestaltet und welchen Nutzen wir aus den Angeboten digitaler Lebensassistenz ziehen können” (Heinz Bude/Philipp Staab), womit auch die digitale Kluft der Mediennutzung angesprochen wird. Im Gegensatz zu den 1980er-Jahren gibt es auch bei Wachstum kein kollektives Mehr an Einkommen, Bildung, Mobilität, Recht, Wissenschaft und Massenkonsum mehr. 

 

Jeder sechste Jugendliche in Österreich hat nach acht Jahren Schule Probleme beim Lesen einfacher Texte. Und eine neue IHS-Studie im Auftrag der Arbeiterkammer Vorarlberg belegt, dass 6.000 VorarlbergerInnen der Altersgruppe der 15- und 24-Jährigen nur die Pflichtschule besucht haben. Wer nur die Pflichtschule besucht hat, wird leichter arbeitslos, der Lohn bleibt gering, die Kaufkraft klein, die Zukunft trist. Bildungsarmut führt auch in Vorarlberg zu schlechteren Lebensverhältnissen, bleibender Bildungsferne und letztendlich Altersarmut. Insgesamt sind laut AK die verfügbaren Nettoeinkommen der Arbeitnehmer seit Mitte der 1990er-Jahre trotz oder auch wegen enormer Erhöhung der Unternehmensgewinne nicht mehr gestiegen. 

 

Was hat dies nun alles mit der Vorarlberger Landesbibliothek zu tun? Sehr viel. Denn ob die thematische Analyse nunmehr von der Seite der Arbeitsmarktstrategien und politischen Interventionen zur Bildungsgerechtigkeit, oder aber der Hintergründe und Folgen sozialer Ungleichheit her in Angriff genommen wird, die VLB bietet dazu aktuelle und grundlegende Literatur quer durch die betroffenen Fächer sowohl zur Einführung als auch zur wissenschaftlichen Vertiefung. Wer sucht, der/die findet und schafft sich damit rechtzeitig ein Fundament an Wissen und größeren Lebenschancen gegen Demagogen und Glaubenskrieger aller Art:

 

Bildungs- und Chancengerechtigkeit

 

Bildungssoziologie

 

Bildungspolitik

 

Soziale Ungleichheit, Einkommens- und Vermögensverteilung

 

Politisches Verhalten

Böhmen liegt am Meer

3. April 2017 von Wolfgang Köhle

 

Ihre ruinöse Beziehung mit Max Frisch endet in einem beinah tödlichen physischen und psychischen Zusammenbruch. Ins Leben und Schreiben zurück fand Ingeborg Bachmann, indem sie sich auf eine Winterreise nach Prag begab. Ein Gedicht des Glücks ist das auf dieser Reise entstandene „Böhmen liegt am Meer”. Das Zugrundegehen versteht sich nicht als Untergang, sondern ein „Auf den Grund kommen”, als Begreifen des „Grunds der Dinge”.

 

Böhmen liegt am Meer

 

Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.

Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund.

Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.

 

Bin ich's nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.

 

Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich's grenzen.

Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.

Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.

 

Bin ich's, so ist's ein jeder, der ist soviel wie ich.

Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehn.

 

Zugrund – das heisst zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.

Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.

Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.

 

Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe

unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,

und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen

 

Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,

wie ich mich irrte und Proben nie bestand,

doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.

 

Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags

ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.

 

Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,

ich grenz, wie wenig auch an alles immer mehr,

 

ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,

begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl

   zu sehen.

MünchenBerlinZürich Piper [2016]

MünchenBerlinZürich Piper [2016]

Carte de Visite/Carte cabinet

31. März 2017 von Mag. Norbert Schnetzer

 

Ab sofort ist die Sammlung Carte de Visite/Carte cabinet via volare verfügbar!

 

Als Carte de Visite werden auf Karton fixierte Abzüge von Porträtaufnahmen in den Formaten von ca. 6 × 9 cm (Visitenkartenformat) und ca. 10 x 15 cm (Kabinettformat) bezeichnet, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr populär waren. Aufgrund ihres kleinen Formats und der rationellen Herstellung mehrerer Abzüge mittels einer neuen Kamera mit vier Objektiven waren sie für eine breitere Bevölkerungsschicht erschwinglich und trugen deshalb nicht nur wesentlich zur Verbreiterung der Fotografie bei, sondern werden zu Recht auch als erster fotografischer Massenartikel bezeichnet. Visitenkartenporträts wurden üblicherweise an Nahestehende verschenkt und in eigens mit entsprechenden Passepartouts versehenen Fotoalben gesammelt. Zu einem eigenen Geschäftszweig entwickelten sich Porträts von Prominenten, die in großer Zahl produziert und zum Kauf angeboten wurden. 

 

Die Sammlung der Vorarlberger Landesbibliothek enthält mehr als 600 verschiedene Porträtaufnahmen, die von nicht weniger als 24 Vorarlberger Fotografen aus acht Gemeinden angefertigt wurden. Die abgelichteten Personen sind uns in den meisten Fällen leider nicht bekannt, auch eine Datierung ist kaum möglich, jedoch verdeutlichen die auf der Rückseite des Kartons aufgedruckten Anzeigen des jeweiligen Fotografen die beträchtliche Verbreitung dieses Gewerbes im 19. Jahrhundert in unserem Land. Allein für die Zeit von 1863 und 1879 können in Vorarlberg an die 20 fotografische Ateliers nachgewiesen werden.

Foto: Sammlung Carte de Visite, Vorarlberger Landesbibliothek <a href="http://pid.volare.vorarlberg.at/o:142629">http://pid.volare.vorarlberg.at/o:142629</a>

Foto: Sammlung Carte de Visite, Vorarlberger Landesbibliothek http://pid.volare.vorarlberg.at/o:142629

Normopathie

29. März 2017 von Wolfgang Köhle

 

Überinformation und Überkommunikation machen uns krank.

 

„Selbst die größte Ansammlung von Informationen, Big Data, verfügt über sehr wenig Wissen. Anhand von Big Data werden Korrelationen ermittelt. Die Korrelation ist die primitivste Wissensform, die nicht einmal in der Lage ist, das Kausalverhältnis, d.h. das Verhältnis von Ursache und Wirkung, zu ermitteln. Die Frage nach dem Warum erübrigt sich hier. Es wird also nichts begriffen. Wissen ist aber Begreifen. So macht Big Data das Denken überflüssig.”

 

Überproduktion und Überkonsum machen uns krank.

 

„Ohne Korrektur des Neoliberalismus entsteht eine verunsicherte, angstgesteuerte Masse, die sich leicht von den nationalistischen, völkischen Kräften vereinnahmen lässt. Die Angst um sich manifestiert sich nicht nur im Fremdenhass, sondern auch als Selbsthass. Gesellschaft der Angst und Gesellschaft des Hasses bedingen einander.”

 

Die Gleichmacherei der Globalisierung macht uns krank.

Frankfurt/Main Fischer S. 2016

Frankfurt/Main Fischer S. 2016

 

„Der Globalisierung wohnt eine Gewalt inne, die alles austauschbar, vergleichbar und dadurch gleich macht. Das totale Ver-Gleichen führt letzten Endes zu einer Sinnentleerung. Der Sinn ist etwas Unvergleichbares. Das Monetäre allein stiftet weder Sinn noch Identität. Die Gewalt des Globalen als Gewalt des Gleichen vernichtet die Negativität des Anderen, des Singulären, des Unvergleichbaren. Gerade da, wo das Gleiche auf das Gleiche stößt, erreicht das Kapital die höchste Geschwindigkeit.”

 

Medienkritisch und kulturpessimistisch wie Jean Baudrillard beschreibt Byung-Chul Han, Essayist und gesellschaftskritischer Philosoph, in Die Austreibung des Anderen die Zeit, in der es den Anderen, in der es Individualität gab, als gewesene. Willkommen im Reich des Terrors des Gleichen und des transparenten Verhaltens.

Wilhelm Purtscher und die Arlbergbahn

27. März 2017 von Mag. Norbert Schnetzer

 

Ab sofort ist die Sammlung Josef Wilhelm Purtscher via volare verfügbar!

 

Wilhelm Purtscher leitete von 1923 bis 1954 die Bahnmeisterei Dalaas und gilt neben Julius Lott, dem Erbauer der Arlbergbahn, als die zweite große Pionierfigur in der Geschichte der Arlbergbahn.

 

In seine Dienstzeit fällt die Herstellung zahlreicher Steinschlag-, Felsabbruch- und Lawinenverbauungen entlang der Westrampe. So geht die Entwicklung des Arlberg-Drahtseilschneezaunes auf seine Person zurück. Diese Sonderkonstruktion als auch der Arlberg-Schneerechen haben sich auf der Arlbergstrecke besonders bewährt. Der Umstand, dass sich Purtscher im Verlaufe seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Bahnmeister in der Lawinenverbauung ein enormes Wissen aneignen konnte, trug dazu bei, dass er als Lawinenfachmann von den ÖBB auch außerhalb des Klostertales bei Verbauungen zu Rate gezogen wurde.

 

In der Nacht vom 11. auf den 12. Jänner 1954 zerstörte die abgehende Muttentobellawine das Bahnhofsgebäude von Dalaas, das auch von Bahnmeister Purtscher und seiner Frau bewohnt wurde. Mit ihnen fanden acht weitere Personen, die sich teils im Warteraum, teils in den Wohnräumen des ersten Stockwerkes aufhielten, den Tod.

Das private Bildarchiv von Wilhelm Purtscher wurde im Jahre 2007 seitens der Österreichischen Bundesbahnen der Landesbibliothek Vorarlberg übergeben. Sein Bildarchiv umfasst insgesamt 1012 Fotos aus den Jahren 1923 bis 1939. Purtscher dokumentierte in erster Linie seinen Tätigkeitsbereich als Bahnmeister. Zum damaligen Zeitpunkt waren der Bahnmeisterei Dalaas zwei Lehnenpartien als auch eine Oberbaupartie zugeordnet, denen Purtscher vorstand. Sie zeichneten für die Herstellung von Steinschlag-, Felsabbruch- und Lawinenverbauungen als auch für die Instandhaltung der Strecke verantwortlich.

 

Die Identifizierung und Beschreibung der Aufnahmen von Wilhelm Purtscher erfolgte dankenswerterweise durch Herrn Michael Laublättner aus Dalaas, einem der profiliertesten Kenner der Geschichte der Arlbergbahn (www.arlbergbahn.at).

Foto: Sammlung Josef Wilhelm Purtscher, Vorarlberger Landesbibliothek <a href="http://pid.volare.vorarlberg.at/o:146731">http://pid.volare.vorarlberg.at/o:146731</a>

Foto: Sammlung Josef Wilhelm Purtscher, Vorarlberger Landesbibliothek http://pid.volare.vorarlberg.at/o:146731

vivat bacchus

23. März 2017 von Wolfgang Köhle

 

„Wer sich am Absoluten berauschen will, soll den Rausch nicht zügeln. Doch Abhängigkeit und Befreiung sind nur eine Nuance voneinander entfernt. Der sich auf den Offenbarungsrausch Zutrinkende sitzt auf beiden Stühlen. Der Exzess gemahnt eher an den Trunkenbold als an die Trunkenheit. Es ist gar nicht so einfach, sie genau voneinander zu trennen oder zu unterscheiden. Man darf nicht übereilt einen guten von einem schlechten Gebrauch des Rausches trennen. Trunksucht ist noch in der erhabensten Trunkenheit: Trunksucht, das heißt Abhängigkeit und Verfall.”

 

Suffographie ist die Kunst, im Zustand der Trunkenheit zu schreiben. In dieser Art Trunkenheit versucht der WeinGeist Jean-Luc Nancy, die Nuance, die das Spirituelle von der Spirituose trennt, auszuloten. „Die Philosophie hat nie aufgehört zu trinken, trotz allem Anschein, den sie wahren musste, um einer allgemeinen Vorstellung von Weisheit oder Wissen zu entsprechen. Doch Philosoph zu sein heißt gerade, zu wissen, dass sophia und soif, Weisheit und Durst, derselbe Gedanke sind.”

WienBerlin Turia + Kant [2015]

WienBerlin Turia + Kant [2015]

 

Auch mit Texten kann man auf die Trunkenheit, auf den bacchantischen Taumel anstoßen. Vergessen wir nicht Baudelaires Gebot, wenn wir uns betrinken:

„Doch woran? An Wein, an Dichtung, an Tugend, ganz wie Sie möchten. Doch betrinken Sie sich.”

Was wäre geschehen wenn …

20. März 2017 von Wolfgang Köhle

 

Für Issac Reznikoff, neunzehnjähriger russisch-jüdischer Einwanderer aus Minsk, läuft in seiner Wahlheimat Amerika nichts so, wie er es sich vorgestellt hat. Das Leben ist ein einziger Kampf von dem Tag an, als er das Schiff im New Yorker Hafen verlässt. Beim Warten auf die Befragung durch einen Einwanderungsbeamten kommt er mit einem anderen russischen Juden ins Gespräch. Der Mann rät ihm:

Vergiss den Namen Reznikoff. Der wird dir hier nichts nützen. Du brauchst einen amerikanischen Namen, einen, der sich gut amerikanisch anhört. Da das Englische für Issac Reznikoff im Jahr 1900 noch eine Fremdsprache war, bat er seinen älteren, erfahrenen Landsmann um einen Vorschlag. Sag ihnen, du heißt Rockefeller, sagte der Mann. Damit kannst du nichts falsch machen. Eine Stunde verging, und noch eine, und als Reznikoff endlich bei dem Einwanderungsbeamten an die Reihe kam, hatte er den Namen, zu dem der Mann ihm geraten hatte, längst wieder vergessen. Ihr Name? fragte der Beamte. Der müde Einwanderer schlug sich verzweifelt an die Stirn und platzte auf Jiddisch heraus: Ich hob fargessen! Und so begann Isaac Reznikoff sein neues Leben in Amerika als Ichabod Ferguson.”

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2017

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2017

 

Das Leben ist – nicht notwendig – wie es ist. Es könnte aber auch anders, also kontingent sein: Der Zustand, in dem Tatsachen weder notwendig noch unmöglich sind. Kontingenzverweigerer interessieren sich nur für die Wirklichkeit, nicht aber die mit dem Möglichkeitssinn Begabte. Die Lebenskunst besteht darin, Zufälle und Kontingenzerfahrungen wie ein Gentleman zu ertragen, den Zufall zu mögen. Kontingenzen zu kultivieren und zu bewältigen ist eine Kunst. Die Meisterschaft besteht aber darin, sie zu erfinden, so wie der großartige Kontingenzerweiterer Paul Auster in seinem neuen Roman 4321 auf nicht weniger als 1258 Seiten.

Absolutes (Nicht)Wissen

14. März 2017 von Wolfgang Köhle

 

„Stellen wir uns einen Gott vor, der nicht alles sieht und weiß, der nicht meine Gedanken lesen kann, sondern auf meine Beichte angewiesen ist, einen Gott, der einen großen Anderen außerhalb seiner selbst braucht – ließe sich nicht nur von einem solchen Gott behaupten, dass er existiert? Ist totales Wissen nicht mit Nichtexistenz verbunden, und erfordert Existenz nicht zwangsläufig ein gewisses Nichtwissen? Ein solch paradoxes Verhältnis von Sein und Wissen fügt dem Standardgegensatz zwischen dem gewöhnlichen Materialismus, für den Dinge unabhängig von unserem Wissen über sie existieren und dem subjektivistischen Idealismus, für den Dinge nur insofern existieren, als sie von einem Geist erkannt oder wahrgenommen werden, ein drittes Element hinzu: Dinge existieren, insofern sie nicht erkannt werden.”

 

Ja, nicht nur dem Wissen, auch Unwissen wohnt keine intersubjektive Objektivität inne, sie sind sozial konstruiert. Wer wüsste das besser als Slavoj Zizek? In seinem neuen Werk Absoluter Gegenstoß versucht er eine Neubegründung des dialektischen Materialismus. Wie immer deckt er Widersprüche mit Verve und Witz auf. Wie alle richtigen Denker ist er ein Meister des Selbstwiderspruchs und hat das Recht auf Irrtum noch lange nicht ausgeschöpft. Autor und Leser tragen es mit Humor.

Frankfurt/Main S. Fischer [2016]

Frankfurt/Main S. Fischer [2016]

Altes Vorarlberger Handwerk

9. März 2017 von Mag. Norbert Schnetzer

Spitzkappenmacherin <a href="http://pid.volare.vorarlberg.at/o:145758">http://pid.volare.vorarlberg.at/o:145758</a> Foto: © Vorarlberger Landesbibliothek, Oliver Benvenuti

Spitzkappenmacherin http://pid.volare.vorarlberg.at/o:145758 Foto: © Vorarlberger Landesbibliothek, Oliver Benvenuti

 

Ab sofort ist die Sammlung Altes Vorarlberger Handwerk via volare verfügbar!

 

Die Sammlung besteht aus knapp 2000 S/W-Fotos und Dias, die von Oliver Benvenuti in den Jahren 1989 bis 1994 angefertigt wurden. Die Aufnahmen dokumentieren in eindrücklicher Weise unterschiedliche handwerkliche Tätigkeiten im ganzen Land, die heute nur noch selten, teilweise auch gar nicht mehr anzutreffen sind. Die Palette reicht vom Schrägsäger über den Teuchelmacher und Faßbinder bis hin zum Mäusefänger und der Kürschnerin. Einige der hier präsentierten Fotoaufnahmen hat der Verleger, Buchautor und Fotograf Oliver Benvenuti in seinem 1993 erschienen Buch Altes Handwerk in Vorarlberg bereits veröffentlicht. Nun sind über die Bilddatenbank volare der Vorarlberger Landesbibliothek alle seine in langjähriger Arbeit erstellten Bilddokumentationen zu rund hundert Handwerksberufen einsehbar und für den Privatgebrauch frei verfügbar. Eine gewerbliche Nutzung ist nur in Absprache mit Herrn Benvenuti erlaubt.

Säumer <a href="http://pid.volare.vorarlberg.at/o:146042">http://pid.volare.vorarlberg.at/o:146042</a> Foto: © Vorarlberger Landesbibliothek, Oliver Benvenuti

Säumer http://pid.volare.vorarlberg.at/o:146042 Foto: © Vorarlberger Landesbibliothek, Oliver Benvenuti

Mutter-Vater-Kind und Liebhaber

7. März 2017 von Wolfgang Köhle

 

„Ich zähle mich zu den Unschuldigen, bin von Bündnissen und Verpflichtungen unbeschwert, ein freier Geist trotz meines beschränkten Lebensraums. Es gibt niemanden, der mir widerspräche, der mich ermahnte, ich habe keinen Namen, keine Adresse, keine Religion, keine Schulden und keine Feinde. Mein Terminkalender, wenn es ihn denn gäbe, vermerkte höchstens den baldigen Termin meiner Geburt.”

 

Gerade noch ein unbeschriebenes Blatt und schon wird das allwissende, knapp neun Monate alte Ungeborene Gram, Ungerechtigkeit, Unsinn, Verrat und Chaos  – dem Leben also – ausgeliefert. Die Mama betrügt den Ehemann mit dessen Bruder.     

 

„Wenn die Liebe stirbt und eine Ehe in Scherben liegt, gehört die ehrliche Erinnerung an die Vergangenheit zu den ersten Opfern, der anständige, unparteiische, wahrhafte Blick zurück. Zu unbequem, zu kritisch für die Gegenwart. Das Gespenst vergangenen Glücks als Zaungast beim Fest von Scheitern und Verzweiflung. In diesem Gegenwind des Vergessens will ich meine kleine Kerze der Wahrheit anzünden und sehen, wie weit ihr Licht reicht.”

Zürich Diogenes-Verlag 2016

Zürich Diogenes-Verlag 2016

 

Meisterromancier Ian McEwan erzählt spannend, philosophisch und humorvoll. Gehört oder gelesen gehört die Nussschale. Very british.

Dichter-Porträts

2. März 2017 von Wolfgang Köhle

 

Schweigen ist ja ein gutes Mittel, um Menschen zum Reden zu bringen. Aber wie bringt man als Besucher das Gespräch professionell in Gang, wie soll die erste Frage lauten? Der Literaturkritiker Volker Weidermann will die Werke der Schriftsteller nicht entzaubern, sondern beim Zaubern dabei sein. Mehr als 50 seiner Lieblingsautoren begegnet er in Dichter treffen.

 

„Wenn ich Schriftsteller treffe, komme ich nicht als Kritiker. Den kritischen Prozess, das Lesen und Urteilen, das habe ich schon hinter mir, wenn ich einen Autor frage, ob ich ihn treffen könne. Ich komme dann nicht als Richter, Fehlersucher, auch nicht als Enthüller, sondern als Leser, der, bei aller Lesemanie, Menschen immer noch lieber mag als Bücher. Ich komme in der Regel ohne Aufnahmegerät, oft auch ohne Block und Stift, höre vor allem zu und schaue. Richtige Interviews mache ich fast nie. Am liebsten wäre es mir, wenn ich nur eine Frage stellen müsste. Eine perfekte Anfangsfrage, und dann ist der Schriftsteller dran. Die meisten reden gern. Schreiben ist ja eine einsame Sache, man kommt nicht viel an die Luft, nicht viel unter Leute.”

Köln Kiepenheuer und Witsch 2016

Köln Kiepenheuer und Witsch 2016