VLB BLOG - Februar 2018

 

Correcturi te salutant

27. Februar 2018 von Wolfgang Köhle

Der satirische Polemiker und „schärfster Stänkerer der Nation” Wiglaf Droste sorgt fern jeglicher sprachlicher Korrektheit für Wirbel; giftpilzartig, sprachkritisch, glossenhaft.

Correcturi al gusto

Das sogenannte Korrekturprogramm meines Rechners hat beschlossen, sein Dasein originell zu gestalten. Aus „Irland” macht es „Iraland”, Ira wie Irish Republican Army oder ira = der Zorn oder wie Ira Gershwin; „wir” wird „wirr”, da wird – respektive wirrt – es dann schon etwas frech, und jedes Mal, wenn ich „Vitello” schreibe, erfolgt automatisch die eigenmächtige Änderung zu „Video”. So wird aus einem köstlichen Vitello tonnato schnell ein bizarres Video tomato. Ave Caesar, correcturi te salutant…

Kalte Duschen, warmer Regen : Geschichten, Sprachglossen, Miniaturen

Berlin Edition TIAMAT 2018

Berlin Edition TIAMAT 2018

Hormonelles Brodeln

20. Februar 2018 von Wolfgang Köhle


Mit zwölf ist man vom Eros eingeschüchtert. Vor allem wenn das Erbe der Mutter unkontrollierte amouröse Leidenschaften sind, der Vater jedoch Treue als Erbschaft anbietet. Libero, ein Junge kurz vor der Pubertät, hat Mühe, seine Kindheit hinter sich zu lassen. Wie jeder (un)vernünftige Leser verliebt sich auch Libero in eine  Bibliothekarin. Er küsst Marie, von geradezu unhöflicher Anmut, auf die Wange. „Und da wurde mir zum ersten Mal bewusst, was es bedeutete, eine Frau zu überraschen. Es gab mir ein Gefühl von Vollendetheit. Und als ich das Ausleihformular ausfüllte, bemerkte ich, dass meine Befangenheit Frauen gegenüber nicht mehr so ausgeprägt war. Die Bücher verlagerten meinen Schwerpunkt und handelten nach einem ungeschriebenen Gesetz: Sie brachten mich zur Welt. Als Marie mich fragte, ob ich bereits Freunde in Paris hätte, sagte ich Nein, ich sei eine Insel ohne Meer. Eine Insel ohne Meer. Das war ein Satz, den ich, wie Papa mir empfohlen hatte, benutzen sollte, um Frauen zu umgarnen.”

Der Eros hinterlässt Spuren, auch bei Libero.

Der Roman Obszönes Verhalten an privaten Orten ist laut Corriere della Sera „einer der besten italienischen Romane aller Zeiten”.
Ob diese Urteil wahrheitsfähig ist, weiß nur, wer selber liest.

Stuttgart Tropen [2017]

Stuttgart Tropen [2017]

Sinnologie

15. Februar 2018 von Wolfgang Köhle

Der Sinologe Jean-François Billeter versucht in seinem Denken und Schreiben sowohl das Gemeinsame als auch das Verschiedene zwischen westlicher und chinesischer Philosophie zu sehen und zu verstehen. Gerne sitzt er frühmorgens im Café, folgt seinen Gedanken, lässt sich von ihnen treiben. Geistesabwesend auf die Gespräche der anderen Gäste hörend überlässt er es ihnen – seinen Gedanken –, sich wieder zu melden. Seinem Schicksal kann man nicht entgehen, seinen Gedanken auch nicht.

„Habe ich dieses souveräne Wohlbefinden erreicht, bildet sich in mir eine Leere. In ihr taucht nach einer Weile fast immer eine Idee auf. Ich notiere sie, wenn sich das passende Wort findet. Zeichnet sich eine Idee ab, entsteht in der Leere ein leichtes Kräuseln. Ich schaue aufmerksam hin, um sie zu fassen, sobald sie Gestalt annimmt, bevor sie sich wieder auflöst oder sich mit anderen vermischt. Ich muss rasch und sicher zugreifen, um den Augenblick nicht zu verpassen. Manchmal ist mein Zugriff verfrüht, sodass ich den Gedanken wieder freilasse und warte, bis er ausgeformt wiederkehrt.”

Ein Paradigma

Berlin Matthes & Seitz 2017

Berlin Matthes & Seitz 2017

Bewandert

9. Februar 2018 von Wolfgang Köhle


„Der Biwak ist ein Luxus, der es später schwer erträglich macht, in Palästen zu übernachten.”

Die einzige Medizin gegen die Dunkelheit ohne Nebenwirkung, die alles in Gang setzt, mit der heilsamen Wirkung, den eigenen Rhythmus zu finden, ist das Gehen.
Nach heroischen Fernreisen durchwandert der Vagabund Sylvain Tesson Frankreich Auf versunkenen Wegen. Nachdem er sich, den Clown auf einem Dach spielend, Rippen, Schädel und Wirbel nur wenige Millimeter an der Querschnittslähmung vorbei gebrochen hat, voller Schrauben, Vernarbungen, einem schiefen Gesicht und einem tauben Ohr, macht er sich  auf die Suche nach Menschen, denen die Gesundheit von Pflaumen wichtiger ist als ein schneller Internetzugang. Eine Weitwanderung in vier Monaten, vom Mercantour bis in die Normandie, im Biwak unter freiem Himmel, also in Sicherheit.

„Wenn der Anblick einer Eiche in einem goldgelben Feld mich so ergriff, dass ich sie grüßte, warf ich ein paar Zeilen in mein Notizbuch. Sie schwenkte zum Gruß ihre Äste. Die Wanderung war ein Angelvergnügen: Es vergingen Stunden, dann plötzlich spürte man einen leichten Zug, vielleicht ein Fang? Ein Gedanke hatte angebissen! Am Abend schlief ich ein und hinter meinen Lidern flogen die Bilder der Laterna magica vorbei. War das ein eingeschränktes Leben? Ja. Doch eingeschränkt im einfachsten Sinn. Dem schönsten vielleicht. Die Herausforderung bestand darin, diese leichte Spannung zu erhalten.”

München Knaus [2017]

München Knaus [2017]

(Selbst-) Infantilisierung

6. Februar 2018 von Wolfgang Köhle

 

Während die ökonomische Ungleichheit zunimmt und sich eine Handvoll Superreicher den globalen Reichtum aufteilt, diskutieren Linke über politische Korrektheit und gendergerechte Schreibeweisen. Werdet erwachsen!, ruft der Philosoph Robert Pfaller den Binnen-I-Mimosen zu. Nur wer sich eine dicke Haut zulegt, kann den Kampf gegen den Neoliberalismus aufnehmen. Im Gegensatz zu den politisch nicht korrekt als Luxuswissenschaften bezeichneten Kulturwissenschaften ist den MINT-Fächern die gendergerechte Sprache fremd, ebenso wie Warnhinweise auf Mikroaggressionen in Skripten, Texten und Vorlesungen, wie sie an amerikanischen Universitäten üblich sind.

„Wenn man von Dingen wie ‚Mikroaggressionen’ spricht, trifft man eben die Mehrheit der Leute nicht mehr, die weitaus größere und weniger elitäre Sorgen und Probleme haben – zum Beispiel in Gestalt von Makroaggressionen. Und wenn in Europa die Sozialdemokratie nur noch steht für Binnen-Is, Rauchverbote und Ratschläge für den Umgang mit Zwischengeschlechtlichkeit, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass Eltern, die nicht wissen, wie sie ihren Kindern den Schulausflug bezahlen sollen, anders wählen. Wenn die fortschrittlichen Kräfte westlicher Gesellschaften das Ideal erwachsener politischer Bürgerlichkeit nicht für sich in Anspruch nehmen und es durch den Einsatz für zunehmende Gleichheit verteidigen, dann wird die extreme populistische Rechte den entsprechenden Gewinn in Besitz nehmen.”

Eine Polemik gegen die Auswüchse der politischen Korrektheit für alle PC-Verachtung-Begabte ist Erwachsenensprache: über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur.

Frankfurt am Main Fischer [2017]

Frankfurt am Main Fischer [2017]

Bücherlust

1. Februar 2018 von Wolfgang Köhle

 

„Bibliotheken sind attraktiv, sonst kämen die Menschen nicht. Sie sind offen für alle, zugleich geschützt, kostenlos, politisch und religiös neutral. Die Leute nutzen die Bibliothek als Arbeitsplatz, als Treffpunkt, für Ruhe und Konzentration, zum Stillen, hier gibt’s auch stille Örtchen.”

Nichts hält uns davon ab, das neue Jahr mit einem dreifachen Hoch auf alle Liebhaberinnen und Liebhaber zu beginnen. Lang und formidabel sollen, insbesondere, alle Bücherliebhaberinnen und Bücherwürmer leben!

Mehr von Menschen und Büchern ist zu lesen in Bücherkisten.

Mainz ventil 2017

Mainz ventil 2017

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