VLB BLOG - Unruhe bewahren

Über Bücher, Bibliotheken, Gott und die Welt

 

Neu in der VLB: MORAWA Kiosk

17. Oktober 2019 von Kathrin Ambrozic

Die Zeitschriftenabteilung der Vorarlberger Landesbibliothek freut sich jedem Smartphone- und Tablet-Besitzer, ganz exklusiv den Zugriff auf über 400 digitale Zeitungen und Zeitschriften in den Räumlichkeiten der Landesbibliothek anzubieten.

Mit der neuen Kiosk-App von Morawa geht es sofort und ganz einfach und natürlich kostenfrei. Einfach die App in GooglePlay oder im AppStore herunterladen und die Location Vorarlberger Landesbibliothek auswählen. Sofort hat jeder Zugriff auf aktuellste Nachrichten, Recherchen und Wissen. Das ist sehr praktisch, falls die aktuelle Ausgabe der Geo gerade vergriffen ist, oder die WirtschaftsWoche noch nicht im Fach liegt.

Einfach ausprobieren und stöbern solange man sich auf dem Gelände der Vorarlberger Landesbibliothek befindet.

Über Feedback würde sich die Zeitschriftenabteilung freuen!

Zählen oder Erzählen – das ist hier die Frage

10. Oktober 2019 von Wolfgang Köhle

Es gibt keine Abkürzungen. Seit Urzeiten müssen wir der Zeit ihre Zeit lassen. Das gilt insbesondere für Rituale, Schwellen, Zeremonien und Erzählungen, die sich nicht beschleunigen lassen. Prozessoren hingegen rechnen (immer schneller), sie denken nicht, noch können sie begreifen. Wir Menschen aber, wir können nicht schneller liebkosen, trauern, beten, träumen, lesen, altern, … 

„Die algorithmische Rechenarbeit ist nicht narrativ, sondern bloß additiv. Daher lässt sie sich beliebig beschleunigen. Das Denken hingegen lässt keine Beschleunigung zu. Algorithmen zählen, aber sie erzählen nicht. Der Übergang vom Mythos zum Dataismus ist der Übergang von der Erzählung zur reinen Zählung. Das Denken ist erotischer als das Rechnen. Im postindustriellen Zeitalter weicht der Maschinenlärm dem Kommunikationslärm. Mehr Information, mehr Kommunikation verspricht mehr Produktion. So äußert sich der Zwang der Produktion als Zwang der Kommunikation.”

Die Kybernetisierung, die Beschleunigung der BeRechenbarkeit erzählt nichts, zählt aber immer mehr. Mehr davon in Vom Verschwinden der Rituale : eine Topologie der Gegenwart.

Berlin Ullstein [2019]

Berlin Ullstein [2019]

Auszug aus dem Tagebuch eines Lehrlings 6

4. Oktober 2019 von Kim Rauch

Stellt euch vor, ihr seid wie ich ein genialer, nicht zu übertreffender und äußerst intelligenter Lehrling.

Nun, vielleicht nicht mit ganz so vielen Adjektiven, aber stellt es euch vor. 

Könnt ihr auch die Weiden mit grasenden Büchern sehen?

Die flauschigen Federkiele, die herumfliegen?

Die Dame mit dem Dutt, die euch anpsstet?

Nein?

Ich auch nicht.

Vielleicht einfach, weil es nicht ganz so in einer Bibliothek funktioniert.

Wie ich dazu komme? 

Nun, wie so oft wurde ich wieder mal gefragt, was man denn so in meiner Lehre mache, zum Bücher zurückstellen brauche man ja wohl keine, richtig?

Nicht ganz falsch, aber hat sich mal jemand die Signatur bei den CDs angesehen?
Ganz so einfach, wie sich das manche vorstellen, ist das Ganze auch wieder nicht.

Ich bin jetzt im dritten Lehrjahr (ja, meine lieben Kollegen, auch wenn es keiner von euch wahrhaben will, ich bleibe euch noch ein ganzes Jahr erhalten), so habe ich doch schon recht lange versucht, meine Lehre mit so wenigen Fachbegriffen wie nur möglich zu beschreiben. 

Mittlerweile habe ich das aufgegeben und habe angefangen, die wildesten Geschichten zu erfinden wie:

Ich gehe und jage Bücher wie Indiana Jones Schätze (oft mit Dutt und Brille, da diese ja unsere Arbeitsuniform sind!)

oder

ich gehe auf Auktionen und schreie zufällige Beträge, die kein anderer bezahlen wollen würde

oder

ich springe aus Flugzeugen, kämpfe gegen Komodowarane und rette die Menschheit vor Entkoffeinierung. 
(Was das mit einem Bibliothekar zu tun hat, weiß ich allerdings noch nicht.) 

Tatsächlich ist es jedoch viel Fachbegriff-Herumgewerfe, alles zu erklären… so zum Beispiel habe ich Diskussionen über die Umsetzung und Verwendung des 264 31 3 geführt, sofern ein weiterer / letzter Verlag existiert, damit die Position 07-10 im Feld 008 korrekt codiert werden kann, da ansonsten die Sortierung und Filterung nicht korrekt angezeigt wird.

Ob etwas MARC und RDA konform ist. 

Ob in der 10er Bib die Normdaten auf 100 1_ mit denen der Hauptansetzung in der GND zu 100% übereinstimmen müssen. 

Und noch viele weitere solche Diskussionen...

Jetzt mal ehrlich… wer hat den Absatz gelesen und war nicht verwirrt?

Doch genau das ist es. Hin und wieder einfach verwirrt sein. Denn abgesehen von den Göttinnen des RDA kann sich so gut wie keiner merken, von was da eigentlich gesprochen wird. 

Manchmal ist es einfach vom Schreibtisch aufstehen, ein GROSSES Stück Schokolade essen, tief durchatmen und nochmal anfangen. 

Denn auch trotz meinem Gejammer liebe ich das herumbasteln. 

Das ist es. Das ist mein Lehrberuf. 

Hattet ihr auf eine Auflösung gehofft? Auf eine nicht ganz so fachbegriff-intensive Erklärung?


Meine Ausbilderin würde jetzt sagen: Life is not always a bowl of cherries!


P. S. Auch wenn ich manchmal eine Drama Queen bin, so bin ich doch eine Drama Queen, die sehr gerne in einer Bibliothek arbeitet. :)

Foto: Gerhard Kresser

Foto: Gerhard Kresser

Ein Krümel Wahrheit

30. September 2019 von Wolfgang Köhle

„Ich würde gern eine Ordnung erkennen, irgendeinen Sinn, einen Kosmos. Ich sehe ihn nicht. An den Zufall glaube ich auch nicht. Leben und Literatur sind größer als jeglicher Sinn und jeglicher Zufall.”

Wohl allen, die die Lektüre der herausragenden Romane von Szczepan Twardoch noch vor sich haben. In seinen tagebuchartigen Prosaskizzen berichtet er nun von seinem Leben als Autor, Vater, Schlesier und Reisender.

„Ich ziehe keine Schlüsse. Es gibt keine Schlüsse. Die Konzeptualisierung der gesellschaftlichen oder menschlichen Wirklichkeit ist überhaupt immer die Erfindung dieser Wirklichkeit, und erfinden will ich nichts. Hinter dem, was geschehen ist, verbirgt sich nichts, es gibt keine Zeichen der Zeit, es gibt nur ein ausgedehntes Universum des Unerkennbaren.”

Wale und Nachtfalter. Tagebuch vom Leben und Reisen. Aus dem Polnischen übersetzt von Olaf Kühl.

Berlin Rowohlt 2019

Berlin Rowohlt 2019

Wildes Denken

17. September 2019 von Wolfgang Köhle

„Meine Intelligenz ist neolithisch: Ich bin keiner, der kapitalisiert, der sein erworbenes Gut Früchte tragen lässt, eher einer, der sich an einer stetig fließenden Grenze fortbewegt. Es zählt einzig die Arbeit des Augenblicks. Und die geht rasch verloren. Ich verspüre keinerlei Neigung und habe nicht das Bedürfnis, ihre Spur zu bewahren.”

In Das Nahe und das Ferne, einer Autobiographie in Gesprächen aus der Reihe Kampa Salon, erzählt der große ethnographische Forschungs- und Weltreisende Claude Lévi-Strauss, dass er nie gern auf Reisen ging. Es ist nahezu paradox, dass einzig der Augenblick und das Ereignis für ihn zählte.

„Subjektiv, ja, das ist es, was zählt. Aber ich rette mich daraus in die Arbeit, indem ich Zettelsammlungen anlege: von allem etwas, beiläufig aufgetauchte Ideen, Lektürezusammenfassungen, Rekurse auf Werke, Zitate, … Und wenn ich etwas in Angriff nehmen will, dann zieh ich einen Packen Zettel aus meinen Schubladen und ordne sie neu, wie bei einer Partie Karten. Dieses Spiel, bei dem der Zufall zu seinem Recht kommt, hilft mir, schwache Erinnerungen aufzufrischen.”

Auf dem Weg zu seiner letzten Forschungsreise meinte der mit 100 Jahren Gestorbene: „Ich gestehe, dass der Gedanke, ins Nichts überzugehen, mir zwar nicht behagt, mich aber auch nicht beunruhigt.”

Zürich Kampa [2019]

Zürich Kampa [2019]

A book a day keeps the doctor away

10. September 2019 von Wolfgang Köhle

Lesen verlängert das Leben. Schon ab einer täglichen Lektüre von mehr als 30 Minuten erliest man sich fast zwei Jahre zusätzliche Lebenszeit. Aber Vorsicht Irrtum: Der Überlebensvorteil gilt nicht für das Lesen von Twitter-Nachrichten, Facbook-Posts und sonstigem überflüssigen Unfug, sondern nur für (gute) Bücher, auch schnell zu lesende Bücher wie etwa Trauer ist das Ding mit Federn:

Mum ist gestorben, Dad und die Jungs trauern, hoffnungslos. Wann soll man sich trauen, wieder guter Dinge zu sein?

„Dad brachte die ersten zwanzig Jahre damit zu, Bücher zu lesen, ein halbwegs-guter-aber-nicht-herausragender Fußballspieler zu sein und auf Mum zu warten. Er liebte die griechische Mythologie, die Russen und Joyce. Er wartete darauf, unser Dad zu werden. Und dann verliebten sich unsere Mum und unser Dad, und sie waren natursteinmauerstark und beständig, und die Leute sprechen noch heute von Leichtigkeit und Freude und Spontaneität und der Tatsache, dass ihre beiden Gerüche zu einem Geruch wurden, unserem. Uns.”

Zürich Kein & Aber [2018]

Zürich Kein & Aber [2018]

Filmforum Bregenz: They Shall Not Grow Old

28. August 2019 von Mag.a Simone Drechsel

Soldaten berichten über die „Hölle des Ersten Weltkrieges”

Westfront, Verdun 1916. Hier tobte zwischen Februar und Dezember eine der grausamsten und verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkrieges. Die Soldaten bezeichneten das Schlachtfeld nur noch als „Blutpumpe”, „Knochenmühle” oder einfach als „Hölle”. Über Monate hinweg wurden rund 10.000 Granaten und Minen pro Stunde verschossen, was eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse erzeugte und die dabei aufspritzende Erde begrub zahlreiche Soldaten bei lebendigem Leib.

Die Verwundeten und Toten mussten im Niemandsland zwischen den Frontlinien liegen gelassen werden, was vor allem in den Sommermonaten für einen enormen Leichengestank sorgte. Grund war der dauernde Feuerbeschuss. Dieser behinderte auch die Versorgung der Soldaten mit Nahrungsmitteln und deren Ablösung. Wobei, bereits auf dem Weg zur vordersten Linie verloren die meisten Einheiten weit mehr als die Hälfte ihrer Männer. Kaum ein Soldat, der in Verdun war, kam ohne eine Verletzung davon. Der einsetzende Regen verwandelte dann die Kraterlandschaft in ein einziges Schlammfeld und füllte die Schützengräben, so dass die Soldaten tagelang im Wasser stehen und schlafen mussten. Am Schluss verloren mehr als 300.000 Soldaten ihr Leben für ein paar Meter Geländegewinn.
Wie keine andere Schlacht versinnbildlicht Verdun die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges. Über dieses Grauen an der Frontlinie im Westen, aber auch über Begebenheiten aus dem Hinterland berichten die Zeitzeugen und Veteranen in Peter Jacksons Film They Shall Not Grow Old. Bewusst wurde nur auf historisches Filmmaterial und die BBC-Tonbandaufnahmen von Zeitzeugen aus den 1960er und 1970er Jahren zurückgegriffen. Dadurch wird dem Zuschauer ein einzigartig intensiver Einblick in das damalige Frontgeschehen vermittelt.

Der Film wird am Donnerstag, den 5. September 2019, um 20 Uhr vom Filmforum Bregenz im Metrokino gezeigt. Mit einem anschließenden Publikumsgespräch zu dem Thema aber auch über Vorarlberg zu jener Zeit.
Wer keine Zeit hat, sich den Film im Kino anzuschauen, kann sich die DVD jederzeit bei uns in der Vorarlberger Landesbibliothek als Kooperationspartnerin des Filmforums Bregenz ausleihen.

„Wilde” Mustangs

20. August 2019 von Mirella Sprenger

Ich: Man müsste sich fast überlegen, einen Mustang zu kaufen ...
Bruder: Cool! Wieviel PS?
Natürlich weiß er, dass ich nur 1 PS im Sinn habe, und ich weiß, dass der Gedanke illusorisch ist. Trotzdem kam er auf, nachdem ich Aus Liebe zum Mustang gesehen habe, ein Dokumentarfilm über das erste Mustang Makeover in Deutschland. Diese Veranstaltung soll auf die Situation der Mustangs in den USA aufmerksam machen und ist ein Versuch, Amerikas legendäre Pferderasse in Europa zu etablieren.
Denn nur ein Teil der Mustangs lebt in freier Wildbahn, ca. 50.000 mehr schlecht als recht in sogenannten Auffangstationen. Durch die Einschränkung der natürlichen Lebensräume durch den Menschen ist das Nahrungsangebot für die Wildherden zu gering. Viele Tiere würden in Freiheit einfach verhungern. Was aber nun mit den tausenden gefangenen Mustangs, deren Unterbringung und Versorgung den Staat Geld, viel Geld kosten?
Das zuständige Bureau of Landmanagement hat Programme entwickelt, wodurch in einem Adoptionsverfahren diese Tiere an Pferdefreunde vermittelt werden. Um die Zahl der Adoptionen zu erhöhen, veranstaltet die Mustang Heritage Foundation seit ein paar Jahren das Extreme Mustang Makeover, bei dem Pferdetrainer gefangene, noch wilde Mustangs in nur 100 Tagen ausbilden und in einem „Wettbewerb” vorstellen. Anschließend können diese Mustangs bei einer Auktion ersteigert werden.
Mit „American Mustang Germany” wurde das einzigartige Event 2017 erstmals nach Deutschland geholt ... 15 Mustangs, 15 Trainer, 90 Tage. 3 Mustang/Trainer-Paare hat ein Filmteam begleitet, woraus eine Hommage an die wilden Mustang-Pferde der USA entstand.
Aus Liebe zum Mustang
Empfehlenswert!
 

Epische Wucht

12. August 2019 von Wolfgang Köhle

Ernsthaft Lesende hinken dem Lesestoff hinterher. Würde jegliche Art von Publikationen für hundert Jahre eingestellt werden, kämen wir mit dem Lesen nicht nach. Bevor man das Lesen aus diesem und anderen ernstzunehmenden Gründen für immer einstellt, sollte man nicht versäumen, tief in die Seele eines wahren Schriftstellers zu schauen. Hier bietet sich die Lektüre des georgischen Romans Das erste Gewand von Guram Dotschanaschwili an.

„ … , das ganze Dorf kam, manch einer mit unausgesprochener Feindseligkeit, die sich in den angespannten Wangenknochen sammelte, andere ausgehöhlt vom Wurm der Gleichgültigkeit, angesichts des Festes aber doch ein klein wenig neugierig, wieder andere das Herz voll unerklärlicher Güte, unschuldig, ehrlich lächelnd, Hand in Hand die Kinder, die trotz ständiger Ermahnungen ihren Kopf durchsetzten; sanftmütige Alte mit sonnengegerbten Händen, die nicht einmal mehr wussten, wann sie wohl das letzte Mal etwas Großes und Wichtiges verpasst hätten, nun wundersam friedlich, vorsichtig voranschreitend und mit Belanglosigkeiten sich zufriedengebend, selbstverliebte Mädchen und vor der Zeit gebrochene Frauen, die gleichwohl leuchtend bunte Kopftücher trugen und Ketten um den Hals; Blinde, auf deren Gesichtern sich eine seltsam gespannte Ruhe abzeichnete; Bibo, der erste Knecht, gelassen, brav, jedoch im tiefsten und verborgensten Winkel seines Herzens feindselig.”

Verlorener Sohn, verlorene Liebe, verlorene Unschuld, verlorene Revolution. Allein die Phantasie kann uns retten:

„So langsam wie der Fluss schwamm auch das kleine Floß weg. Und Don Diego schnitt sich ohne Eile, leichthin die Adern an beiden Handgelenken auf, warf die Machete weg und ließ beide Hände ins Wasser hängen. Gleichmütig folgte dem Gang der Wellen dieser außergewöhnliche Sarg und zog zwei blass rosa Linien im Wasser hinter sich her. Und Don Diego lag still, schaute zum Himmel. Es war kein Selbstmord, es war ein Sterben, um den Brüdern entgegenzugehen.”

Bipedie

5. August 2019 von Wolfgang Köhle

Bei den Eskimos gibt es den Brauch, bei dem man seinen Ärger ablässt, indem man in gerader Linie durchs Land läuft, bis einen die Empfindungen verlassen haben; die Stelle, an der der Ärger überwunden ist, wird mit einem Stock markiert, der das Ausmaß oder die Dauer der Wut bezeugt. 

Wem also das Denken und das Fühlen versagt, wem alles öde und wirr ist, wem es mal nicht so läuft, begebe sich auf den ursprünglichsten aller Wege und lasse sich einfach gehen, so wie der Geh- und Wanderspezialist George Macaulay Trevelyan

„Ich habe zwei Ärzte, mein linkes Bein und mein rechtes. Wenn sich Körper und Seele nicht im Einklang befinden (und diese meine Zwillingsteile leben in so enger Nachbarschaft, dass die Melancholie des einen immer auf den anderen überspringt), dann weiß ich, dass ich nur meine beiden Ärzte rufen muss und bald wieder auf dem Damm sein werde … Beim Aufbruch führen sich meine Gedanken auf wie blutbesudelte Meuterer in ihren Ausschweifungen an Bord des eroberten Schiffs, doch wenn ich sie bei Einbruch der Nacht nach Hause bringe, albern sie herum und purzeln übereinander wie fröhliche kleine Pfadfinder beim Spielen.”

Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens
 

Foto: Gerhard Kresser

Foto: Gerhard Kresser

Lesende Jäger und Sammler

26. Juli 2019 von Wolfgang Köhle

Beim Lesen war er auf der Jagd nach Trophäen in Form von Zitaten. Seine Lesestrategie mündete in die Methode literarischer Montage. „Der Text ist der Wald, in dem der Leser der Jäger ist.” fasste Walter Benjamin seine Lektürepraxis zusammen. Seine Lektüre stand immer im Dienst seines eigenen Denkens. Auf diese Lesart verwandeln sich erbeutete Zitate in neue Texte und fließen in eigene Denkerfahrungen ein.

„Gerade auf Gedanken, auf die nicht jeder Leser stößt hat der Jäger Benjamin es beim Lesen abgesehen. Es sind nicht die fremden Gedanken, die der Text mehr oder weniger leicht preisgibt. Was sich scheu im Unterholz versteckt und das Geschick des Jägers herausfordert, ist eine eigene Haltung zum Geschriebenen. Es ist der eigene Gedanken, der – durch die Lektüre aufgescheucht – gezwungen ist, sich zu zeigen und damit erst eine konkrete Gestalt anzunehmen.”

Entwendungen: Walter Benjamin und seine Quellen

Paderborn Wilhelm Fink [2019]

Paderborn Wilhelm Fink [2019]

Einen Drachen muss man dort suchen, wo noch nie einer gesehen wurde

12. Juli 2019 von Wolfgang Köhle

„Disziplin wird überschätzt. Die Lösung dafür, etwas getan zu bekommen, ist nicht Selbstbeherrschung, sondern Leidenschaft”, meint Daniel Kehlmann, wenn er im Interview über seine Prägung durch das Theater, über Vorbilder, Schreibgewohnheiten und den Umgang mit Kritik spricht.

Gibt es auf die Frage, wer wir sind, eine befriedigende Antwort?

„Ich glaube nicht, dass es sie gibt. In ein paar Grundfragen bin ich nach wie vor Buddhist. Ich glaube nicht an eine absolute, unwandelbare Seelensubstanz. Ich glaube tatsächlich, dass wir eine Summe von Widersprüchen sind, und hinter den Widersprüchen ist nichts.”

Der unsichtbare Drache. Aus der Interview-Serie Kampa-Salon.

Zürich Kampa [2019] © 2019

Zürich Kampa [2019] © 2019

Auszug aus dem Tagebuch eines Lehrlings 5

5. Juli 2019 von Kim Rauch

Lieber Blog,

trotz dieser unglaublichen Hitzewelle halte ich, der wackere, unschlagbare und tollste (und nie überhebliche) der tollen Lehrlinge, die Stellung.

Und so natürlich auch andere! 

Doch diese lasse ich heute mal außen vor, denn trotz dieser Hitze hat die Vorarlberger Landesbibliothek wieder an frischem Blut gewonnen.

Nein, ich habe mir nicht die Knie aufgeschlagen, sondern drei wackere Knappen – gibt es Knappinnen? – sind auf ihren noch frischen Schlachtrössern daher geritten und haben den Dienst angetreten. Gleichzeitig wurde auch das Durchschnittsalter der VLB erheblich gesenkt. 

Stell dir vor, ich bin nicht mehr die jüngste Mitarbeiterin und auch eine meiner glorreichen Mitstreiterinnen meinte: „Kim, so beginnt das Altwerden.”

Ach ja, damals, als ich noch jung war, war einfach alles besser. Meine Generation hat noch in Heuhaufen gespielt, Schneeballschlachten veranstaltet und Disketten gekannt. 

Es war einfach alles besser.
 


Wie auch immer, natürlich schreibe ich dir heute nicht, um über „Damals” zu reden, sondern um dir auch noch von den veränderten Öffnungszeiten zu berichten.

Denn ab 8ten Juli hat der Sommer auch die VLB komplett erreicht und dementsprechend werden auch unsere Öffnungszeiten angepasst. 

Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag  9.00 – 17.00 Uhr
Mittwoch  9.00 – 18.30 Uhr
Samstag  9.00 – 13.00 Uhr

Oh, dabei sollte ich aber auch noch den 2. August erwähnen, denn an diesem hat die VLB ausnahmsweise einmal geschlossen!

Nun denn, wünschen wir den drei Knappen einen guten Start! Mögen ihre Pferde lange schön und glänzend bleiben, so auch ihre Rüstungen – naja, sonst gibt es ja Striegel und Lappen. 
Durchhalten! Trotz der sommerlichen Hitze.

Altvater Schuppenwurz

28. Juni 2019 von Wolfgang Köhle

Der eigenbrötlerische und hypersensible Junge Lanny („Und da trieb das Wort Lanny im Geäst des Abends Blüten. Das Wort Lanny rankte abweichend und anormal in alle Richtungen.”) tanzt herein. Singend, nach freier Natur riechend und die Frage stellend: „Was meinst du, was geduldiger ist, eine Idee oder eine Hoffnung?”

Beantwortbar möglicherweise nur von einer mythischen Sagengestalt: „Altvater Schuppenwurz wacht aus dem Stand weitflächig auf, streift pechdunkle Traumreste ab, die glitzern vor feuchten Kehrichtklumpen. Er legt sich hin, um Erdhymnen zu hören (es gibt keine, also summt er), dann schrumpft er, schlitzt sich mit einer rostigen Dosenlasche einen Mund, saugt eine nasse Haut aus saurem Mulch und saftigen Würmern an.”

Schuppenwurz ist immer auf der Suche nach seiner Lieblingsstimme: der Stimme von Lanny, dessen plötzliches Verschwinden alle in Aufruhr versetzt …

Lanny von Max Porter

Zürich Kein & Aber [2019]

Zürich Kein & Aber [2019]

Einblicke einer Praktikantin

21. Juni 2019 von Lea Schäfer

Vom 3. bis 14. Juni 2019 durfte ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste ein Pflichtpraktikum in der Vorarlberger Landesbibliothek machen, um einen persönlichen Einblick in die diversen und vielseitigen Aufgaben einer wissenschaftlichen Bibliothek zu erhalten.
Ich konnte in den zwei Wochen die verschiedenen Abteilungen der VLB durchlaufen und überall wurde ich freundlich empfangen und geduldig über die Aufgaben der jeweiligen Abteilung informiert.

Beispielsweise konnte ich in der Zeitschriftenabteilung sehen, wie ältere Zeitschriftenjahrgänge auf den Weg zu einem Buchbinder geschickt werden, um als gebundene Zeitschriftenbände wieder zurück zur VLB zu kommen. 
Bei der Sacherschließung wiederum stellen sich die Fragen: Was ist Ordnung überhaupt? Welche Arten der Ordnung gibt es? Und wie kann man möglichst genau mit wenigen Schlagwörtern umfassen, von was ein Buch handelt? 
Wer hätte gedacht, dass man anhand von Frisuren der Personen auf Postkarten feststellen kann, wie alt die vorliegende Postkarte ist? Ich nicht, bis ich bei der Postkartensammlung der VLB vorbeikam.
Beim Besuch in der Abteilung für Vorarlbergensien konnte ich unter anderem bei einer Sitzung, in der der neue „volare” Jubiläumsartikel für die VN festgelegt wurde, dabei sein.
Eine ganz andere Seite der Arbeit bei der Landesbibliothek bekam ich beim Aufbau der Franz Michael Felder Ausstellung in Egg zu sehen, wo ich dabei helfen durfte, die Exponate in ihre Vitrinen zu legen und selbst fasziniert über deren Geschichte las. 
Genauso interessant war ein Nachmittag in der Buchbinderei, an dem ich einen Einblick in die Techniken und Vorgehensweisen eines Buchbinders bekam und zudem hilfreiche Tipps für meine eigene Ausbildungsstelle mitnehmen konnte.
Meine letzten Stationen waren die Infotheke und die Fernleihabteilung, wo die Nutzer der VLB ihre Bücher ausleihen und zurückgeben, neue Ausweise ausgestellt werden und Bücher, die nicht im Bestand der VLB sind, über andere Bibliotheken bestellt und dann verliehen werden.

Ich bin sehr froh und dankbar über die zahlreichen Einblicke hinter die Kulissen der VLB und kann ein solches Praktikum nur wärmstens empfehlen. Im herzlichen und offenen Team der Landesbibliothek habe ich mich sehr wohlgefühlt und bin mir sicher, dass ich noch oft in das beeindruckende Gebäude mit Blick über Bregenz und den Bodensee zurückkommen werde!
 

Foto: Gerhard Kresser

Foto: Gerhard Kresser

Gebrauchsanweisung für Pferde

17. Juni 2019 von Mirella Sprenger

Fans von Juli Zeh seien gewarnt. Wer mit Pferden beziehungsweise Tieren rein gar nichts am Hut hat, sollte dieses Buch besser im Regal stehen lassen. Es handelt von Pferden, ausschließlich von Pferden... mit ein paar Nebengedanken zu Glück, Identität und Zen-Buddhismus.
Wie wird aus einem schreckhaften Problempferd eine entspannte Lebensversicherung? Wie funktioniert eine Pferdeherde und wie kommt man - allein mit Pferd unterwegs - an einer furchterregenden, gruseligen Kuhherde vorbei... oder auch nicht?

„Ich stehe im Sand und sehe der Staubwolke nach, die seine Hufe aufwirbeln. Da rennt mein wohlerzogenes, korrekt gymnastiziertes, kommunikativ professionell begleitetes Pferd nach Hause. Ohne mich.”

Juli Zehs Gebrauchsanweisung für Pferde ist sehr persönlich, sehr unterhaltsam und sehr informativ. Lesenswert für Pferdemenschen und solche, die es werden wollen.

München Piper [2019]

München Piper [2019]

Schriftstellergedanken

13. Juni 2019 von Wolfgang Köhle

Schriftsteller sein zu wollen, ist nicht schwer, Schriftsteller werden dagegen sehr. 

„Auch nach drei Jahrzehnten als Schriftsteller glaube ich nach wie vor, dass die Literatur – das Erzählen von Geschichten – etwas Magisches hat. Beim Erzählen lässt man sich auf etwas ein, das über einen selbst hinausgeht, auf eine Kraft, die man niemals vollständig erfassen kann. Sowohl für den Schriftsteller als auch für den Leser sollte die Fiktion immer einen Hauch von Magie behalten, aber zugleich bewirkt sie auch das genaue Gegenteil davon. Denn immer versucht die Fiktion die Wirklichkeit zu umfangen, einzufangen, sich ihr zu stellen. Dies ist eine der höchsten Aufgaben der Erzählkunst: uns auf den Boden der Tatsachen zu stellen.”

Vor den Widrigkeiten des tatsächlichen Lebens schützt uns wie ein Impfstoff die Literatur.
Über die Schutzimpfung des Schreibens berichtet Graham Swift in Einen Elefanten basteln. Aus dem Englischen von Susanne Höbel.

München dtv [2019]

München dtv [2019]

Nicht die ganze Wahrheit

3. Juni 2019 von Wolfgang Köhle

1942. Ein Mann und eine Frau werden ein Paar. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Sie ist böse, hat aber ein gutes Herz. Er liebt ihre Schwächen. Jede einzelne. Am Ende ist es vorbei, aber es geht weiter. Er will sich verkriechen, weil er weiß, dass er dem Schicksal nicht gewachsen ist. 

„Ich könnte mich ablenken, eine andere heiraten und so tun, als hätte es Stella nie gegeben. Ich würde lachen. Ich würde mich betrinken und von ihr sprechen, als wäre sie meine Trophäe gewesen, obwohl ich wusste, dass das Gegenteil stimmte. Ich könnte sagen, am Ende meines Lebens will ich mein Glück nicht daran messen, wie sehr ich geliebt wurde, sondern dran, wie sehr ich geliebt habe. Ich könnte versuchen, sie zu vergessen. Das Leben formt uns zu Lügnern.”

Auf Skepsis folgt Spannung, auf Erschrecken folgt Bewunderung. Takis Würger schreibt, als hätte er keine, als gäbe es keine Gefühle. Stella.

München Carl Hanser Verlag 2019

München Carl Hanser Verlag 2019

Auszug aus dem Tagebuch eines Buches (Lehrlings 4)

27. Mai 2019 von Kim Rauch

Liebes Tagebuch, 

damals, als ich gerade ein frisch gedrucktes Buch war, wurde ich von einem Ort gekauft, der sich Bibliothek nannte.
Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich das erste Mal das Licht dieses Ortes erblickte.

Die erste Person, die mich öffnete war eine sogenannte „Erwerberin”. Diese klebte mir mit ihren warmen Händen sorgfältig einen Strichcode ein und brachte mich dann weiter in die Formalerschließung.
Dort nahm mich dann eine sympathische junge Frau, die oft in eine Mittelalterrolle schlüpfte, mit an ihren Platz. Sie, die damals noch ein Lehrling war, suchte nun nach allen Daten, die für ein Katalogisat relevant waren, um mich den Benutzenden sichtbar zu machen.
Nachdem sie formal nun mit mir fertig war, gab sie mich an einen gesprächigen netten Mann mit sehr zerzausten Haaren weiter.
Dieser interessierte sich nun sehr für meinen Inhalt und die Worte, die mich inhaltlich beschreiben.
So wurde mir das Schlagwort „Wissenschaftliches Manuskript” zuteil.
Danach wanderte er mit mir hinunter in die Scan Station, dort wurde mein Inhaltsverzeichnis digitalisiert und den bisherigen Informationen beigefügt. Eine Tür weiter sollte mir dann mit einem Bügeleisen meine Signatur verpasst werden. 
Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich hier jetzt zuhause bin.
Doch bevor ich an meinem eigentlichen neuen Zuhause stehen sollte, durfte ich in das Regal der Neuheiten.

Es dauerte nicht lang bis mich eine Benutzerin für sich entdeckte, und auch wenn ich nach der Rückgabe in einem Regal stand, mit ganz vielen Büchern, die mir inhaltlich ähnelten, so wurde ich doch recht oft aus dem Regal gezogen und ausgeliehen.
Nur 6 Jahre später war es dann soweit.
Es sollte ein trauriger Tag werden.
Der gesprächige Mann, der mit seinen ausschweifenden Antworten unter der VLB-Kollegenschaft oft für Verwirrung sorgt, schnappte sich mich und brachte mich zu dem neuen Lehrling.
Diese grausame Frau beraubte mich meines Zuhauses, meiner für die Benutzenden bereitgestellten Informationen, übermalte meinen Strichcode und presste mir einen Stempel mit der Inschrift „Aus dem Bestand der Vorarlberger Landesbibliothek ausgeschieden” auf die Titelseite.
Dann brachte sie mich mit vielen anderen Büchern zu einem gefüllten Regal, auf dem stand: „Flohmarkt”.
Doch wie ich erfuhr, gibt es noch Hoffnung für mich!
Denn dieser Flohmarkt findet schon bald statt, und vielleicht bekomme ich ein neues liebevolles und warmes Zuhause.
Also solltet ihr ein großes Herz für heimatlose Bücher haben, ihr findet uns am Samstag, dem 15.06.2019 von 9-17  Uhr in der Brielgasse 27 in Bregenz!
Wir freuen uns auf euch :-)
 

Bis der Teufel uns scheidet

21. Mai 2019 von Wolfgang Köhle

Der „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung” ehrt Persönlichkeiten, die sich um das gegenseitige Verständnis in Europa verdient gemacht haben, und die nun rückblickend kritisch Bilanz ziehen zum in die Krise geratenen europäischen Zusammenhalt. Europaweit gewinnen rechtspopulistische, rechtsextreme, offen faschistische Angstverkäufer an Boden, wie Martin Pollack feststellt: 

„Dabei handelt es sich nicht um Neophyten, die von irgendwo angeweht oder eingeschleppt worden wären. Wir haben es überwiegend mit heimischen Gewächsen zu tun, deren Wurzeln weit zurückreichen, Denkmuster und Ideologien, von denen wir meinten, sie seien längst überwunden. Umso mehr wundern wir uns jetzt, dass sie plötzlich erneut auftauchen und einen fruchtbaren Boden finden, auf dem sie sich ungehemmt ausbreiten können. Und wir stehen da und schauen ratlos zu, wie sie immer weitere Gebiete erobern. Bis jetzt ist es uns jedenfalls nicht gelungen, ein probates Mittel zu finden, um sie aufzuhalten oder zumindest einzudämmen. Oder sehe ich das zu schwarz, bin ich zu pessimistisch?”

25 Jahre Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung

München C.H.Beck [2019] © 2019

München C.H.Beck [2019] © 2019

Genderfluid

14. Mai 2019 von Wolfgang Köhle

Höflich sein, anderen helfen, für Harmonie sorgen, sich schön machen – alles eine Frage der Konditionierung. Mädchen-Erziehung, die darin mündet, dass es kein „weibliches Wollen” gibt, sondern vielmehr ein „gewollt werden”, ist der Nährboden für männlich-dominierte Machtstrukturen.

„Wir müssen aufhören, unseren Töchtern den Prinzen als Happy End zu verkaufen, wir müssen unseren Söhnen sagen, sie sollen Nagellack mit Stolz tragen. Und vor allem als Feministinnen, die wir uns schimpfen, müssen wir mit ihnen reden! Lasst uns unseren Söhnen in der Pubertät sagen, dass fast 100 % der Sexfilmchen im Netz Bullshit sind. Dass sie weinen dürfen. Dass sie die Kleider ihrer Schwestern auch öffentlich tragen sollen, ohne sich zu schämen. Jungs sind sensibel (und Mädchen auch). Sie sollen genderfluid sein, unsere Söhne und Töchter, sich keiner sexuellen Prägung zu früh anpassen, es sei denn, für sie ist alles gleich klar.”

Warum sie will, was er will, ergründet Sexuell verfügbar.

Berlin Ullstein fünf 2019

Berlin Ullstein fünf 2019

Kurzroman

3. Mai 2019 von Wolfgang Köhle

Als sein Schulfreund stirbt, wird der rote Faden der Vergangenheit wieder aufgenommen. Dem Ereignis unangemessene Erinnerungen an seine Jugendliebe, die Schwester seines verstorbenen Freundes, gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Nur wenige Meter von dem toten Körper entfernt steht dessen noch lebendige, immer noch wunderschöne Schwester. Eine seltsame, unwirkliche Situation:

„Sobald der vorgeschriebene Ablauf der Messe sie zum Aufstehen zwang, richtete ich ohne Scham den Blick auf sie, ließ ihn an ihrer Gestalt, die mir den Rücken zukehrte, hinabgleiten und immer wieder an ihrem sozusagen vollkommenen Hintern Halt machen, um sodann weit zurückliegende Bilder aus unserer Jugend in mir aufsteigen zu lassen, bis ich mich irgendwann innerlich zur Ordnung rief, angesichts der traurigen Umstände und an einem geweihten Ort wie diesem.”

Eine Beerdigung, perfekter Anlass, sich an fröhliche Zeiten zu erinnern, um am Ende der Zeremonie beschwingt die Kirche zu verlassen … 

Übergänge. Roman von Vicente Valero.

Berlin Berenberg [2019] © 2019

Berlin Berenberg [2019] © 2019

Verwahrlosung des Unterschieds

26. April 2019 von Wolfgang Köhle

Exzessive Verfügbarkeit entwertet das Unverfügbare und unterminiert die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem, Katastrophen von Bagatellen zu unterscheiden. Der Wille, über alles Verfügbare zu verfügen, ist ein vermeidbarer Irrtum, dessen gewahr wird, wer nach Wahrheit strebt, ohne über sie zu verfügen. Was haben wir alles, was wir nicht brauchen, was brauchen wir alles, was wir nicht haben? 

„Der Schneefall ist geradezu die Reinform einer Manifestation des Unverfügbaren: Wir können ihn nicht herstellen, nicht erzwingen, nicht einmal sicher vorhersagen, jedenfalls nicht über einen längeren Zeitraum hinweg. Wir können des Schnees nicht habhaft werden, ihn uns nicht aneignen: In der Hand zerrinnt er uns zwischen den Fingern, holen wir ihn ins Haus, fließt er davon, packen wir ihn in die Tiefkühltruhe, hört er auf, Schnee zu sein. Wintersportorte präsentieren sich als schneesicher und helfen mit Schneekanonen mit Kunstschnee nach, der auch bei 15 Grad plus nicht schmilzt.”

Das Unverfügbare entzieht sich der Eroberung, der Planung, der Beherrschung – ist also nicht erstrebens- aber erfahrungswert.
Verfügbar ist Unverfügbarkeit aus der famosen Reihe Unruhe bewahren.

WienSalzburg Residenz Verlag [2018] © 2018

WienSalzburg Residenz Verlag [2018] © 2018

Auszug aus dem Tagebuch eines Lehrlings 3

18. April 2019 von Kim Rauch

Lieber Blog,

heute, dachte ich mir, weihe ich dich in die Geheimnisse des Katalogisierungstreffens ein.

Doch zuerst sollte ich dir wohl erklären, was das eigentlich ist.
Es ist eine geheime Veranstaltung, bei der sich die Ritter aus den verschiedenen wissenschaftlichen Königreichen – oder, wie das Volk sie nennt, „Bibliotheken” – Vorarlbergs treffen und in einer Geheimsprache über das Bekämpfen monographischer und auch fortlaufender Gegner diskutieren.

Klingt nicht sonderlich spannend, oder?
Doch kann ich dir versprechen, lieber Blog, sollte dich einer dieser strahlenden Ritter (Mordred lassen wir da mal außen vor) als ein nicht codiertes 008er Feld bezeichnen, so wurde dir der Krieg erklärt!

Nun denn, vor kurzem war wieder ein solches Geheimtreffen, bei dem sich einige „Bibliothekare”, wie sie sich selbst nannten, in einer Tafelrunde wiederfanden.
Königin Artura war die erste, die das Wort ergriff und über die verschiedenen Änderungen in dem kleinen Königreich „Landesbibliothek” berichtete. So teilte sie der Runde mit, dass dieses kleine Königreich ein neues Gebiet errungen hatte. 
Es wird oft das „neue Außendepot” genannt, da vor einiger Zeit das ursprüngliche „Außendepot” in einem Kampf verloren ging.
Wir erfuhren auch, dass es neue Knappen gibt, die (noch unerfahren) in glänzender Rüstung in den Kampf ziehen. 
Durch viele düstere Wälder und Herausforderungen werden sie mit ihren weißen Schimmeln reiten müssen, bis sie nicht mehr ganz so sauber und etwas verbeulter zu einem glorreichen und im Königreich bekannten Ritter herangewachsen sind.

Nach dieser informierenden Rede, durch die vielen Tränen der Rührung in die Augen stiegen, gab Königin Artura das Wort an die Ritterin Mordretta, die von allen Mordred genannt wurde, und an mich weiter.
Unsere Aufgabe war es nun, der Tafelrunde zu erklären, wie man die regelmäßig eintreffenden Gegner bekämpft, gefangen nimmt und zur Schau stellt.
So klang es während dieser Präsentation mehr wie ein weiteres Dan Brown Buch über den Da-Vinci-Code. Zwei Stunden lang gaben wir uns Mühe, über die verschiedenen Kampftechniken zu reden, viele Fragen wurden gestellt und vermutlich auf noch mehr geantwortet.
Und so begaben sich die verschiedenen Ritter wieder in ihre Reiche, bewaffnet mit neuem Wissen, wie sie die Gegner bekämpfen können.
Doch werden sich die Ritter an die neuen Vorschriften halten?
Leben sie glücklich bis an ihr Ende oder werden sie im Kampfe fallen?
Was ist mit Mordred? Wird sie die Tafelrunde verraten? (Ganz sicher, es ist Mordred. Spoiler.) 
P.S.
ENDE

P.S.S
Okay, jetzt.

Freiwillig gezwungen

10. April 2019 von Wolfgang Köhle

Die „Volksdeutschen” sind keine Untermenschen, weil immerhin Deutsche im arischen Ausland, aber doch Menschen zweiter Klasse. Georg Kempf, Nachfahre ausgewanderter Donauschwaben aus Ulm, wird als Zwangsfreiwilliger an die Ostfront geschickt, desertiert und kehrt nach dem Krieg nach Jugoslawien zurück, wo ein neues tausendjähriges Reich errichtet wird. Schriftsteller wollte er werden, Dichter sein. Aber er erkennt, dass er nur ein poeta minor ist. Ein kleiner Dichter zu sein, das zu wissen ist bitter, andererseits ist ein solches Geständnis ein Zeichen von Charakterstärke. Der alte Kempf lässt sich von seiner Betrübtheit nicht stören, er besucht seine Ahnen auf dem Friedhof und sinniert vor sich hin, was ihm von seinen Lieben, vom Übermenschen, von seinem Leben geblieben ist:

„Plötzlich kommt Kempf Wort für Wort der Eid in den Sinn, den er dem Führer als freiwillig Gezwungener nach dem Drill unter den wachsamen Augen der SS-Offiziere in der Kaserne im Städtchen Stockerau geleistet hat. Und mehr noch, er zitiert ihn im Halbdunkel flüsternd in voller Länge. So vieles hat er vergessen, was er behalten wollte! Und so vieles behalten, was er vergessen wollte.” 

Die Reparatur der Welt. Roman von Slobodan Snajder

Wien Paul Zsolnay Verlag 2019

Wien Paul Zsolnay Verlag 2019

Muss denn Essen Sünde sein?

1. April 2019 von Wolfgang Köhle

Nicht zu viel, genussvoll, bewusst, regional und saisonal sollen wir essen, frisch gekocht, echte Lebensmittel, vorwiegend Pflanzen – so die Theorie. Essen ist praktisch(erweise) ein Antidepressivum. Fasten ist also Silber, essen ist Gold. Wir alle, die wir gerne essen, sollten Nahrungsmittel meiden, die
 

•    behaupten, gesund zu sein
•    ein Drittklässler nicht aussprechen kann
•    für die im Fernsehen geworben wird
•    nicht von Menschen zubereitet wurden
•    mehr als fünf Zutaten enthalten


Es gilt, zuweilen die Regeln zu brechen. Prinzipiell aber sollten wir nur Lebensmittel essen, die verderben können, denn „je stärker ein Lebensmittel verarbeitet ist, desto länger ist es haltbar, und desto weniger Nährstoffe enthält es im Allgemeinen. Echte Lebens-Mittel sind lebendig – und sollten deshalb irgendwann verderben. Es gibt ein paar Ausnahmen: Die Haltbarkeit von Honig zum Beispiel bemisst sich nach Jahrhunderten.”

Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte.

München Goldmann 2017

München Goldmann 2017

Matthäus-Effekt

27. März 2019 von Wolfgang Köhle

Echtes Risiko ist, nicht die Haut anderer sondern die eigene Haut zu riskieren. Ginge es in der Welt um Fairness und Anstand, müsste das Risiko einen Preis haben, den jeder selber zu bezahlen hätte. Sich auf Kosten anderer zu bereichern, ohne mit dem eigenen Vermögen zu haften, ist moralisch verwerflich, aber gesetzlich legitim. „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat”, so steht es geschrieben, im Matthäusevangelium.

„Die überzeugendsten Statements sind diejenigen, bei denen man bereit ist, zu verlieren, wo man also seine Haut aufs Spiel setzt; am wenigsten überzeugen solche Erklärungen, bei denen man offensichtlich versucht, seinen eigenen Status aufzuwerten, ohne einen sichtbaren Beitrag zu leisten. Es ist vernünftig anzugeben; es ist menschlich. Solange der Inhalt wichtiger bleibt als der Angeber, ist alles in Ordnung. Bleiben Sie menschlich, nehmen Sie so viel Sie kriegen können – unter der Bedingung, dass Sie mehr geben als nehmen.”

Nicholas Taleb, Fachmann für Ambiguitätstoleranz und mehrdeutige Information, schreibt über die Schnittmengen von Risikomanagement, soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftsethik in Das Risiko und sein Preis.

München Penguin Verlag © 2018

München Penguin Verlag © 2018

Auszug aus dem Tagebuch eines Lehrlings 2

19. März 2019 von Kim Rauch

Lieber Blog,

heute habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, ein Märchen zu schreiben. Es lautet folgendermaßen:

Es war einmal vor langer Zeit in einem relativ kleinen, weit entfernten Land in einer nicht ganz so kleinen Bibliothek.
Da gab es einen sehr eifrigen Archiv-, Bibliotheks- und Informationsassistenz-Lehrling. Dieser Lehrling war toller als alle Lehrlinge vor ihr – und nein, ich bin nicht selbstverliebt!

Eines Tages, als unser tapferer Lehrling eben erst eine ihrer glorreichen Arbeiten beendet hatte, vernahm sie den Hilfeschrei einer Mitbibliothekarin und eilte sofort zur Rettung!

Als sie mit erhobenem Bleistift in das Büro der jungen, nicht-ganz-so-holden Maid rannte, entdeckte sie zwei riesige Monster, die diese Maid  bedrohten. 
Die Maid hatte schon viele Monster bekämpft, da sie nicht nur eine Maid sondern auch ein Ritter in… nun… nicht wirklich strahlender und etwas verbeulter Rüstung war. Dennoch waren diese beiden selbst dieser bisher ungeschlagenen Heldin zu viel.
So stürzte sich der tapfere Lehrling ohne zu zögern in den Kampf mit dem Monster, das sich selbst E-Journals nannte, während unsere Maid/Ritter mit den Print-Zeitschriften focht.
Obwohl unser unerschrockener Lehrling schon viele Kämpfe gegen düstere Monster wie die verschiedenen Loseblattsammlungen der Medizin oder die doppelten ISBN geführt hatte, so hatte sie noch nie einen solchen landesweit gefürchteten Gegner vor sich gehabt.
So schlossen die beiden Heldinnen sich also zusammen und riefen sich Zahlen und Buchstaben zu, die kaum ein anderer in ihrer Nähe zu verstehen vermochte. 
Es flossen Schweiß, Blut und vor allem einige Tränen.

Dann, nach Wochen des eifrig auf die Tastatur Tippens, war es endlich so weit, der Lehrling hatte sein Monster mit der Hilfe von RDA besiegt. 

Doch ihr Glück sollte nicht lange währen, denn die nicht-ganz-so-holde Maid kam zu ihr und teilte ihr mit, dass man noch Felder hinzufügen könnte.
Tage später sollte auch die weise Göttin des RDA den schon am Boden zerstörten Lehrling auf Dinge hinweisen, die noch zu ergänzen wären.

So begab sich der tapfere Lehrling in glänzender Rüstung von neuem in den Krieg, doch diesmal war das Monster zahmer und so wurde nur noch Trinkwasser vergossen.

Doch wird sie es schaffen, das Monster endgültig zu bezwingen? Was wird aus der Maid/Ritter? Wo ist eigentlich die Moral der Geschicht? Fragen über Fragen, die vielleicht nie wirklich beantwortet werden.

Alltagsgott - Alltagstrott

12. März 2019 von Wolfgang Köhle

„Dass sich ein Teil der Menschen, die glauben, die Ersten werden die Ersten sein, als christlich versteht, deprimiert mich. Die Werke der Barmherzigkeit sind nicht mehrdeutig. Die Bergpredigt und die Gebote sind nicht beliebig auszulegen und zu verbiegen, die Nächstenliebe gilt nicht nur für wohlhabende Weiße, sie gilt für alle Menschen, sogar für Tiere. Christ zu sein, verbietet die Überheblichkeit. An Gott zu glauben, bedeutet nicht, sich mit Gott zu verwechseln.”

Das Alltägliche wäre kaum erträglich ohne die kleinen Alltagsgötter, die Nischen und Falten im Alltag. Ein gesunder Alltagsverstand pflegt seine Sonntagsgedanken. Der Alltagsversager kennt tagaus, tagein nur seinen Alltagstrott. Alltäglichem und Oberflächlichem mit säkularer Spiritualität eine neue Dimension zu verleihen, das vermag Frank Berzbach in Die Ästhetik des Alltags.

Zürich Midas Collection 2018

Zürich Midas Collection 2018

Poetizität

4. März 2019 von Wolfgang Köhle

„Übersetzung ist nicht nur etwas, das von einer Sprache in eine andere gemacht wird. Wenn man nachdenkt, dann macht ja jeder Leser seine eigene Übersetzung jedes Gedichts, das er liest. Jeder Leser hat seine eigene Sprache, sein eigenes Milieu, seine eigene Fantasiewelt. Jeder Leser hat deshalb sozusagen sein eigenes Gedicht. Der Text ist der gleiche, aber die Gedichte werden unterschiedlich.“

Nur die Poesie, die Poetizität, nicht die Wissenschaft kann uns noch retten. Einblicke in sein Privatarchiv und in seine Arbeitsweise und Poetologie gewährt der Literatur-Nobelpreisträger Thomas Transtörmer in Randgebiete der Arbeit.

Alles kann alles mit allem in Verbindung bringen

21. Februar 2019 von Wolfgang Köhle

Wenn er nichts hört, sieht er nichts. Der alte russische Pianist Suvorin ist ein Ohrenmensch. Er sitzt nicht nur im Kaffeehaus und erzählt seine Geschichte, er ist auch ein Leser. Lesen ist kein gesellschaftliches Ereignis. Er sitzt da, nur er, allein mit sich und einem Buch, und liest:
„Und manchmal, nicht wahr, hält er inne, legt es aufgeschlagen zur Seite, um über einen Satz nachzusinnen, eine bestimmte Stelle, eine besondere Formulierung, eine, die ihm die Schönheit der Sprache offenbart. Alles kann alles mit allem in Verbindung bringen. Er denkt an ein Kind, eine Frau, einen Freund, denkt an einen Tag in seinem Leben, an das Leben eines anderen, der tot ist, im Gefängnis, in der Verbannung irgendwo weit weg. Er erinnert sich an das Licht eines Nachmittags, an eine Wolke am Himmel, vielleicht eine in der Form einer weiblichen Brust oder eines Hinterns, an einen Spaziergang, an Pferde, die auf einer Koppel in der Kälte im Regen stehen. Er hat Zeit. Es gibt viel zu denken in Gedichten.”

Selbstbild mit russischem Klavier. Roman von Wolf Wondratschek

Berlin Ullstein [2018]

Berlin Ullstein [2018]

Empörungsmanagement

14. Februar 2019 von Wolfgang Köhle

Warum schweigen die Lämmer? erläutert, ob die Demokratie wirklich immer mehr ausgehöhlt wird und durch die Illusion von Demokratie ersetzt wird, ob Wahlen für grundlegende politische Fragen wirklich keine Rolle mehr spielen, weil die wichtigen politischen Entscheidungen von politisch-ökonomischen Gruppierungen getroffen werden, die weder demokratisch legitimiert noch demokratisch rechenschaftspflichtig sind.

„Besonders die sogenannten gebildeten Schichten sind anfällig für die Illusion des Informiertseins. Diese Schichten sind aus naheliegenden Gründen in besonderem Grade durch die jeweils herrschende Ideologie indoktriniert – das war im Nationalsozialismus nicht anders als heute; sie sind durch ihre schweigende Duldung ein wichtiges Stabilisierungselement der jeweils herrschenden Ideologie.”

Frankfurt am Main Westend [2018]

Frankfurt am Main Westend [2018]

Fröhliche Wissenschaft

8. Februar 2019 von Wolfgang Köhle

Viele, die das Sagen haben, haben nichts zu sagen.
Viele reden viel, weil sie nichts zu sagen haben.
Alle sind wir froh über jene, die nichts zu sagen haben und schweigen, und froh über diejenigen, die etwas zu sagen haben und schreiben. So wie z.B. Jean François Billeter, der in seinen Skizzen zur Wideraufnahme und Vertiefung der Aufklärung schreibt: 
„Ich unterscheide zwischen Sagen und  Reden. Mit Reden meine ich nicht das Reden zu anderen oder mit anderen, sondern das Reden, das nichts besagt oder vergeblich versucht, etwas auszusagen, oder im Gegenteil dazu dient, das Sagen der Sache zu umgehen oder es bei anderen zu verhindern. In meiner Arbeit begegne ich täglich der Versuchung des bloßen Redens. Ich erliege ihr zunächst fast bei jedem Schritt. Ich setze die Sprache in Gang, damit sie für mich denkt und spricht und bemerke aber bald, dass mich das in die Irre leitet und ich mir das Denken nicht ersparen kann.”

Erschienen in der Serie Fröhliche Wissenschaft.

Berlin Matthes & Seitz Berlin 2018

Berlin Matthes & Seitz Berlin 2018

Book’n’Grill

31. Januar 2019 von Wolfgang Köhle

„Wenn du ein Buch wirklich liebst, wird es dir alle Wärme spenden, die in ihm wohnt. Und ich liebe die russische Klassik, auch wenn ich noch keinen einzigen Roman weiter als bis zur Hälfte gelesen habe. Und es wird mir nie und nimmer einfallen, ein gutes Steak über einem zweitrangigen Autor – sagen wir Gorki – zu grillen. Die ganze Klassik kennen wir in- und auswendig. Ein Koch muss die Romanhandlung und Biographie des Autors kennen, selbst wenn er ein Analphabet ist, was unter uns leider immer häufiger vorkommt.”

2037, die Gutenbergepoche ist endgültig vorbei. Bücher werden nicht mehr gelesen, geschweige denn gedruckt. Nur Geld wird noch gedruckt. Aber Geld brennt nur sehr schlecht und taugt nicht zum Grillen. Das ist die Geburtsstunde für Book’n’Grill. Bibliophile Klassiker-Ausgaben dienen Drei-Sterne-Mietköche als Grillmaterial für belesene Slow Food Gelage für Reiche. Immerhin kommen dekadente Angeber in Blattgold-Steak-Luxusküchen nicht auf derartig biblioverse Ideen.

Manaraga, Tagebuch eines Meisterkochs von Wladimir Sorokin, Verfasser grotesker Meisterwerke.

Auszug aus dem Tagebuch eines Lehrlings

28. Januar 2019 von Kim Rauch

Liebes Tagebuch,

Moment, nein. Nochmal von vorne.

Liebe Selbstpräsentation,

(die ich machen muss um das Häkchen in meinem Lehrlingspass setzen zu können)

heute war ein sehr erfolgreicher Tag. 
Hier hast du eine kurze Checkliste, damit du siehst, was ich heute alles geschafft habe:

Bücher fallen gelassen: Check
Gegen irgendwelche Objekte gerannt: Check
Hingefallen: noch nicht, aber der Tag ist noch lang! 
 

Wie auch immer. So wie jeden Tag war ich heute wieder um 07:00 Uhr im Büro. MORGENS. Schrecklich, oder? Ich weiß, ich bin ein armer Lehrling. Vielleicht sollte ich aber erwähnen, dass ich nicht so früh arbeiten müsste. Wir haben Gleitzeit. ABER: Ich habe keine Lust, um 07:00 Uhr ABENDS noch im Büro zu sitzen. 
Nicht die geringste.

Ich habe also um diese Uhrzeit abgestaubt, Bücher eingeräumt, Kaffee geholt und den Boden gekehrt. Das ist alles wahr!

Na gut, es war nicht ganz so, aber fast! Ich habe katalogisiert, mein Kurrent geübt und mit meiner Lehrlingsausbilderin den Lehrlingspass ausgefüllt. Da kamen wir darauf, dass ich einen Blogeintrag verfassen könnte, um mein Leid den gesamten Besuchern unserer Homepage zu klagen.

Heute ist jedoch noch etwas Erwähnenswertes passiert: 
Wie es so Standard ist in einer Bibliothek, sollten wir Zuwachs durch einen motivierten Benutzer bekommen. Offensichtlich ist er wissenschaftlich sehr interessiert. 
Behaupte ich zumindest.
Da jedoch kam die fiese Benutzungsordnung herangestürmt und verbot ihm den Eintritt und somit das Stillen seines Wissensdursts.
Der arme Hund!
Das Herrchen wurde kontaktiert und wie immer musste der arme Lehrling mit den Worten „Du hast von uns allen am meisten Hundeerfahrung!” herhalten.
Es war grausam! Wie konnte man mich alleine mit so einem kleinen, süßen, flauschigen Etwas lassen?

Tja, nicht allzu lange später mussten wir uns auch schon trennen, es war ein dramatischer Abschied, es flossen Tränen und es wurde viel umarmt. Mit den Worten „Sitz” und „Bleib” verließ ich mein Büro und machte mich mit meiner Arbeitskollegin / Mitbewohnerin auf den Weg, diese heiligen Hallen des Wissens hinter mir zu lassen und in das Paradies namens Bett zu wandern. 

Nun, Selbstpräsentation, was meinst du? Habe ich das gut gemacht? Wir werden ja sehen, aber immerhin kann ich jetzt sagen: Lass uns das Häkchen setzen!

Ottonormaltod

21. Januar 2019 von Wolfgang Köhle

„Möglich, dass dich in deinen letzten Tagen Unruhe übermannt. Vielleicht zupfst du am Betttuch, vielleicht zeigen deine Finger in ziellose Ferne. Einige Sterbende entledigen sich ihrer Kleider. Andere wollen auf und los. Viele decken sich ab, als wollten sie etwas abwerfen. Eine Geste ist häufig. Du tastest. Du fasst. Du langst ins Nichts. Manche Sterbende – darunter oft jene, die bis jetzt nicht wahrhaben wollen, dass sie im Sterben liegen – beginnen in Bildern zu reden. Eine verlangt nach ihren Wanderstiefeln. Einer fürchtet, seinen Zug zu verpassen. Andere wollen Koffer packen, bestellen mit letzter Kraft Kataloge für eine Weltreise.”

Das Gesetz der Endlichkeit gilt für alle, trotzdem leben wir nach dem Gesetz der Unendlichkeit. Die unbeschreibbare letzte Reise vom Ottonormalsterbenden zum Ottonormaltoten beschreibt So sterben wir. Unser Ende und was wir darüber wissen sollten.

Lawinenkatastrophe 1954 - Enorme Solidarität für das Große Walsertal

11. Januar 2019 von Harald Eberle

Nach einem ungewöhnlich warmen Dezember fielen am 10. und 11. Jänner 1954 in Vorarlberg binnen 24 Stunden bis zu zwei Meter Pulverschnee. Insgesamt 388 Lawinen hinterließen im ganzen Land eine Spur der Verwüstung. Die verheerendste Zerstörung traf die Gemeinde Blons, wo die Falvkopf- und die Mont-Calv-Lawine fast ungehindert auf das Dorf herabdonnerten, 57 Menschen töteten und rund ein Drittel der Gebäude zerstörten. Da die Kommunikation nach außen unterbrochen wurde, dauerte es Tage bis die Hilfe eintraf: B-Gendarmerie, Feuerwehren und hunderte Freiwillige aus dem In- und Ausland bahnten sich den Weg ins tief verschneite Walsertal.
 

Trotz der anhaltend hohen Lawinengefahr drangen die ersten Helfer zu Fuß nach Blons vor. Foto: Sammlung Walter Gnaiger, Vorarlberger Landesbibliothek

Trotz der anhaltend hohen Lawinengefahr drangen die ersten Helfer zu Fuß nach Blons vor. Foto: Sammlung Walter Gnaiger, Vorarlberger Landesbibliothek

Momente der Entewigung

10. Januar 2019 von Wolfgang Köhle

„Motivation ist eine knappe Ressource, daher bringt es Gewinn, wenn man, wo Motive fehlen, auf Gewohnheiten zurückgreifen kann. Das Schreiben von Notizen, hat man es jahrelang praktiziert, wird zu einem Habitus, der sein Warum absorbiert. Man tut es, weil man es getan hat. Fragt man, aus welchem Grund ein Verfasser seine Aufzeichnungen später wieder zur Hand nimmt, meldet sich das Motiv-Problem in akuter Form zurück. Das Schreiben mag zur Gewohnheitssache werden, das Verhältnis zum Geschriebenhaben bleibt problematisch.”

Das Festhalten hat bei Buddhisten und Psychotherapeuten keinen guten Ruf. Eine Affinität zu Augenblicksgöttern hat Peter Sloterdijk, linker, rechter, elitärer, sozialdemokratischer Liberaler mit originellen Ideen.

Neue Zeilen und Tage Notizen 2011 – 2013

Berlin Suhrkamp Verlag 2018

Berlin Suhrkamp Verlag 2018

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