VLB BLOG - Unruhe bewahren

Über Bücher, Bibliotheken, Gott und die Welt

 

Hormonelles Brodeln

20. Februar 2018 von Wolfgang Köhle


Mit zwölf ist man vom Eros eingeschüchtert. Vor allem wenn das Erbe der Mutter unkontrollierte amouröse Leidenschaften sind, der Vater jedoch Treue als Erbschaft anbietet. Libero, ein Junge kurz vor der Pubertät, hat Mühe, seine Kindheit hinter sich zu lassen. Wie jeder (un)vernünftige Leser verliebt sich auch Libero in eine  Bibliothekarin. Er küsst Marie, von geradezu unhöflicher Anmut, auf die Wange. „Und da wurde mir zum ersten Mal bewusst, was es bedeutete, eine Frau zu überraschen. Es gab mir ein Gefühl von Vollendetheit. Und als ich das Ausleihformular ausfüllte, bemerkte ich, dass meine Befangenheit Frauen gegenüber nicht mehr so ausgeprägt war. Die Bücher verlagerten meinen Schwerpunkt und handelten nach einem ungeschriebenen Gesetz: Sie brachten mich zur Welt. Als Marie mich fragte, ob ich bereits Freunde in Paris hätte, sagte ich Nein, ich sei eine Insel ohne Meer. Eine Insel ohne Meer. Das war ein Satz, den ich, wie Papa mir empfohlen hatte, benutzen sollte, um Frauen zu umgarnen.”

Der Eros hinterlässt Spuren, auch bei Libero.

Der Roman Obszönes Verhalten an privaten Orten ist laut Corriere della Sera „einer der besten italienischen Romane aller Zeiten”.
Ob diese Urteil wahrheitsfähig ist, weiß nur, wer selber liest.

Stuttgart Tropen [2017]

Stuttgart Tropen [2017]

Sinnologie

15. Februar 2018 von Wolfgang Köhle

Der Sinologe Jean-François Billeter versucht in seinem Denken und Schreiben sowohl das Gemeinsame als auch das Verschiedene zwischen westlicher und chinesischer Philosophie zu sehen und zu verstehen. Gerne sitzt er frühmorgens im Café, folgt seinen Gedanken, lässt sich von ihnen treiben. Geistesabwesend auf die Gespräche der anderen Gäste hörend überlässt er es ihnen – seinen Gedanken –, sich wieder zu melden. Seinem Schicksal kann man nicht entgehen, seinen Gedanken auch nicht.

„Habe ich dieses souveräne Wohlbefinden erreicht, bildet sich in mir eine Leere. In ihr taucht nach einer Weile fast immer eine Idee auf. Ich notiere sie, wenn sich das passende Wort findet. Zeichnet sich eine Idee ab, entsteht in der Leere ein leichtes Kräuseln. Ich schaue aufmerksam hin, um sie zu fassen, sobald sie Gestalt annimmt, bevor sie sich wieder auflöst oder sich mit anderen vermischt. Ich muss rasch und sicher zugreifen, um den Augenblick nicht zu verpassen. Manchmal ist mein Zugriff verfrüht, sodass ich den Gedanken wieder freilasse und warte, bis er ausgeformt wiederkehrt.”

Ein Paradigma

Berlin Matthes & Seitz 2017

Berlin Matthes & Seitz 2017

Bewandert

9. Februar 2018 von Wolfgang Köhle


„Der Biwak ist ein Luxus, der es später schwer erträglich macht, in Palästen zu übernachten.”

Die einzige Medizin gegen die Dunkelheit ohne Nebenwirkung, die alles in Gang setzt, mit der heilsamen Wirkung, den eigenen Rhythmus zu finden, ist das Gehen.
Nach heroischen Fernreisen durchwandert der Vagabund Sylvain Tesson Frankreich Auf versunkenen Wegen. Nachdem er sich, den Clown auf einem Dach spielend, Rippen, Schädel und Wirbel nur wenige Millimeter an der Querschnittslähmung vorbei gebrochen hat, voller Schrauben, Vernarbungen, einem schiefen Gesicht und einem tauben Ohr, macht er sich  auf die Suche nach Menschen, denen die Gesundheit von Pflaumen wichtiger ist als ein schneller Internetzugang. Eine Weitwanderung in vier Monaten, vom Mercantour bis in die Normandie, im Biwak unter freiem Himmel, also in Sicherheit.

„Wenn der Anblick einer Eiche in einem goldgelben Feld mich so ergriff, dass ich sie grüßte, warf ich ein paar Zeilen in mein Notizbuch. Sie schwenkte zum Gruß ihre Äste. Die Wanderung war ein Angelvergnügen: Es vergingen Stunden, dann plötzlich spürte man einen leichten Zug, vielleicht ein Fang? Ein Gedanke hatte angebissen! Am Abend schlief ich ein und hinter meinen Lidern flogen die Bilder der Laterna magica vorbei. War das ein eingeschränktes Leben? Ja. Doch eingeschränkt im einfachsten Sinn. Dem schönsten vielleicht. Die Herausforderung bestand darin, diese leichte Spannung zu erhalten.”

München Knaus [2017]

München Knaus [2017]

(Selbst-) Infantilisierung

6. Februar 2018 von Wolfgang Köhle

 

Während die ökonomische Ungleichheit zunimmt und sich eine Handvoll Superreicher den globalen Reichtum aufteilt, diskutieren Linke über politische Korrektheit und gendergerechte Schreibeweisen. Werdet erwachsen!, ruft der Philosoph Robert Pfaller den Binnen-I-Mimosen zu. Nur wer sich eine dicke Haut zulegt, kann den Kampf gegen den Neoliberalismus aufnehmen. Im Gegensatz zu den politisch nicht korrekt als Luxuswissenschaften bezeichneten Kulturwissenschaften ist den MINT-Fächern die gendergerechte Sprache fremd, ebenso wie Warnhinweise auf Mikroaggressionen in Skripten, Texten und Vorlesungen, wie sie an amerikanischen Universitäten üblich sind.

„Wenn man von Dingen wie ‚Mikroaggressionen’ spricht, trifft man eben die Mehrheit der Leute nicht mehr, die weitaus größere und weniger elitäre Sorgen und Probleme haben – zum Beispiel in Gestalt von Makroaggressionen. Und wenn in Europa die Sozialdemokratie nur noch steht für Binnen-Is, Rauchverbote und Ratschläge für den Umgang mit Zwischengeschlechtlichkeit, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass Eltern, die nicht wissen, wie sie ihren Kindern den Schulausflug bezahlen sollen, anders wählen. Wenn die fortschrittlichen Kräfte westlicher Gesellschaften das Ideal erwachsener politischer Bürgerlichkeit nicht für sich in Anspruch nehmen und es durch den Einsatz für zunehmende Gleichheit verteidigen, dann wird die extreme populistische Rechte den entsprechenden Gewinn in Besitz nehmen.”

Eine Polemik gegen die Auswüchse der politischen Korrektheit für alle PC-Verachtung-Begabte ist Erwachsenensprache: über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur.

Frankfurt am Main Fischer [2017]

Frankfurt am Main Fischer [2017]

Bücherlust

1. Februar 2018 von Wolfgang Köhle

 

„Bibliotheken sind attraktiv, sonst kämen die Menschen nicht. Sie sind offen für alle, zugleich geschützt, kostenlos, politisch und religiös neutral. Die Leute nutzen die Bibliothek als Arbeitsplatz, als Treffpunkt, für Ruhe und Konzentration, zum Stillen, hier gibt’s auch stille Örtchen.”

Nichts hält uns davon ab, das neue Jahr mit einem dreifachen Hoch auf alle Liebhaberinnen und Liebhaber zu beginnen. Lang und formidabel sollen, insbesondere, alle Bücherliebhaberinnen und Bücherwürmer leben!

Mehr von Menschen und Büchern ist zu lesen in Bücherkisten.

Mainz ventil 2017

Mainz ventil 2017

Nichts zu viel, nichts zu wenig

22. Dezember 2017 von Wolfgang Köhle

 

Nichts zu viel, nichts zu wenig

 

Die meisten guten Vorsätze sind spätestens nach Dreikönig perdu.

Der Selbstoptimierungs-Kultur zum Trotz – noch fitter, gesünder, attraktiver, überflüssiger, gescheite(rte)r(?), ect. – könnte das Motto für 2018 lauten:

 

Nichts zu viel, nichts zu wenig!

  

  

Das Team der Vorarlberger Landesbibliothek wünscht allen Lesern ein richtig gutes neues Jahr. Prosit 2018!

Parallelmonogam

15. Dezember 2017 von Wolfgang Köhle

 

„Hallo mein Name ist Viktor, ich bin hypersexuell. Diese Diagnose, hatte er die schöne Erfahrung gemacht, fanden Frauen interessant. Natürlich gab es Frauen, die sich davon abgestoßen fühlten und angewidert die Flucht ergriffen, aber die meisten taten es nicht, und je moderner, linker und liberaler sie waren, desto positiver nahmen Frauen Viktors Geständnis auf.“

 

„Besser als Treue“ meinte der legendäre Frauen-Sammler Gottfried Benn, der seine Leidenschaft(en) nicht unterdrückte, sondern in Kunst verwandelte: „Besser als Treue ist gute Regie“. Ganz anders dazu stand Honoré de Balzac. Nach jedem Stelldichein mit „Happy End“ in der Erregungskurve pflegte er seine Lippen „schon wieder ein Roman dahin“ seufzen zu lassen.

Keine Frage, besser ist eine wilde als eine unglückliche Ehe. Aber gänzlich unproblematisch und noch dazu  bereichernd ist nur die freie Liebe zu möglichst vielen Büchern. (Auch das Christkind hat parallelmonogame BücherliebhaberInnen besonders gerne.)     

 

Wer Alles über Beziehungen von der Vorarlberger Autorin Doris Knecht liest, erfährt, ob sich Ficktor an das 11. Gebot hält: „Lass dich nicht erwischen“.

 

„Sie hätten sich länger küssen können, sie hatten es gerochen, geschmeckt, gespürt, beide, aber sie taten es nicht. Sie wussten beide nicht, ob sie stolz sein sollten auf ihre Vernunft und ihre Selbstdisziplin, oder sich verfluchten, ob ihrer Feigheit und bescheuerten Zurückhaltung. Josi dachte: Verdammte Verschwendung! Wie kann man so eine Gelegenheit nur verstreichen, so ein Gefühl derart verpuffen lassen, als gäbe es das jeden Tag! Als könnte man sich das im Supermarkt nebenan besorgen! Wie oft kommt so ein Mensch, so eine Gelegenheit! Verfrevelte Verschwendung. Und Viktor dachte: Idiot! Aber gescheit. Treu. Braver Lebenspartner, diesmal, endlich. Aber VOLLIDIOT.“ …

Berlin Rowohlt 2017

Berlin Rowohlt 2017

Ritter der Poesie

7. Dezember 2017 von Wolfgang Köhle

 

Manch einer hat sich die Augen verdorben vom vielen Nichtlesen.

So einer ist er nicht.

Ein Bücherwurm, ein Bücheradler, ein Sich-Gesund-Leser ist er, nach dem Motto:

„Meinen täglichen Buchstaben gib mir heute!“

Und mit der Einsicht von 75 Jahren stellt er in Betrachtung seiner Irrtümer fest:

„Der Fortschritt im Altern: Ich weiß, wie dumm ich bin.“

Heilig ist ihm das Sakrament der Langsamkeit und sein Gebet des Innehaltens:

„Halte nur inne, und so wird deine Seele gesund.“

 

Peter Handke, passionierter Spaziergänger und sprachsensibler Welt-Wanderer beherrscht den geübten Blick für das Nicht-Wahrgenommene und die Kunst des genauen Hinsehens. Möge ihm die

Poesie, die Mutter der Wahrheit, seinen kritischen, streitbaren und rebellischen Charakter bewahren, und uns seine Form des Gebets, das Schreiben, weiterhin mit Neuerscheinungen wie Die Obstdiebin - oder Einfache Fahrt ins Landesinnere beglücken.

Alles Gute zum 75er wünschend vergessen wir nicht, dass der Mensch nur vom Brot und Büchern lebt und folgen Peter Handkes Aufforderung:

 

„Ich bitte Sie – Nein, ich bitte um überhaupt nichts- lesen Sie gefälligst.“

Berlin Suhrkamp 2017

Berlin Suhrkamp 2017

Denkkrümel

6. Dezember 2017 von Wolfgang Köhle

 

denken schütz vor

dummheit nicht

 

dummheit schütz 

vor denken nicht

 

 

Nur die Schule der (Wort)Askese kann uns noch retten angesichts vorweihnachtlicher Dauermusikberieselung. Auch der Dauer-Werbe-Durchfall hat nicht den Charakter einer Frohbotschaft und macht nicht froh noch munter. Um wieder gesund zu werden brauchen wir, wie es Wendelin Schmidt-Dengler formuliert, „ein paar zarte Gerstl-Texte, das ist das notwendige Medikament.”

 

 

Wird schon nix gutes sein

Wenn man das beste draus machen muss

 

 

die angst nicht alt zu werden

die angst alt zu werden

 

 

Wissen

Ist kein Ruhekissen

Sondern eine Peitsche

Damit was weitergeht

 

 

Nun endlich vollständig: Elfriede Gerstl, Werke

Graz Wien Literaturverlag Droschl 2017

Graz Wien Literaturverlag Droschl 2017

Schmetterlinge im Bauch

30. November 2017 von Wolfgang Köhle

 

Vladimir Nabokov hatte drei Leidenschaften: die Literatur, Schmetterlinge und seine Frau Vera. Seine Hingabe zu seiner Muse begann mit dem ersten Liebesgedicht, das er für sie 1923 schrieb, als er sie kaum ein paar Stunden kannte. Ihre Leidenschaft überdauerte über fünfzig Jahre Ehe. Obwohl selten getrennt, schrieb er der Freude seines Lebens zahllose Briefe. Keine Stunde getrennt, begann er schon mit den Zeilen „ich fange an, dich wahnsinnig zu vermissen ...”

 

Berlin, 1925

 

Meine süße, süße Liebe, meine Freude, mein sonniger Regenbogen,

wie es aussieht habe ich das ganze Käsedreieck gegessen, aber ich war auch wirklich hungrig …

gleich gehe ich raus in das weiche Licht, in den ausgekühlten Abendlärm, und ich werde Dich sowohl heute Abend lieben als auch morgen und am nächsten Tag und noch viele weitere, noch ganz viele weitere nächste Tage.

Das ist auch schon alles, meine Zartheit, meine unaussprechliche Wonne.

Ach ja: ich habe vergessen, Dir zu sagen, dass ich Dich liebe.

V.

 

PS: Ich liebe Dich

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2017

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2017

 

Montreux, 1969

 

Mein goldstimmiger Engel,

(ich kann mir diese Anreden nicht abgewöhnen)

Wie bezaubernd, von meinem Balkon aus Deine klare Stimme im Garten zu hören. Welch hübsche Töne, welch sanfter Rhythmus!

Cordially yours

VN

 

Schmerz ist der Vater, Liebe die Mutter der Weisheit. Briefe an Vera

Eulenspiegeleien

24. November 2017 von Wolfgang Köhle

 

Der Satz der Woche stammt aus der Feder von Lord Chesterfield und lautet:

„Ein schwacher Verstand ist wie ein Mikroskop, das Kleinigkeiten vergrößert und große Dinge nicht erfasst.”

 

Große Dinge wie seelische Verwüstungen und den Furor des Dreißigjährigen Krieges beschreibt Daniel Kehlmann mit gewohnt starkem Verstand und zaubertrickreicher Erzählkunst in seinem neuen Roman Tyll. Als Gaukler, Schelm und Hofnarr jongliert Tyll zwischen Glaubenskrieg, Aberglauben und sonstigen rohen menschlichen Dummheiten und dreht allen eine lange Nase als Überlebenskünstler. 

 

„Wir beteten viel, um den Krieg fernzuhalten. Zum Allmächtigen beteten wir und zur gütigen Jungfrau, wir beteten zur Herrin des Waldes und zu den kleinen Leuten der Mitternacht, zum heiligen Gerwin, zu Petrus dem Torwächter, zum Evangelisten Johannes und sicherheitshalber beteten wir auch zur Alten Mela, die in den rauen Nächten, wenn die Dämonen frei wandeln dürfen, vor ihrem Gefolge her durch die Himmel streift.

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2017

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2017

Wir beteten zu den Gehörnten der alten Tage und zum Bischof Martin, der seinen Mantel mit dem Bettler geteilt hat, als es diesen fror, sodass sie danach beide froren und beide gottgefällig waren, denn was nützt ein halber Mantel im Winter, und natürlich beteten wir zum heiligen Moritz, der mit einer ganzen Legion den Tod gewählt hatte, um nicht seinen Glauben an den einen und gerechten Gott zu verraten.”

               

Ein Schelm, wer nicht liest.

Eine Gazelle ist eine Gazelle

21. November 2017 von Wolfgang Köhle

 

In der Wüste kommen und gehen die Gedanken wie wilde Tiere. 

 

„Seit elf Jahren lieferten sie sich solche Kämpfe. Die korrekte, pingelige Jo kreuzte die Klingen mit dem notorisch schlechtgelaunten David, der das Gefühl hatte, Frauen wollten einem immer die kleinen Sünden abgewöhnen, die das Leben halbwegs lebenswert machten. Warum taten sie das? Waren sie neidisch, wenn das Leben männliche Kuriositäten und spontane Vergnügungen ohne ihr Einverständnis hervorbrachte?

Die belanglosen Streitereien der letzten Wochen verblassten. Letzen Endes waren es nur Worte, und Worte, so sagte sie sich, lösten sich auf, sobald die Sonne nur kräftig genug schien und man sich bewegt.”

 

Vor der Pforte der Geduld herrscht kein Andrang. Und so gibt es auch mitten in der Marokkanischen Wüste Ehestreitigkeiten. Damit nicht genug, ereignet sich auf dem Weg zur extravaganten Party im Gatsby-Stil mit Kokain, Champagner, Feuerwerk and so on ein tödlicher Unfall. Rettung bieten Zärtlichkeiten, Zynismen und einheimische Sprichwörter.

Berlin Verlag Klaus Wagenbach 2017

Berlin Verlag Klaus Wagenbach 2017

 

Denen man vergibt, literarischer Beweis, dass nicht alle Wege zum Herzen führen.

Natur, Tiere und endlose Weite

17. November 2017 von Sabrina Gerstenbrand

 

Im Bann des Nordens

 

Wenn dich die Stille umgibt, nur vereinzelt in weiter Ferne Vogelgezwitscher erklingt und du nur darauf wartest, in einem perfekten Moment auf den Auslöser deiner Kamera zu drücken, dann rast dein Herz vor Freude auf das bald entstandene Foto – oder vielleicht doch durch die Angst, da sich eine Eisbärenfamilie einen Weg durch den Schnee bahnt. Das Adrenalin zerreißt dich. Es lässt dich nicht klar denken. Soll ich näher? Vielleicht sieht mich die Familie? Was mach ich dann? Renn ich weg oder bleib ich stehen und beweg mich nicht?

Die Gedanken spielen mit dir und das nur, weil eine Familie einer fast komplett ausgestorbenen Art, von der du unbedingt ein Foto in deiner Sammlung haben möchtest, sich vor dir aufhält. 

Im Schnee von Alaska.

München Knesebeck [2017]

München Knesebeck [2017]

Mit jeder Sekunde, die du hier verbringst und wartest, wird es umso kälter. Deine Hände in den Handschuhen fangen langsam an zu zittern. Bald schon der ganze Körper, aber für dich gibt es im Augenblick nur eines.

 

Doch genau solche Situationen sind unglaublich. 

Wenn dir ein Fotograf genau von solchen Abenteuern erzählt, solltest du in seine Augen schauen und das Strahlen, das sie umgibt, betrachten.

 

Ganz ehrlich? Was will man mehr? 

Heutzutage ist vielen Leuten entfallen, wie schön und ungezähmt die Natur sein kann. Was wir den Tieren antun, vor allem den Eisbären. Ich persönlich bin sogar der Meinung, nicht mehr lange und es wird keine ewige Eislandschaft mehr geben. 

Aber nicht nur Eisbären sind betroffen…

 

Der Fotograf Bernd Römmelt hat mit diesen Bildern und Erzählungen bewirkt, dass ich mir gewünscht hätte, die Momente am liebsten mit ihm geteilt zu haben.

 

Weitere Bücher von Bernd Römmelt wie Hurtigruten und Bayerische Alpen sind ebenfalls bei uns im Bestand zu finden.

Alt UND Neu

14. November 2017 von Wolfgang Köhle

 

Die Jungen glauben, dass die Alten Narren sind.

Die Alten wissen, dass die Jungen Narren sind.

Viele architektonische Schätze früherer Epochen wurden aus Mangel an Respekt vernichtet. Zahlreiche Umbauten, Denkmalschutzprojekte und hochwertige Erweiterungen belegen auch das Gegenteil, indem Altes und Neues mit Bedacht kombiniert wird. Die Veränderung von historischen Gebäuden ist heute kein Tabu mehr, selbst Sakralbauten sind vor der Profanisierung nicht mehr sicher, wenn Kirchen z.B. in Wohngebäude umgebaut werden. „Auch wenn die Kirche gegenwärtig privat benutzt wird, wurde beim Umbau darauf geachtet, einen multifunktionalen Charakter zu erhalten. So kann das Gebäude relativ einfach in eine öffentliche Einrichtung wie eine Bibliothek, eine Buchhandlung, ein Museum oder auch wieder eine Kirche verwandelt werden. Das Gebäude wurde so wenig wie möglich verändert.”

Berlin Gestalten [2017]

Berlin Gestalten [2017]

 

Wie man alte Bausubstanz mit Liebe zum Detail saniert, zeigt Upgrade.

Eine ideale Balance zwischen Alt und Neu, zwischen restaurierten und umfunktionierten Gebäuden.

Saubande

10. November 2017 von Wolfgang Köhle

 

54 Kilogramm Schwein verbrauchen Österreicher pro Jahr und pro Kopf.  Frauen essen etwa halb so viel Fleisch wie Männer. Nur 2,2 Prozent werden als Bioschweine gehalten. Alle anderen fünf Millionen geschlachteten Schweine stehen auf 0,7 Quadratmeter Vollspaltböden aus Beton ohne Einstreu und haben keinen Auslauf. Schweine sollen sich nicht bewegen, sondern wachsen. Nichtsdestotrotz  kaufen mehr als die Hälfte der Konsumenten ausschließlich Schweinefleisch über Aktionspreise. 

Ein Lebensmittelkontrolleur bringt die Sauereien der Fleischindustrie ans Licht. In seinem Insider-Bericht Schweinebande! rechnet er mit einer Branche ab, deren Machenschaften uns gehörig den Appetit verderben sollten. 

 

„Während ich mich vom Metzgerlehrling hocharbeitete und nach und nach die Branche aus sämtlichen Blickwinkeln kennenlernte, vollbrachte die Lebensmittelindustrie wahre Wunder. So kam der Stabilisator in die Welt, das Veggiefett, das Separatorenfleisch und vieles Erstaunliche mehr. Nichts davon gehört ins Essen, aber es wird uns vorgesetzt und wir essen es. Bisher soll keiner dran gestorben sein.”

München Ludwig 2017

München Ludwig 2017

Deutschnationalismus

6. November 2017 von Wolfgang Köhle

 

„Als völkisch-deutschnationale Speerspitze der FPÖ haben die aus diesem Kreis kommenden Führungskader den Rassismus wieder zum Motor von Emotionalisierung und Radikalisierung gemacht. Sie führen Wahlkämpfe nach historischem Muster mit Hasskampagnen gegen Feindbilder und Sündenböcke. Ihre rücksichtslose Art der Stimmenmaximierung setzt sich über alle Regeln von Anstand, Fairness und Mitmenschlichkeit hinweg. Die zu Fake News verharmloste Verbreitung von Unwahrheiten ist zum systematisch und flächendeckend eingesetzten Instrument ihrer Wahlkämpfe und Mobilisierungskampagnen geworden.”

 

Der WahlKrampf ist vorbei, die Angstverkäufer sind vorerst wieder leiser. In Stille Machtergreifung : Hofer, Strache und die Burschenschaften belegt Hans-Henning Scharsach mit Fakten, was uns droht, wenn deutschnational schlagende Burschenschafter an die Macht kommen.

Wien K&S [2017]

Wien K&S [2017]

In Umarmung des Todes

31. Oktober 2017 von Wolfgang Köhle

 

Das letzte Buch des preisgekrönten Autors Peter Esterhazy ist das Krebstagebuch seines letzten Jahres, mit dem er betender-, singender- und spottenderweise gegen seinen Bauchspeicheldrüsenkrebs anzukämpfen versucht. Was passiert - in Umarmung des Todes - mit der Heiterkeit?

 

9. Juni 2015

Ich habe Angst. Oder ist das Furcht? Die Bauchspeicheldrüsenfee sagt mir, hier könne ich meine Heiterkeit einpacken. Dass die Kommunisten auch durch das Lachen besiegt wurden, durch das Auslachen, und dass das auch mit dem Krebs funktioniere, entgegne ich. Ich möge mein Leben radikal über-, durch- und neu denken.

 

2. Dez. 2015

Weil mir das Herz gestern bis zum Abend schwer geworden war, erwachte ich heute deprimiert. Ich deprimiere. Das sollte ich irgendwo loswerden und dann arbeiten.

München Hanser Berlin [2017]

München Hanser Berlin [2017]

 

10. Dez. 2015

In der Morgenstunde gab es wieder einiges an Innehalten, wie ein Filmriss, ich stehe da, schaue vor mich hin und denke nicht einmal an nichts. Auch daran nicht, woran ich überhaupt denken sollte. Dann ein Blick in den Spiegel und mir kommen die Tränen, fast schon vor Selbstmitleid.

 

Bauchspeicheldrüsentagebuch

Hor(r)ologie

19. Oktober 2017 von Wolfgang Köhle

 

Zeit wird zwar gemessen, kontrolliert, verkauft und verschwendet, aber besitzen kann man sie nicht. Weil die Zeit außerhalb von uns gar nicht existiert. Nicht die Zeit vergeht, wir vergehen. „Die Uhr ist etwas Interessantes, weil wir sie nicht auf die gleiche Art als ein Stück Technik betrachten wie Handys und Computer. Die meisten Technologien, die schon zehn Jahre alt sind, wirken unglaublich überholt; wenn ich also ein zehn Jahre altes Telefon nehme, lässt mich das ganz schön exzentrisch aussehen. Aber Sie tragen Ihre Armbanduhr aus den Fünfzigern, und das wirkt gar nicht auffällig. Heutzutage haben alle das gleiche Telefon, aber Uhren sind eines der wenigen äußerlichen Zeichen für Persönlichkeit geblieben.”

 

Die Kunst des Verweilens kann man lernen. Das Leben ist kurz, also Carpe diem et carpe noctem. Alle, die auf Zeitmanagement-Ratgeber pfeifen, sind nicht im Zeitfieber.

Darmstadt Theiss [2017]

Darmstadt Theiss [2017]

Weltepos

18. Oktober 2017 von Wolfgang Köhle

 

„Da ist der Hügel des Klaratsbergs, dort die gekappte Flanke der Hohen Niederen und die Horizontlinie der Kanisfluh, aus der die Mittagsspitze hervorsticht. Da sind Höfe und Häuser, die Masten einer Stromleitung, ein Kirchturm, an der Unterseite graue Wolken, das dunkle Grün des Waldes vor dem helleren der Wiesen, das Blau des Himmels, die stechende Sonne im Augenwinkel, die vom Fenster reflektierte Hälfte meines Gesichts, Stühle, der Tisch und eine Liege, Holz, Mauern, Wege, ein Hund, Nachbarn, Sommerkleider, Augen, Haut, Fleisch und Knochen, ohne dass ich wirklich sehe, was: nur dass sie sind. Alles ist da, jetzt, vorhanden, voll und dennoch flächig, gleichsam überhängend.”

München Der Hörverlag [2016]

München Der Hörverlag [2016]

 

Der im Bregenzerwald lebende Dichter Raul Schrott verbindet das Wissen der Welt mit Literatur und Poesie, indem er wissenschaftliche Erkenntnisse literarisch umsetzt und sie an einzelnen persönlichen Lebenserfahrungsgeschichten veranschaulicht. Das Erste Erde Epos – eineinhalb Kilogramm Buch oder das leichtere Hörbuch – erzählt in einem Langgedicht die Geschichte der Welt vom Urknall bis zur Entstehung des Lebens und der Evolution des Menschen.

Warum wir Irre wählen

13. Oktober 2017 von Wolfgang Köhle

 

Mehr dirty als campaigning ist die Wahlpropaganda der Nationalratswahl 2017. In der Giftküche sorgen Angstpolitiker, Maulwürfe, Doppelagenten und koalitionäre Schmutzkübler für Entgleisungen. Wahlentscheidend ist das Flüchtlingsthema. In Wahrheit geht es aber um die Frage der Verteilungsgerechtigkeit: Sind Österreicher für die Umverteilung zu jenen, die mehr haben als sie brauchen, oder zu Menschen, die weniger haben als sie benötigen? Die gerechte Lösung: Reiche Eltern für alle!

 

Im WahlKrampf wird gelogen wie „gedruckt”. Verlässliche Quellen (nicht nur in gedruckter Form) für den Faktencheck im Zeitalter von Postfaktizität, Fake News und alternativer Fakten sind und finden sich in Bibliotheken. Darüber hinaus wissen Leser, Warum wir Irre wählen.

Hamburg Hoffmann und Campe 2017

Hamburg Hoffmann und Campe 2017

Vive la France

11. Oktober 2017 von Wolfgang Köhle

 

Que ce soit la littérature, la cuisine française, la culture de la France, ou l'hospitalité française etc., les Frankophiles de tous les pays s'unissent – VIVE LA FRANCE

 

Heuer feiert der Passagen-Verlag seinen dreißigsten Geburtstag. 30 Jahre Passagen – das heißt über 1000 Bücher engagierten kritischen Diskurses. Beim Auftritt Frankreichs als diesjähriges Gastland der Frankfurter Buchmesse wird die Bedeutung des Passagen-Verlages für den intellektuellen Austausch zwischen Österreich und Frankreich besonders deutlich. Der Gründer Peter Engelmann meint zu Recht mit Stolz: „Ich denke, das Geheimnis des Passagen Erfolges ist, dass die Auswahl der Titel und die Arbeit mit unseren Autoren, die so oft unsere Freunde waren oder geworden sind, klaren politischen und philosophischen Ideen folgt, einfachen, transparenten Leitlinien, die für jeden erkennbar sind und die unter einem Dach eine große Vielfalt von Positionen, Zugängen und Schreibweisen ermöglichen. So finden Sie bei uns seit dem ersten Programm die Bücher von Sarah Kofman, Jean-François Lyotard, Jean Baudrillard, Jean-Luc Nancy und Jacques Derrida. Später kamen Autoren wie Slavoj Žižek, Jacques Rancière, Alain Badiou oder Hélène Cixous hinzu, die wir bis heute dem deutschsprachigen Publikum nahezubringen versuchen. Immer wieder entwickelt sich das Programm mit einer neuen Generation kritischer Denker weiter, wie zuletzt mit Grégoire Chamayou oder Ivan Segré aus Frankreich.”

Über Grenzen gehen

9. Oktober 2017 von Wolfgang Köhle

 

Über zwei Milliarden Menschen leben in Armut und leiden unter Hunger, Unterdrückung und Krieg. Derzeit gibt es weltweit 65 Millionen Flüchtlinge. Wann ist genug genug, wo sind die Grenzen der Unzumutbarkeit, wo überschreiten wir die eigenen Grenzen, für die Aufnahmepflicht gegenüber Migranten zu argumentieren? „Jemand kommt an einem Teich vorbei und sieht, dass eine Person zu ertrinken droht. Dann ist es offenkundig seine Pflicht, den Ertrinkenden zu retten, auch dann, wenn dies bedeutet, dass seine Kleidung dabei nass wird. Die wohlhabenden Länder haben eine moralische Pflicht, ihre Grenzen jedenfalls so lange offen zu halten, bis die Belastungen durch die Aufnahme unzumutbar groß werden. Peter Singer und zahlreiche philosophische Befürworter offener Grenzen fügen die empirische und wohl auch meist zutreffende Einschätzung hinzu, dass die Unzumutbarkeitsgrenze, also die Grenze, ab der die Belastungen der aufnehmenden Gesellschaft unerträglich werden, angesichts des unterdessen etablierten Wohlstands in den Reichtumsregionen der Welt sehr hoch angesetzt werden kann. Auch eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Wohnbevölkerung  in einem überschaubaren Zeitraum sollte dann nicht als unzumutbar gelten.”

Hamburg Edition Körber-Stiftung 2017

Hamburg Edition Körber-Stiftung 2017

 

Die Migrationspolitik scheint auch in Österreich das wahlentscheidende Thema zu sein. Parteien mit migrationsethischen Argumenten, die auf Werten und Normen der Humanität beruhen, scheinen bei dieser Wahl die sicheren Wahlverlierer zu sein.

 

Eine Ethik der Migration: Über Grenzen denken.

Finsterblaues Meer

29. September 2017 von Wolfgang Köhle

 

„Am Ende ist immer Stille. Kein Lärmen so laut und anhaltend, dass die Stille mit ihrem stets längeren Atem nicht gelassen ihr Ende abwarten könnte.”

 

Ein Einzelgänger entfremdet sich auf seinen ausgedehnten Spaziergängen in der rauen Natur auf den Färöer Inseln immer mehr von sich und seiner Familie. Manch einer kommt erst im Weggehen zu sich. Um sich selbst zu entkommen und sich selbst zu finden – auch  darum liest man Bücher wie Der Atem der Vögel aus der Feder von Klaus Böldl.

 

„Mitten im Sommer, mitten am Tag herrscht um unser Haus herum oft eine sorgfältige Lautlosigkeit, als sei man tatsächlich zugeschneit bis unters Dach und als habe weit um einen herum jeglicher Verkehr aufgehört. Es ist keine argwöhnische, beunruhigte Stille, die auf irgendein Geschehnis lauert, noch weniger eine, die zuvor alles Hörbare erstickt hätte, sondern ein sanftes und zugleich regsames und durchsichtiges Schweigen, ein durch jahrtausendelange Übung geräuschlos gewordenes Miteinander sein und Ineinandergreifen der Dinge. Inmitten dieses Schweigens versucht sich nur in großen Abständen einmal ein Klang, als gelte es von Zeit zu Zeit die Hörbarkeit der Dinge zu überprüfen.”

Frankfurt am Main S. Fischer [2017]

Frankfurt am Main S. Fischer [2017]

Jazz-Legenden

25. September 2017 von Wolfgang Köhle

 

Wir sind alle Bluesmänner und Bluesfrauen. Jeder Mensch hat den Blues. Ein Konzept, den Blues zu überwinden und die Tränen zu unterdrücken, ist Lachen. Lachen in Form von Improvisation, Gebet, Ausschweifung, Coolness, Selbstauflösung, Paraphrasen, Komposition und Performance, alles zur selben Zeit, das ist Jazz. In American Jazz Heroes geht es um Jazz, um sonst nichts.

 

„Jazz ist keine Musik, die du analysierst, sondern der Jazz analysiert dich.” Pat Martino

 

„Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das gespielt, was ich fühlte und was ich hörte, ohne dabei auf die Akkordfolge zu achten. Daraufhin haben sie mich gefeuert.” Ornette Coleman

 

„Miles flüsterte mir ins Ohr: Jeder Musiker ist ein Dieb. Ich habe mir Websters Sound nur mal kurz ausgeliehen.” Eddi Henderson

 

„Wo sind all die Musiker, die ich kannte und mit denen ich gespielt habe? Und wo sind all die Frauen?” George Coleman

 

„An Miles Davis' Klingel stand das Schild: ‚Wenn du mich nicht kennst, klingel nicht, sondern verschwinde wieder.’ Das hatte mich etwas eingeschüchtert.” Oliver Lake

 

„Dizzy Gillespie hat dich immer zum Lachen gebracht – es gab gar keine Zeit, nervös zu sein.” Kenny Burrell

  • Köln jazz thing 2013

  • Köln jazz thing 2016

Wie poetisch ist das denn?

20. September 2017 von Wolfgang Köhle

 

„Wenn ich eine Woche lang nicht schreibe, werde ich regelrecht krank. Ich kann nicht laufen. Mir ist schwindlig. Ich liege im Bett herum, ich kotze. Und wenn ich morgens aufwache, kriege ich schon keine Luft mehr. Spätestens dann muss ich mich an die Schreibmaschine setzen und tippen. Sollte man mir die Hände abschlagen, würde ich mit den Füßen tippen.”

 

In Briefen an Weggefährten und Gönner schreibt Literaturikone Charles Bukowski über das Schreiben und über den Fight mit sich und mit dem Leben.

 

„Bei der ganzen Dichterei muss man locker bleiben. Ich freue mich immer wenn ich zwischendurch ein bisschen Prosa einschieben kann, es tun auch Saufen oder ein handfester Streit mit der Frau. Ab und zu sitze ich in sogenannten Werkstattgesprächen und haben den Eindruck, diese Leute würden noch an Mahagoni herumwienern. Ich glaube das kommt davon, wenn man zu viel studiert und zu wenig lebt. Hemingway hat bis zum Anschlag gelebt und verhedderte sich trotzdem in seinem Handwerk, und nach einer Weile wurde sein Handwerk zum Käfig und brachte ihn um. Meiner Meinung nach muss hier jeder seinen Weg finden. Wohlgemerkt, ich sage das nicht als Meister aller Klassen. Aber trinken wir lieber einen, das bringt Glück, und hoffen wir ansonsten, dass uns die Damen auch weiterhin lieben, unserer runzligen Seele und unserer verdorrten Schenkel zum Trotz. Wie poetisch ist das denn? Shit.”

 

Ein großes Glas auf Hank!

Köln Kiepenheuer & Witsch 2017

Köln Kiepenheuer & Witsch 2017

Digital Detox

8. September 2017 von Wolfgang Köhle

 

„Wir wissen, wo sie sind. Wir wissen, wo sie waren. Wir wissen mehr oder weniger, worüber sie nachdenken”, meint Eric Schmidt, der damalige Chef und heutige Verwaltungsratsvorsitzende von Google, und fügt folgenden guten Rat hinzu: „Wenn es irgendetwas gibt, was man nicht über sie wissen sollte, dann sollten sie es vielleicht gar nicht tun.”

 

Aber wie Morbus Google bekämpfen, wie die totalen Überwachung überwinden, wie entkommen wir dem digitalen Hamsterrad, der digitalen Leibeigenschaft, der Online- und Smartphone-Sucht, wie biegen wir vom Highway of Datahell ab?

 

Ganz einfach: Om statt On.

 

Oder mit analoger Digitaltherapie in Form von Lesen: Die beste Selbstverteidigung gegen Handy-Terror, E-Mail-Wahnsinn & digitale Dauerablenkung ist Mail halten!

Frankfurt am Main Campus [2017]

Frankfurt am Main Campus [2017]

Gesunder Menschenverstand

31. August 2017 von Mirella Sprenger

 

Madame Zizibe ist ungeduldig. Sie hebt ihren linken Fuß und lässt ihn über dem Boden schweben, während sie mich aus den Augenwinkeln verstohlen fragend ansieht ... und bevor ich meinen Finger heben und „Nein!” sagen kann, verleiht sie ihrer Ungeduld durch resolutes Scharren noch mehr Ausdruck. Na toll ... das Hufeisen ist eh schon locker, die Kratzspuren verraten wieder mal dem ganzen Stall unseren Standort und ich war wieder mal zu langsam. Und wieder mal führt mir mein sensibler Wiffzack vor Augen, dass ich noch hart an meiner Achtsamkeit, Klarheit und Konsequenz arbeiten muss.

Pferde geben ihren Menschen umgehend schonungslos ehrliches Feedback über ihre Persönlichkeit. Wer sich selbst wirklich kennenlernen und gegebenenfalls weiterentwickeln will, dem sei der bewusste Umgang mit Pferden empfohlen. Dazu muss man nicht gleich zum Reiter werden. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Seminaren und Kursen zu Persönlichkeitsentwicklung mit Pferden ... oder - falls die Scheu (noch) zu groß ist - leihen sie erst mal eines unserer Bücher zu diesem Thema aus.

 

Das Herdentier Pferd ist jedoch nicht nur Spiegel der menschlichen Persönlichkeit, sondern will bekanntlich auch geführt werden. Somit ist es der ideale Trainingspartner für Führungskräfte, die ihre Führungsqualitäten testen und verbessern wollen. Einstiegsliteratur hierzu: Horse Sense oder wie Alexander der Große erst ein Pferd und dann ein Weltreich eroberte : drei Schritte zum Charisma der Führung

 

Übrigens:

Horse Sense = gesunder Menschenverstand

(Langenscheidt Wörterbuch Englisch-Deutsch)

Historische Wanderwege

28. August 2017 von Mag. Thomas Feurstein

 

Die Sammlung Tiefenthaler ist nun via volare verfügbar!
Helmut Tiefenthaler verfasste zahlreiche hochwertige Wanderführer über Vorarlberg (Wege in die Vergangenheit, Wege in die Natur, Barrierefrei wandern etc.). Über viele Jahre hinweg beging er zu allen Jahreszeiten die dort beschriebenen Routen. Dabei entstanden etwa 2.500 Fotografien, die zum Teil als Illustrationen in seinen Führern Verwendung fanden. Ein Schwerpunkt der Sammlung liegt auf der Beschreibung historischer Wege (Arlbergweg, Walgauweg...). Dr. Helmut Tiefenthaler war viele Jahre Mitarbeiter der Abteilung Raumplanung in der Landesregierung und entwickelte dort das einheitliche Wegekonzept für ganz Vorarlberg.

Röns, östl. vom Ortsrand, Foto: Helmut Tiefenthaler, Vorarlberger Landesbibliothek <a href="https://pid.volare.vorarlberg.at/o:149533">https://pid.volare.vorarlberg.at/o:149533</a>

Röns, östl. vom Ortsrand, Foto: Helmut Tiefenthaler, Vorarlberger Landesbibliothek <a href="https://pid.volare.vorarlberg.at/o:149533">https://pid.volare.vorarlberg.at/o:149533</a>

Land der begrenzten Möglichkeiten

24. August 2017 von Gabriel Greber

 

„It’s important to understand that privileged and powerful sectors have never liked democracy and for very good reasons. Democracy puts power into the hands of the general population and takes it away from the privileged and the powerful.”

Die New York Times nannte ihn einst den „einflussreichsten westlichen Intellektuellen” und zugleich den „bekanntesten Dissidenten der Welt”. Im Zeitraum zwischen 1980 und 1992 war er die am häufigsten zitierte lebende Person der Welt. Noam Chomsky, Linguist, Philosoph und politischer Aktivist, ist mit seinen 88 Jahren nach wie vor einer der prominentesten Kritiker der US-amerikanischen Politik. Sein Werk „Requiem for the American Dream” zeigt anhand von 10 Prinzipien und mithilfe historischer Texte auf, wie Politik und Wirtschaft dafür sorgen, dass die soziale Ungleichheit stetig zunimmt. Während Macht und Geld sich zusehends in den Händen Weniger konzentriert, ist der amerikanische Traum längst zum Mythos verkommen. 

Ursprünglich ist das Werk als Dokumentarfilm erschienen, mittlerweile gibt es auch das Buch zum Film, wobei das Buch dreimal mehr Text aufweist. Die VLB hat sowohl die Dokumentation als auch das Buch für Sie erworben.

New York SEVEN STORIES PRESS [2017]

New York SEVEN STORIES PRESS [2017]

Vorarlbergs befestigte Vergangenheit

18. August 2017 von Jakob Lorenzi

 

Unser Land gilt im Allgemeinen als ein burgenkarges. Bedenkt man aber, dass nur in sehr wenigen Tälern überhaupt Burgen und Befestigungen zu finden sind, ergibt sich hier ein gegenteiliges Bild – allein der Walgau und das Rheintal weisen eine sehr hohe Burgendichte vor.

 

Diese Burgen sind nicht nur für Freunde der Geschichte und der Archäologie von großem Interesse, auch BürgerInnen können sich hier ein eingehendes Bild von der Vergangenheit Vorarlbergs als „den Herrschaften vor dem Arlberg” machen. Die Varianz reicht dabei von intakten Gemäuern wie der Schattenburg in Feldkirch, der Burg Gloppers in Hohehems oder Schloss Wolfurt in Wolfurt über beachtliche Ruinen wie Alt Ems in Hohenems und die Neuburg in Koblach bis zu kaum zu findenden Grundmauern verfallener Burgen wie Frastafeders in Frastanz, Alt Montfort in Weiler oder der Heidenburg in Göfis.

Schloss - Wolfurt / Foto: Helmut Klapper, Vorarlberger Landesbibliothek <a href="https://pid.volare.vorarlberg.at/o:49007">https://pid.volare.vorarlberg.at/o:49007</a>

Schloss - Wolfurt / Foto: Helmut Klapper, Vorarlberger Landesbibliothek <a href="https://pid.volare.vorarlberg.at/o:49007">https://pid.volare.vorarlberg.at/o:49007</a>

 

Den Burgen haben sich in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Historikern und Interessierten gewidmet, wie beispielsweise Andreas Ulmer oder Casimir Walch. Das jüngste Exemplar, Die Vorarlberger Burgen von Alois Niederstätter, hat nun auch seinen Weg in die Bestände der Vorarlberger Landesbibliothek gefunden. Das Werk bietet einen soliden Überblick über die 32 als Burgen klassifizierte Objekte und ist ein heißer Tipp für alle, die sich in ein Vorarlberg vor der Erwerbung durch die Habsburger hineinversetzen wollen.

Korallenriffe

14. August 2017 von Stephan Prugger

 

Eine der faszinierendsten Unterwasserzonen sind Korallenriffe. In ihnen lebt und gedeiht eine enorme Fülle an Lebewesen. Die Basis bilden langsam wachsende Steinkorallen. Sie vergrößern mit der Zeit das Riff und bieten anderen Lebewesen somit einen Ort zum Leben. Zwischen ihnen können sich jetzt andere Korallen, Würmer, Weichtiere, Schwämme, Krebse und Fische ansiedeln. Es bildet sich sogar eine Unterwasser-Waschstraße aus, zu der Wale, Haie und andere Fische schwimmen und sich säubern lassen können.

 

Sie sind sowohl für das Meer und deren Bewohner, als auch für uns Menschen von großem Interesse. Die Farbenpracht fesselt, die Vielfalt überwältigt, das Zusammenspiel so vieler unterschiedlicher Arten fasziniert und die Bedeutung für die Forschung, sowohl für die Biologie als auch für die Medizin, kann fast nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Darmstadt Theiss [2017]

Darmstadt Theiss [2017]

 

Dem, der mehr von dieser Unterwasserwelt wissen möchte, sei das Buch „Korallenriffe: lebendige Metropolen im Meer” sehr ans Herz gelegt.

 

Viel Spaß bei der Lektüre.

Wer schreibt, der bleibt

7. August 2017 von Wolfgang Köhle

 

„Lass dir keinen Gedanken inkognito passieren und führe dein Notizheft so streng wie die Behörde das Fremdenregister”, notiert Walter Benjamin in Die Technik des Schriftstellers in dreizehn Thesen. Notizbücher sind transportable Schreib- und Erinnerungslabors. Und Botschaft für sich selber. Ob das Vorläufige, das Flüchtige in Sudelbüchern, ob der handschriftliche Schaffensprozess in die flüchtige Digital-Born-Kultur hinübergerettet werden kann, werden zukünftige Archivare, Philologen, Nachlassverwalter und Handschriften-Editionen beweisen müssen. Wer weder analog noch digital Spuren hinterlassen will, handelt nach dem Motto: „Heute schreib ich nichts auf, ich behalte alles für mich.”

 

Das Festhalten von Wahrnehmungen in Notizbüchern war für Peter Handke von Anfang an ein wichtiges Arbeitsmittel. Notieren heißt für ihn üben. Schreiben muss geübt werden.

[Wien] Praesens [2017]

[Wien] Praesens [2017]

 

„Ich habe keine Themen, über die ich schreiben möchte, ich habe nur ein Thema: über mich selbst klar, klarer zu werden (…) zu lernen, was ich falsch mache, was ich falsch denke, was ich unbedacht denke, was ich unbedacht spreche, was ich automatisch spreche, was auch andere unbedacht tun, denken, sprechen; aufmerksam zu werden und aufmerksam zu machen: sensibler, empfindlicher, genauer zu machen und zu werden, damit ich und andere auch genauer und sensibler existieren können …”

 

Vorhang auf für die Welt der Notizen und Notizbücher: Die Welt der Notiz

Menschinen-Erotik

2. August 2017 von Wolfgang Köhle

 

Gegenwärtig wird die „Ehe für alle” gefordert. Wortwörtlich genommen ist die „Ehe für alle” bei allem Liberalismus eine Bedrohung: Müssen jetzt ALLE HEIRATEN? In einer Zeit von anonymem Cybersex, in dem uns Zukunftsszenarien hardware- und softwareoptimierte Menschinen-Erotik voraussagen? 

Selig sind, die den Sinn für das Romantische nicht verlieren.

 

„Die Partner-Vertragskultur wird sich polarisieren. Je größer die Bindungsunlust, die Single-Melancholie und Verletzung durch Trennung, desto entschiedener wird die Ehe wiederentdeckt. Für einen Teil der Liebenden wird sie neu codiert: als scharf, geil, heiß – als selbstbewusste, rebellische Alternative zur ewigen Ambivalenz. Ende des Zweifels, Ende des Rumeierns, des in die Partnerschaft hinein verlängerten Ich-weiß-nicht-genau. Unbedingte Treue und klare Entscheidung! Das Romantische verbündet sich wieder mit dem Formellen und Institutionellen – dem Glauben an die Zukunft.”

 

In Future Love verrät uns Zukunftsforscher Matthias Horx, ob es in Zukunft noch „normale” Familien geben wird, ob Geschlechterrollen überflüssig werden und wie sich die Liebe im Cyberspace entwickelt.

München Deutsche Verlags-Anstalt [2017]

München Deutsche Verlags-Anstalt [2017]