Stiftsbibliothek
Die heutige Stiftsbibliothek wurde im Jahre 1910 nach Plänen des vor allem durch seine Kirchenbauten bekannt gewordenen Schweizer Architekten Adolf Gaudy (1872-1956) aus Rapperswil errichtet. Der original erhaltene Jugendstilraum diente bereits dem Benediktinerkonvent St. Gallusstift als Bibliothek und beeindruckt durch die zarte Schablonenmalerei an Decke und Wänden, seine bleiverglasten Fenster französischer Herkunft, den Terrazzoboden und vor allem durch die eigens für diesen Raum angefertigten, hervorragend gearbeiteten Eichenholzregale. Seit der Adaptierung des Gebäudes zur Landesbibliothek bietet die Stiftsbibliothek rund 11.500 Büchern Platz und beherbergt heute die ältesten und wertvollsten Bestände der Vorarlberger Landesbibliothek.
Foto: Vorarlberger Landesbibliothek
Zum historischen Buchbestand der Landesbibliothek zählen Werke aus sechs Jahrhunderten, darunter 425 Handschriften und 115 Inkunabeln sowie rund 40.000 Druckwerke, die in der Zeit vom 16. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Die Bücher stammen zu einem großen Teil aus den Bibliotheken ehemaliger Vorarlberger Klöster, etwa jener der Kapuziner in Bregenz und Bezau, deren Bestände in ihrer Gesamtheit übernommen werden konnten, oder der Jesuiten in Feldkirch (Stella Matutina). Auch der Benediktinerkonvent aus Mariastein (Kanton Solothurn), der das Gallusstift in den Jahren 1906 bis 1915 errichtete, überließ im Zuge des Verkaufs des Klosterkomplexes an das Land Vorarlberg im Jahre 1982 eine beträchtliche Anzahl an alten Drucken der damals noch sehr jungen, 1977 gegründeten Vorarlberger Landesbibliothek.
Foto: Vorarlberger Landesbibliothek
Daneben birgt die Stiftsbibliothek in ihren Beständen auch einzelne interessante ehemalige Privatbibliotheken. Besonders zu erwähnen ist hier die Bibliotheca Emsiana, auch wenn sich von der einstmals so großzügig ausgestatteten Palastbibliothek der Grafen von Hohenems - in ihr befanden sich so bedeutende germanistische Werke wie die Handschriften A und C des Nibelungenliedes oder die Handschrift A des Barlaam und Josaphat von Rudolf von Ems - nur noch spärliche Reste erhalten haben. Diese gelangten gemeinsam mit weiteren wertvollen Beständen Vorarlberger Provenienz über den 1857 gegründeten Vorarlberger Landesmuseumsverein, deren Mitglieder die ersten waren, die sich intensiv um die Sammlung und Bewahrung von historischem Buchgut aus und zu Vorarlberg bemühten, und dem Vorarlberger Landesarchiv in die Landesbibliothek.
Für die Geschichte und Kultur das Landes von besonderem Interesse sind selbstredend die sogenannten Vorarlbergensien, jenes Schrifttum, das in Vorarlberg gedruckt bzw. von Vorarlbergern verfasst wurde oder über das Land Vorarlberg berichtet.
Einen Schwerpunkt bildet dabei die Sammlung “Vorarlberger Drucke”. Die Geschichte des Buchdrucks in Vorarlberg beginnt mit der von Bartholomäus Schnell dem Älteren 1616 in Hohenems gedruckten Emser Chronik, die zu den Kostbarkeiten der Sammlung zählt. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts wurden zudem in Feldkirch und Bregenz Buchdruckereien eingerichtet, die – teilweise mit Unterbrechungen – bis 1850 und darüber hinaus Bücher auf den Markt brachten.
Foto: Vorarlberger Landesbibliothek
Insgesamt sind es mehrere hundert Werke – darunter auch Unikate – aus den verschiedenen Offizinen der Vorarlberger Buchdrucker, die in der Stiftsbibliothek unter sehr guten konservatorischen Bedingungen verwahrt werden. Ziel der Vorarlberger Landesbibliothek ist es, sämtliche in Vorarlberg erzeugten Druckwerke zumindest in einem Exemplar im Original zu sichern und der Forschung zur Verfügung stellen zu können.
Auch bereichern zahlreiche Werke geistiger Größen aus dem Lande die Altbuchsammlung der Landesbibliothek. In der Sammlung “Vorarlberger Autoren” vertreten sind unter anderem der Humanist Georg Joachim Rheticus (1514-1574) aus Feldkirch, der einzige Schüler des Nikolaus Kopernikus, der in Bregenz geborene kaiserliche Hofhistoriograph Jakob Mennel (um 1460-1526), die in Wittenberg tätigen Reformatoren Johannes (um 1490-1534) und Bartholomäus Bernhardi (1487-1551) aus Schlins, der in Feldkirch wirkende Historiker und Genealoge Gabriel Bucelin (1599-1681), der Komponist Laurentius von Schnifis (1633-1702), der gelehrte Kapuzinerpater Lucianus Montifontanus (um 1630-1716) aus Schruns sowie der Exorzist Johann Josef Gaßner aus Braz (1727-1779), um nur einige wenige zu nennen. Gerade die Werke früher Vorarlberger Autoren bieten einen guten Einblick in die Geistes- und Kulturgeschichte des Landes.
Zu den besonders hervorzuhebenden Beständen in der Altbuchsammlung zählen natürlich die schon kurz erwähnten Handschriften sowie die frühesten Druckwerke, Inkunabeln oder Wiegendrucke genannt.
Foto: Vorarlberger Landesbibliothek
Die älteste in der Landesbibliothek verwahrte Handschrift stammt aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Erhalten geblieben ist jedoch lediglich das erste, mit einer gotischen Minuskel versehene Blatt dieser Handschrift, weil es als Einband für einen Druck aus dem 15. Jahrhundert verwendet wurde. Es handelt sich um den Beginn des De bello judaico, eine Abhandlung des jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus (37/38-um 100) über den Aufstand der Juden gegen die Römer in den Jahren 66 bis 74 n. Chr.
Foto: Vorarlberger Landesbibliothek
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Neben weiteren mittelalterlichen Handschriften stechen vor allem chronikale Werke, die aus der Bibliothek des Kapuzinerklosters Bregenz in die Landesbibliothek gelangten, hervor – etwa die 1656 bzw. 1660 entstandenen Chroniken des Mehrerauer Benediktinermönchs Franciscus Ransperg (1609-1670), der darin über die Geschichte der Stadt Bregenz und des Klosters Mehrerau in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges berichtet, oder die 1788 fertiggestellte Topographische Beschreibung von Vorarlberg und dem Rheinthale des aus Bludenz stammenden Kapuzinerpaters Anizet Riedinger (1740-1818).
In der Handschriftensammlung der Landesbibliothek findet sich auch eine sowohl in ihrem Umfang als auch in ihrer ästhetischen Gestaltung bemerkenswerte Sammlung von handgeschriebenen Gebetbüchern des 17., vorwiegend 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Ein beachtlicher Teil der über 60 durchwegs katholischen Gebetbücher beeindruckt durch die kalligraphische Ausgestaltung mit zahlreichen Verzierungen mittels Aquarellminiaturen oder Tuschzeichnungen. Diese spätbarocke volkstümliche Schönschreibkunst zeigt sich auch in etlichen, erhalten gebliebenen Schulzeugnissen aus dem Bregenzerwald.
Foto: Vorarlberger Landesbibliothek
Die Druckwerke des 15. Jahrhunderts faszinieren durch ihre handwerkliche Qualität, die sich in kunstvollen Schriftarten, wunderbarer Buchmalerei, detaillierten Holzschnitten und aufwendig gestalteten Bucheinbänden manifestiert. Unter ihnen befinden sich so bedeutende wie das mit zahlreichen handkolorierten Holzschnitten versehene Werk des Jacobus de Voragine über das Leben der Heiligen, das 1488 in Nürnberg bei Anton Koberger erschienen ist, oder die lateinische Ausgabe der in derselben Werkstatt gedruckten Schedel‘schen Weltchronik, die als “das größte illustrierte Werk der Inkunabelzeit” gilt und bei deren Entstehung auch der Feldkircher Arzt und Kosmographen Hieronymus Münzer mitgewirkt hat. Erfreulicherweise haben sich auch acht Wiegendrucke aus dem 1806 aufgelösten Benediktinerkloster Mehrerau erhalten, dessen Bibliothek damals ja zum größten Teil vernichtet wurde.
Die Bestände in der Stiftsbibliothek werden durch sicherheitstechnische Einrichtungen und eine moderne Klimaanlage geschützt, damit sie noch viele Jahrhunderte einem interessierten Publikum zur Verfügung stehen. Sämtliche in der Stiftsbibliothek verwahrten Druckwerke sind über v*Find, dem Suchportal der Vorarlberger Landesbibliothek, auffindbar und können nach Terminvereinbarung eingesehen werden.