Lesung mit Martin Walser (Überlingen) aus seinem im März erscheinenden neuen Roman „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte” (Berlin: Rowohlt 2018) Veranstalter: Franz-Michael-Felder-Archiv

Einführung und Moderation: Dr. Ulrike Längle

Datum

06.06.2018 Mittwoch
06. Juni 2018,
20:00 Uhr

Ort

Foyer des Vorarlberger Landestheaters

6900 Bregenz
Eintritt frei!

Veranstalter

Franz-Michael-Felder-Archiv

Zählkarten ab 14. Mai bei Bregenz Tourismus, Tel. 05574/4959

„Was, bitte, wäre ich lieber als ich? Alles andere als ich.”
Das sagt Justus Mall, der früher einmal anders hieß. Oberregierungsrat war er, zuständig für Migration, aber dann kam der Tag, an dem er etwas Unbedachtes machte, und seitdem ist er Philosoph, zuständig für alles und nichts. Doch das ist nicht das einzige Dilemma seines Lebens. Tag und Nacht liegt er im Streit mit den Umständen, zu denen er es als Liebender hat kommen lassen. Ist es vielleicht leichter, keine Frau zu haben als nur eine? Er jedenfalls liebt zwei, und weil das nicht gehen kann, beginnt er, einen Blog zu schreiben – auf der Suche nach einem Menschen, der genau das ist, was ihm fehlt.
Was für ein sagenhaftes Paradox: Ein Mann, für den Wirklichkeit ein Gespinst aus erfundenen Fäden ist, hofft ausgerechnet in einem Weblog, so etwas wie Nähe zu finden. Er richtet seine Selbstgespräche an eine unbekannte Geliebte und weiß doch, sie ist nicht mehr als eine Illusion. In früheren Romanen ließ Martin Walser noch Briefe und E-Mails hin und her gehen, in „Gar alles” gibt es das nicht mehr. Hier ruft einer ins Irgendwo, ist zurückgeworfen auf sich selbst, hat für das, was er empfindet, keinen Adressaten mehr. Ein völlig geklärt geschriebener Roman über lauter Ungeklärtes, ein in seiner existentiellen Dringlichkeit ungeheuerliches, überwältigendes Buch.
 


Martin Walser, 1927 in Wasserburg geboren, lebt in Überlingen am Bodensee. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis, 1998 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und 2015 den Internationalen Friedrich-Nietzsche-Preis. Außerdem wurde er mit dem Orden „Pour le Mérite” ausgezeichnet und zum „Officier de l’Ordre des Arts et des Lettres” ernannt.

Bilder und Nachlese


Eine Walser-Lesung in Bregenz ist immer etwas ganz besonderes, pflegt doch der Überlinger Autor schon seit vielen Jahren freundschaftliche Beziehungen zu Vorarlberg. So hat er z. B. die Bezeichnung „Randspiele” für die Gegenveranstaltung zu den Bregenzer Festspielen in den 70er Jahren geprägt. Gestern füllte das Publikum das Theaterfoyer bis auf den letzten Platz, um eine Lesung aus Walsers neuem poetischen, philosophischen und politisch unkorrekten Roman „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte” zu erleben. Der 91jährige Walser war in Begleitung seiner Frau Käthe und des Schriftstellers Arnold Stadler gekommen. Er geht mittlerweile am Stock, aber ansonsten wirkt er keineswegs altersmüde. Mit suggestiver Stimme las er aus den Blog-Briefen des ehemaligen Juristen Justus Mall, einer typischen Walser-Figur (Mann zwischen zwei Frauen), der aus dem Amt entfernt wurde, weil er in eine Situation geraten ist, die heute unter „Metoo” firmiert, was dem Roman, der bereits 2017 abgeschlossen war, unverhoffte Aktualität beschert. An diesem Abend kam besonders die Komiker-Seite von Walser, der von Ulrike Längle in ihrer Einleitung als „Charlie Chaplin vom Bodensee” tituliert wurde, zur Geltung, aber auch seine oft provokanten Gedanken zu den Frauen, zur Liebe und zur Politik. Er erzählte von seinen Aufenthalten in Amerika, das einzige Land der Welt, das er als zweite Heimat bezeichnen würde – in dem Buch sind auch Gedichte in englischer Sprache enthalten – , von einem Leser, der überzeugt ist, dass Walser für den Roman seine Gedanken verwendet hat, deren Aufzeichnungen er verloren hat, und von seinem nächsten Werk, das bereits im November erscheinen wird. Für Ulrike Längle war es die letzte Lesung nach 32 Jahren Veranstaltertätigkeit im Rahmen des Felder-Archivs (die erste Lesung war 1986). Sie dankte dem Publikum und bekam vom Obmann des Felder-Vereins, Mag. Norbert Häfele, zum Abschied einen Blumenstrauß überreicht.

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