VLB BLOG - Juli 2018

 

Probeliegen

31. Juli 2018 von Wolfgang Köhle

Zerfällt der Körper, ist das Bewusstsein vernichtet. Friede ist da, endlich. Oder doch nicht? Nur ein Schriftsteller wie Robert Seethaler ist imstande, das zu fassen, was nicht zu fassen ist, und sich erzählenderweise zu fragen, ob es schwieriger ist, als Lebender über den Tod nachzudenken als umgekehrt.

„Auf meinem Grabstein steht: GOTT IST GROSS UND WIR SIND SEINE KINDER. Ich frage mich, wer zum Teufel hat das dort eingemeißelt? Ich bin der Sohn meiner Mutter Aiasha al-Bakri und meines Vaters Abu Navid Muhamed al-Bakri. Ob bei meiner Entstehung auch Gott mitgewirkt hat, kann ich nicht sagen. Ich habe ihn nie kennengelernt.”

Auf zum Friedhof, probeliegen und den Geschichten der Toten lauschen.
Oder dem Autor beim Lesen zuhören, oder selber lesen. Das Feld.

München Hanser Berlin 2018

München Hanser Berlin 2018

Ökonomische Unvernunft

25. Juli 2018 von Wolfgang Köhle

Die traditionellen Grundannahmen ökonomischer Theorien fußen auf dem Konzept des rational handelnden Homo Oeconomicus - ein fataler Irrglaube. Grundlegend für menschliches Verhalten ist nicht ökonomische Vernunft sondern ganz einfach verhaltensökonomische Psychologie und die Wirtschaftspsychologie. Das beweist der humorvolle Nobelpreisträger und Ökonom Richard Thaler anhand vieler Beispiele aus Beruf und Alltag in Misbehaving : was uns die Verhaltensökonomie über unsere Entscheidungen verrät.

„Bevor Sie weiterlesen, sollten Sie bedenken, dass dieses Buch von einem nachweislich faulen Mann geschrieben wurde. Der Vorteil besteht darin, dass nur solche Themen darin vorkommen, die interessant sind – zumindest für mich.”

München Siedler 2018

München Siedler 2018

Cherchez la femme

13. Juli 2018 von Wolfgang Köhle

An seinem Sterbetag schreibt Tom mit seiner Kinderschrift auf einen Zettel, was sein Leben taugt.
Links auf seinem Zettel stehen seine Wünsche: „Eva, Respekt, Sinn, Ruhe.”
Rechts auf seinem Zettel steht sein Zustand, das Erreichte: „Nichts, da kommt nix mehr.”

„Bevor sich dieser 40-jährige Junge nach Art der Greise erhängen wird, wäscht er noch mal Wäsche, das Waschmittel muss immer Sunil sein („Top Sauberkeit, rechnen Sie mit dem Besten”), und während die Waschmaschine läuft, bestellt er sich eine Pizza (mit Salami, Spinat und Bratkartoffeln), dazu drei Dosen Bier (Warsteiner, er mag dieses Tantenbier eigentlich nicht, aber der Pizzadienst führt keine andere Sorte), er muss noch ein Geschenk einpacken, die Freundin seines Bruders hat Geburtstag, sie kriegt eine Flasche Parfüm (von Lagerfeld), das gleiche Parfüm benutzt auch seine Geliebte, die Unvergleichliche, die Sau, die Verräterin.”

Mit echtem Scheitern ist nicht zu spaßen. Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe erzählt traurig voller Heiterkeit von einer gescheiterten, lebensuntüchtigen Existenz, von Abgründen und Niederlagen. Fehlt nur noch das (Un)Glück mit den Frauen. Cherchez la femme.

Hamburg Tempo 2017

Hamburg Tempo 2017

Sei deiner selbst würdig

4. Juli 2018 von Wolfgang Köhle

„Rechtzeitig sterben – aber bis zum Äußersten leben: Das ist das Gebet. Sei deiner selbst würdig.”

Die Wichtigkeit und Bedeutung unserer individuellen Einmaligkeit und die gleichzeitige Unwichtigkeit und Bedeutungslosigkeit unseres individuellen Seins – das zu verstehen versucht hat der ungarische Literaturnobelpreisträger, Auschwitz und Buchenwald-Überlebende Imre Kertész insbesondere in seinen Tagebüchern und autobiographischen Romanen.

„Ich versinke für Tage im Nichtsein; es ist keine Depression, sondern eine müde Suspendierung der physisch-geistigen Existenz, ohne äußere oder innere Ursache, eine ruhige Version von Chaos, eine lautlose Art, die mich verschluckt, die aus mir Kraft schöpft – falls ich in mir oder dem, was mich verschluckt, überhaupt irgendeine Kraft oder damit zu bezeichnende Energie-Ausstrahlung spürte; und dennoch ist es keine Erholung, weil es von einer dunklen Vorahnung bezüglich der Tatsache meiner Existenz begleitet wird, das heißt dem Gefühl von Unwahrscheinlichkeit und von schlechtem Gewissen, da ich außerstande bin, die unbezweifelbaren Beweise für meine Ansicht hinter irgendeiner Tätigkeit zu verbergen. – Wer spricht hier von Literatur? Die letzten Zuckungen notieren – das ist alles.”

Aufzeichnungen 1991 – 2001

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2016

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2016

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