VLB BLOG - Unruhe bewahren

Über Bücher, Bibliotheken, Gott und die Welt

 

Auszug aus dem Tagebuch eines Lehrlings 3

18. April 2019 von Kim Rauch

Lieber Blog,

heute, dachte ich mir, weihe ich dich in die Geheimnisse des Katalogisierungstreffens ein.

Doch zuerst sollte ich dir wohl erklären, was das eigentlich ist.
Es ist eine geheime Veranstaltung, bei der sich die Ritter aus den verschiedenen wissenschaftlichen Königreichen – oder, wie das Volk sie nennt, „Bibliotheken” – Vorarlbergs treffen und in einer Geheimsprache über das Bekämpfen monographischer und auch fortlaufender Gegner diskutieren.

Klingt nicht sonderlich spannend, oder?
Doch kann ich dir versprechen, lieber Blog, sollte dich einer dieser strahlenden Ritter (Mordred lassen wir da mal außen vor) als ein nicht codiertes 008er Feld bezeichnen, so wurde dir der Krieg erklärt!

Nun denn, vor kurzem war wieder ein solches Geheimtreffen, bei dem sich einige „Bibliothekare”, wie sie sich selbst nannten, in einer Tafelrunde wiederfanden.
Königin Artura war die erste, die das Wort ergriff und über die verschiedenen Änderungen in dem kleinen Königreich „Landesbibliothek” berichtete. So teilte sie der Runde mit, dass dieses kleine Königreich ein neues Gebiet errungen hatte. 
Es wird oft das „neue Außendepot” genannt, da vor einiger Zeit das ursprüngliche „Außendepot” in einem Kampf verloren ging.
Wir erfuhren auch, dass es neue Knappen gibt, die (noch unerfahren) in glänzender Rüstung in den Kampf ziehen. 
Durch viele düstere Wälder und Herausforderungen werden sie mit ihren weißen Schimmeln reiten müssen, bis sie nicht mehr ganz so sauber und etwas verbeulter zu einem glorreichen und im Königreich bekannten Ritter herangewachsen sind.

Nach dieser informierenden Rede, durch die vielen Tränen der Rührung in die Augen stiegen, gab Königin Artura das Wort an die Ritterin Mordretta, die von allen Mordred genannt wurde, und an mich weiter.
Unsere Aufgabe war es nun, der Tafelrunde zu erklären, wie man die regelmäßig eintreffenden Gegner bekämpft, gefangen nimmt und zur Schau stellt.
So klang es während dieser Präsentation mehr wie ein weiteres Dan Brown Buch über den Da-Vinci-Code. Zwei Stunden lang gaben wir uns Mühe, über die verschiedenen Kampftechniken zu reden, viele Fragen wurden gestellt und vermutlich auf noch mehr geantwortet.
Und so begaben sich die verschiedenen Ritter wieder in ihre Reiche, bewaffnet mit neuem Wissen, wie sie die Gegner bekämpfen können.
Doch werden sich die Ritter an die neuen Vorschriften halten?
Leben sie glücklich bis an ihr Ende oder werden sie im Kampfe fallen?
Was ist mit Mordred? Wird sie die Tafelrunde verraten? (Ganz sicher, es ist Mordred. Spoiler.) 
P.S.
ENDE

P.S.S
Okay, jetzt.

Freiwillig gezwungen

10. April 2019 von Wolfgang Köhle

Die „Volksdeutschen” sind keine Untermenschen, weil immerhin Deutsche im arischen Ausland, aber doch Menschen zweiter Klasse. Georg Kempf, Nachfahre ausgewanderter Donauschwaben aus Ulm, wird als Zwangsfreiwilliger an die Ostfront geschickt, desertiert und kehrt nach dem Krieg nach Jugoslawien zurück, wo ein neues tausendjähriges Reich errichtet wird. Schriftsteller wollte er werden, Dichter sein. Aber er erkennt, dass er nur ein poeta minor ist. Ein kleiner Dichter zu sein, das zu wissen ist bitter, andererseits ist ein solches Geständnis ein Zeichen von Charakterstärke. Der alte Kempf lässt sich von seiner Betrübtheit nicht stören, er besucht seine Ahnen auf dem Friedhof und sinniert vor sich hin, was ihm von seinen Lieben, vom Übermenschen, von seinem Leben geblieben ist:

„Plötzlich kommt Kempf Wort für Wort der Eid in den Sinn, den er dem Führer als freiwillig Gezwungener nach dem Drill unter den wachsamen Augen der SS-Offiziere in der Kaserne im Städtchen Stockerau geleistet hat. Und mehr noch, er zitiert ihn im Halbdunkel flüsternd in voller Länge. So vieles hat er vergessen, was er behalten wollte! Und so vieles behalten, was er vergessen wollte.” 

Die Reparatur der Welt. Roman von Slobodan Snajder

Wien Paul Zsolnay Verlag 2019

Wien Paul Zsolnay Verlag 2019

Muss denn Essen Sünde sein?

1. April 2019 von Wolfgang Köhle

Nicht zu viel, genussvoll, bewusst, regional und saisonal sollen wir essen, frisch gekocht, echte Lebensmittel, vorwiegend Pflanzen – so die Theorie. Essen ist praktisch(erweise) ein Antidepressivum. Fasten ist also Silber, essen ist Gold. Wir alle, die wir gerne essen, sollten Nahrungsmittel meiden, die
 

•    behaupten, gesund zu sein
•    ein Drittklässler nicht aussprechen kann
•    für die im Fernsehen geworben wird
•    nicht von Menschen zubereitet wurden
•    mehr als fünf Zutaten enthalten


Es gilt, zuweilen die Regeln zu brechen. Prinzipiell aber sollten wir nur Lebensmittel essen, die verderben können, denn „je stärker ein Lebensmittel verarbeitet ist, desto länger ist es haltbar, und desto weniger Nährstoffe enthält es im Allgemeinen. Echte Lebens-Mittel sind lebendig – und sollten deshalb irgendwann verderben. Es gibt ein paar Ausnahmen: Die Haltbarkeit von Honig zum Beispiel bemisst sich nach Jahrhunderten.”

Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte.

München Goldmann 2017

München Goldmann 2017

Matthäus-Effekt

27. März 2019 von Wolfgang Köhle

Echtes Risiko ist, nicht die Haut anderer sondern die eigene Haut zu riskieren. Ginge es in der Welt um Fairness und Anstand, müsste das Risiko einen Preis haben, den jeder selber zu bezahlen hätte. Sich auf Kosten anderer zu bereichern, ohne mit dem eigenen Vermögen zu haften, ist moralisch verwerflich, aber gesetzlich legitim. „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat”, so steht es geschrieben, im Matthäusevangelium.

„Die überzeugendsten Statements sind diejenigen, bei denen man bereit ist, zu verlieren, wo man also seine Haut aufs Spiel setzt; am wenigsten überzeugen solche Erklärungen, bei denen man offensichtlich versucht, seinen eigenen Status aufzuwerten, ohne einen sichtbaren Beitrag zu leisten. Es ist vernünftig anzugeben; es ist menschlich. Solange der Inhalt wichtiger bleibt als der Angeber, ist alles in Ordnung. Bleiben Sie menschlich, nehmen Sie so viel Sie kriegen können – unter der Bedingung, dass Sie mehr geben als nehmen.”

Nicholas Taleb, Fachmann für Ambiguitätstoleranz und mehrdeutige Information, schreibt über die Schnittmengen von Risikomanagement, soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftsethik in Das Risiko und sein Preis.

München Penguin Verlag © 2018

München Penguin Verlag © 2018

Auszug aus dem Tagebuch eines Lehrlings 2

19. März 2019 von Kim Rauch

Lieber Blog,

heute habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, ein Märchen zu schreiben. Es lautet folgendermaßen:

Es war einmal vor langer Zeit in einem relativ kleinen, weit entfernten Land in einer nicht ganz so kleinen Bibliothek.
Da gab es einen sehr eifrigen Archiv-, Bibliotheks- und Informationsassistenz-Lehrling. Dieser Lehrling war toller als alle Lehrlinge vor ihr – und nein, ich bin nicht selbstverliebt!

Eines Tages, als unser tapferer Lehrling eben erst eine ihrer glorreichen Arbeiten beendet hatte, vernahm sie den Hilfeschrei einer Mitbibliothekarin und eilte sofort zur Rettung!

Als sie mit erhobenem Bleistift in das Büro der jungen, nicht-ganz-so-holden Maid rannte, entdeckte sie zwei riesige Monster, die diese Maid  bedrohten. 
Die Maid hatte schon viele Monster bekämpft, da sie nicht nur eine Maid sondern auch ein Ritter in… nun… nicht wirklich strahlender und etwas verbeulter Rüstung war. Dennoch waren diese beiden selbst dieser bisher ungeschlagenen Heldin zu viel.
So stürzte sich der tapfere Lehrling ohne zu zögern in den Kampf mit dem Monster, das sich selbst E-Journals nannte, während unsere Maid/Ritter mit den Print-Zeitschriften focht.
Obwohl unser unerschrockener Lehrling schon viele Kämpfe gegen düstere Monster wie die verschiedenen Loseblattsammlungen der Medizin oder die doppelten ISBN geführt hatte, so hatte sie noch nie einen solchen landesweit gefürchteten Gegner vor sich gehabt.
So schlossen die beiden Heldinnen sich also zusammen und riefen sich Zahlen und Buchstaben zu, die kaum ein anderer in ihrer Nähe zu verstehen vermochte. 
Es flossen Schweiß, Blut und vor allem einige Tränen.

Dann, nach Wochen des eifrig auf die Tastatur Tippens, war es endlich so weit, der Lehrling hatte sein Monster mit der Hilfe von RDA besiegt. 

Doch ihr Glück sollte nicht lange währen, denn die nicht-ganz-so-holde Maid kam zu ihr und teilte ihr mit, dass man noch Felder hinzufügen könnte.
Tage später sollte auch die weise Göttin des RDA den schon am Boden zerstörten Lehrling auf Dinge hinweisen, die noch zu ergänzen wären.

So begab sich der tapfere Lehrling in glänzender Rüstung von neuem in den Krieg, doch diesmal war das Monster zahmer und so wurde nur noch Trinkwasser vergossen.

Doch wird sie es schaffen, das Monster endgültig zu bezwingen? Was wird aus der Maid/Ritter? Wo ist eigentlich die Moral der Geschicht? Fragen über Fragen, die vielleicht nie wirklich beantwortet werden.

Alltagsgott - Alltagstrott

12. März 2019 von Wolfgang Köhle

„Dass sich ein Teil der Menschen, die glauben, die Ersten werden die Ersten sein, als christlich versteht, deprimiert mich. Die Werke der Barmherzigkeit sind nicht mehrdeutig. Die Bergpredigt und die Gebote sind nicht beliebig auszulegen und zu verbiegen, die Nächstenliebe gilt nicht nur für wohlhabende Weiße, sie gilt für alle Menschen, sogar für Tiere. Christ zu sein, verbietet die Überheblichkeit. An Gott zu glauben, bedeutet nicht, sich mit Gott zu verwechseln.”

Das Alltägliche wäre kaum erträglich ohne die kleinen Alltagsgötter, die Nischen und Falten im Alltag. Ein gesunder Alltagsverstand pflegt seine Sonntagsgedanken. Der Alltagsversager kennt tagaus, tagein nur seinen Alltagstrott. Alltäglichem und Oberflächlichem mit säkularer Spiritualität eine neue Dimension zu verleihen, das vermag Frank Berzbach in Die Ästhetik des Alltags.

Zürich Midas Collection 2018

Zürich Midas Collection 2018

Poetizität

4. März 2019 von Wolfgang Köhle

„Übersetzung ist nicht nur etwas, das von einer Sprache in eine andere gemacht wird. Wenn man nachdenkt, dann macht ja jeder Leser seine eigene Übersetzung jedes Gedichts, das er liest. Jeder Leser hat seine eigene Sprache, sein eigenes Milieu, seine eigene Fantasiewelt. Jeder Leser hat deshalb sozusagen sein eigenes Gedicht. Der Text ist der gleiche, aber die Gedichte werden unterschiedlich.“

Nur die Poesie, die Poetizität, nicht die Wissenschaft kann uns noch retten. Einblicke in sein Privatarchiv und in seine Arbeitsweise und Poetologie gewährt der Literatur-Nobelpreisträger Thomas Transtörmer in Randgebiete der Arbeit.

Alles kann alles mit allem in Verbindung bringen

21. Februar 2019 von Wolfgang Köhle

Wenn er nichts hört, sieht er nichts. Der alte russische Pianist Suvorin ist ein Ohrenmensch. Er sitzt nicht nur im Kaffeehaus und erzählt seine Geschichte, er ist auch ein Leser. Lesen ist kein gesellschaftliches Ereignis. Er sitzt da, nur er, allein mit sich und einem Buch, und liest:
„Und manchmal, nicht wahr, hält er inne, legt es aufgeschlagen zur Seite, um über einen Satz nachzusinnen, eine bestimmte Stelle, eine besondere Formulierung, eine, die ihm die Schönheit der Sprache offenbart. Alles kann alles mit allem in Verbindung bringen. Er denkt an ein Kind, eine Frau, einen Freund, denkt an einen Tag in seinem Leben, an das Leben eines anderen, der tot ist, im Gefängnis, in der Verbannung irgendwo weit weg. Er erinnert sich an das Licht eines Nachmittags, an eine Wolke am Himmel, vielleicht eine in der Form einer weiblichen Brust oder eines Hinterns, an einen Spaziergang, an Pferde, die auf einer Koppel in der Kälte im Regen stehen. Er hat Zeit. Es gibt viel zu denken in Gedichten.”

Selbstbild mit russischem Klavier. Roman von Wolf Wondratschek

Berlin Ullstein [2018]

Berlin Ullstein [2018]

Empörungsmanagement

14. Februar 2019 von Wolfgang Köhle

Warum schweigen die Lämmer? erläutert, ob die Demokratie wirklich immer mehr ausgehöhlt wird und durch die Illusion von Demokratie ersetzt wird, ob Wahlen für grundlegende politische Fragen wirklich keine Rolle mehr spielen, weil die wichtigen politischen Entscheidungen von politisch-ökonomischen Gruppierungen getroffen werden, die weder demokratisch legitimiert noch demokratisch rechenschaftspflichtig sind.

„Besonders die sogenannten gebildeten Schichten sind anfällig für die Illusion des Informiertseins. Diese Schichten sind aus naheliegenden Gründen in besonderem Grade durch die jeweils herrschende Ideologie indoktriniert – das war im Nationalsozialismus nicht anders als heute; sie sind durch ihre schweigende Duldung ein wichtiges Stabilisierungselement der jeweils herrschenden Ideologie.”

Frankfurt am Main Westend [2018]

Frankfurt am Main Westend [2018]

Fröhliche Wissenschaft

8. Februar 2019 von Wolfgang Köhle

Viele, die das Sagen haben, haben nichts zu sagen.
Viele reden viel, weil sie nichts zu sagen haben.
Alle sind wir froh über jene, die nichts zu sagen haben und schweigen, und froh über diejenigen, die etwas zu sagen haben und schreiben. So wie z.B. Jean François Billeter, der in seinen Skizzen zur Wideraufnahme und Vertiefung der Aufklärung schreibt: 
„Ich unterscheide zwischen Sagen und  Reden. Mit Reden meine ich nicht das Reden zu anderen oder mit anderen, sondern das Reden, das nichts besagt oder vergeblich versucht, etwas auszusagen, oder im Gegenteil dazu dient, das Sagen der Sache zu umgehen oder es bei anderen zu verhindern. In meiner Arbeit begegne ich täglich der Versuchung des bloßen Redens. Ich erliege ihr zunächst fast bei jedem Schritt. Ich setze die Sprache in Gang, damit sie für mich denkt und spricht und bemerke aber bald, dass mich das in die Irre leitet und ich mir das Denken nicht ersparen kann.”

Erschienen in der Serie Fröhliche Wissenschaft.

Berlin Matthes & Seitz Berlin 2018

Berlin Matthes & Seitz Berlin 2018

Book’n’Grill

31. Januar 2019 von Wolfgang Köhle

„Wenn du ein Buch wirklich liebst, wird es dir alle Wärme spenden, die in ihm wohnt. Und ich liebe die russische Klassik, auch wenn ich noch keinen einzigen Roman weiter als bis zur Hälfte gelesen habe. Und es wird mir nie und nimmer einfallen, ein gutes Steak über einem zweitrangigen Autor – sagen wir Gorki – zu grillen. Die ganze Klassik kennen wir in- und auswendig. Ein Koch muss die Romanhandlung und Biographie des Autors kennen, selbst wenn er ein Analphabet ist, was unter uns leider immer häufiger vorkommt.”

2037, die Gutenbergepoche ist endgültig vorbei. Bücher werden nicht mehr gelesen, geschweige denn gedruckt. Nur Geld wird noch gedruckt. Aber Geld brennt nur sehr schlecht und taugt nicht zum Grillen. Das ist die Geburtsstunde für Book’n’Grill. Bibliophile Klassiker-Ausgaben dienen Drei-Sterne-Mietköche als Grillmaterial für belesene Slow Food Gelage für Reiche. Immerhin kommen dekadente Angeber in Blattgold-Steak-Luxusküchen nicht auf derartig biblioverse Ideen.

Manaraga, Tagebuch eines Meisterkochs von Wladimir Sorokin, Verfasser grotesker Meisterwerke.

Auszug aus dem Tagebuch eines Lehrlings

28. Januar 2019 von Kim Rauch

Liebes Tagebuch,

Moment, nein. Nochmal von vorne.

Liebe Selbstpräsentation,

(die ich machen muss um das Häkchen in meinem Lehrlingspass setzen zu können)

heute war ein sehr erfolgreicher Tag. 
Hier hast du eine kurze Checkliste, damit du siehst, was ich heute alles geschafft habe:

Bücher fallen gelassen: Check
Gegen irgendwelche Objekte gerannt: Check
Hingefallen: noch nicht, aber der Tag ist noch lang! 
 

Wie auch immer. So wie jeden Tag war ich heute wieder um 07:00 Uhr im Büro. MORGENS. Schrecklich, oder? Ich weiß, ich bin ein armer Lehrling. Vielleicht sollte ich aber erwähnen, dass ich nicht so früh arbeiten müsste. Wir haben Gleitzeit. ABER: Ich habe keine Lust, um 07:00 Uhr ABENDS noch im Büro zu sitzen. 
Nicht die geringste.

Ich habe also um diese Uhrzeit abgestaubt, Bücher eingeräumt, Kaffee geholt und den Boden gekehrt. Das ist alles wahr!

Na gut, es war nicht ganz so, aber fast! Ich habe katalogisiert, mein Kurrent geübt und mit meiner Lehrlingsausbilderin den Lehrlingspass ausgefüllt. Da kamen wir darauf, dass ich einen Blogeintrag verfassen könnte, um mein Leid den gesamten Besuchern unserer Homepage zu klagen.

Heute ist jedoch noch etwas Erwähnenswertes passiert: 
Wie es so Standard ist in einer Bibliothek, sollten wir Zuwachs durch einen motivierten Benutzer bekommen. Offensichtlich ist er wissenschaftlich sehr interessiert. 
Behaupte ich zumindest.
Da jedoch kam die fiese Benutzungsordnung herangestürmt und verbot ihm den Eintritt und somit das Stillen seines Wissensdursts.
Der arme Hund!
Das Herrchen wurde kontaktiert und wie immer musste der arme Lehrling mit den Worten „Du hast von uns allen am meisten Hundeerfahrung!” herhalten.
Es war grausam! Wie konnte man mich alleine mit so einem kleinen, süßen, flauschigen Etwas lassen?

Tja, nicht allzu lange später mussten wir uns auch schon trennen, es war ein dramatischer Abschied, es flossen Tränen und es wurde viel umarmt. Mit den Worten „Sitz” und „Bleib” verließ ich mein Büro und machte mich mit meiner Arbeitskollegin / Mitbewohnerin auf den Weg, diese heiligen Hallen des Wissens hinter mir zu lassen und in das Paradies namens Bett zu wandern. 

Nun, Selbstpräsentation, was meinst du? Habe ich das gut gemacht? Wir werden ja sehen, aber immerhin kann ich jetzt sagen: Lass uns das Häkchen setzen!

Ottonormaltod

21. Januar 2019 von Wolfgang Köhle

„Möglich, dass dich in deinen letzten Tagen Unruhe übermannt. Vielleicht zupfst du am Betttuch, vielleicht zeigen deine Finger in ziellose Ferne. Einige Sterbende entledigen sich ihrer Kleider. Andere wollen auf und los. Viele decken sich ab, als wollten sie etwas abwerfen. Eine Geste ist häufig. Du tastest. Du fasst. Du langst ins Nichts. Manche Sterbende – darunter oft jene, die bis jetzt nicht wahrhaben wollen, dass sie im Sterben liegen – beginnen in Bildern zu reden. Eine verlangt nach ihren Wanderstiefeln. Einer fürchtet, seinen Zug zu verpassen. Andere wollen Koffer packen, bestellen mit letzter Kraft Kataloge für eine Weltreise.”

Das Gesetz der Endlichkeit gilt für alle, trotzdem leben wir nach dem Gesetz der Unendlichkeit. Die unbeschreibbare letzte Reise vom Ottonormalsterbenden zum Ottonormaltoten beschreibt So sterben wir. Unser Ende und was wir darüber wissen sollten.

Lawinenkatastrophe 1954 - Enorme Solidarität für das Große Walsertal

11. Januar 2019 von Harald Eberle

Nach einem ungewöhnlich warmen Dezember fielen am 10. und 11. Jänner 1954 in Vorarlberg binnen 24 Stunden bis zu zwei Meter Pulverschnee. Insgesamt 388 Lawinen hinterließen im ganzen Land eine Spur der Verwüstung. Die verheerendste Zerstörung traf die Gemeinde Blons, wo die Falvkopf- und die Mont-Calv-Lawine fast ungehindert auf das Dorf herabdonnerten, 57 Menschen töteten und rund ein Drittel der Gebäude zerstörten. Da die Kommunikation nach außen unterbrochen wurde, dauerte es Tage bis die Hilfe eintraf: B-Gendarmerie, Feuerwehren und hunderte Freiwillige aus dem In- und Ausland bahnten sich den Weg ins tief verschneite Walsertal.
 

Trotz der anhaltend hohen Lawinengefahr drangen die ersten Helfer zu Fuß nach Blons vor. Foto: Sammlung Walter Gnaiger, Vorarlberger Landesbibliothek

Trotz der anhaltend hohen Lawinengefahr drangen die ersten Helfer zu Fuß nach Blons vor. Foto: Sammlung Walter Gnaiger, Vorarlberger Landesbibliothek

Momente der Entewigung

10. Januar 2019 von Wolfgang Köhle

„Motivation ist eine knappe Ressource, daher bringt es Gewinn, wenn man, wo Motive fehlen, auf Gewohnheiten zurückgreifen kann. Das Schreiben von Notizen, hat man es jahrelang praktiziert, wird zu einem Habitus, der sein Warum absorbiert. Man tut es, weil man es getan hat. Fragt man, aus welchem Grund ein Verfasser seine Aufzeichnungen später wieder zur Hand nimmt, meldet sich das Motiv-Problem in akuter Form zurück. Das Schreiben mag zur Gewohnheitssache werden, das Verhältnis zum Geschriebenhaben bleibt problematisch.”

Das Festhalten hat bei Buddhisten und Psychotherapeuten keinen guten Ruf. Eine Affinität zu Augenblicksgöttern hat Peter Sloterdijk, linker, rechter, elitärer, sozialdemokratischer Liberaler mit originellen Ideen.

Neue Zeilen und Tage Notizen 2011 – 2013

Berlin Suhrkamp Verlag 2018

Berlin Suhrkamp Verlag 2018

Frohlocket und lobpreiset!

19. Dezember 2018 von Wolfgang Köhle

 

Frohlocket und lobpreiset!

 

 

Wir, das Team der Vorarlberger Landesbibliothek, wünschen allen Lesenden ein frohes Fest und ein richtig gutes, gesundes, friedliches und frohsinniges neues Jahr. Prosit!

 

Rüssel, Herz, Hirn und Hoden

12. Dezember 2018 von Wolfgang Köhle

 

Frisches Hirn mit Ei, Schweinsohrenterrine, gesottener Rüssel, frische Blunzen, saure Nieren, gebackener Lungenstrudel, Magensuppe, schlachtwarm geröstete Leber, kurz gebratenes Hirn, stundenlang gesottener Schweinsschädel: es gibt keine schlechten Teile vom Tier, nur unpassende Zubereitung.

 

„Vor nicht allzu langer Zeit, also früher, zu den guten Zeiten, war nicht nur Gemüse, sondern auch Fleisch saisonal. Das Schwein war für den Menschen eine Art lebende Vorratskammer, gemästet mit Küchenabfällen und Überschüssigem. Im Herbst wurde das Schwein geschlachtet, zerlegt, verwurstet und eingesalzen. Die Innereien, das Blut, das Fleisch wurden am Schlachttag frisch gegessen und verarbeitet. Ein Freudentag, mit Wein, Musik und Tanz gefeiert, ein Sautanz.“

 

Bei der Hausschlachtung: Es dampft, blubbert und brutzelt, das Bier gezapft, der Wein geöffnet, das aufgehängte Schwein wird immer kleiner, das Mahl üppiger: Rezepte aus einer Zeit, als Fleisch noch etwas Besonderes war. Sautanz

Make POESIE great again

6. Dezember 2018 von Wolfgang Köhle

Es tanzen die Blätter im Wind,
wissen nicht, dass sie am Fallen sind.

Jeder Mensch hat lyrische Gefühle, ob er will oder nicht. Abgesehen von Aphorismen lassen sich poetische Gefühle nicht kürzer ausdrücken als in Gedichten, den zauberspruchartigen Gefäßen, die in weniger viel mehr enthalten. 

Ich möchte sein wie ein Wunsch,
auf der Schwelle möchte ich stehen,
ein Tag sein vor seinem Anbruch,
noch nicht gewesen sein möchte ich.

Spätdienst : Bekenntnis und Stimmung  von Martin Walser

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2018

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2018

Technomania

28. November 2018 von Wolfgang Köhle

„Fleisch aus 3D-Druckern, Roboter so klein wie Viren, künstlich hergestelltes Leben – bislang formte der Mensch die Natur nach seinem Willen. Doch die modernen Technologien können den Spieß auch umdrehen: Sie formen den Menschen. Algorithmen, die über Leben und Tod entscheiden, Eingriffe in die Genetik und künstliche Intelligenz definieren menschliches Leben neu. Unser Alltag, unsere menschliche Existenz ändern sich radikal.”

Neuro-Enhancement, Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, Quantentechnologie, synthetisches Leben -  Zauberlehrlinge sind am Werk. Was im Ohr des Optimisten nach Zukunftsmusik klingt, wird im Gehörgang des Pessimisten zur Dystopie einer posthumanen Welt, ethisches Burnout inklusive.

Unsere Zukunft zwischen Himmel und Hölle: Supermacht Wissenschaft

Gütersloh Gütersloher Verlagshaus [2017]

Gütersloh Gütersloher Verlagshaus [2017]

Die Dummen sind immer die anderen

21. November 2018 von Wolfgang Köhle

Der Dumme macht immer dieselben Fehler, der weniger Dumme macht immer neue Fehler, der am wenigsten Dumme lässt die Fehler andere machen. Dabei ist nur klug, wer weiß, wie dumm er ist. Gibt es was Klügeres, als die eigene Dummheit durch Erfahrung in Weisheit zu verwandeln?

„Wenn Dummheit kognitive Verweigerung ist, dann dürfte Nicht-Dummheit so viel wie Erkenntnisbereitschaft sein. Es wäre dies, was bislang als offener Horizont oder als Weltoffenheit bezeichnet wurde. Weltoffenheit bedeutetet zunächst alles, was wir als Gegenteil von geistiger Verschlossenheit erleben können: die Bereitschaft, die Welt als Widerspruch zu erleben und sich auch mit solchen ihrer Signale ohne Abwehrhaltung auseinanderzusetzen, die den eigenen Standpunkt nicht unterstützen oder ihn gar in Frage stellen; die Bereitschaft, Selbstbild und Realitätsbild zu korrigieren oder miteinander in Einklang zu bringen …“

Dummheit : Eine Erfolgsgeschichte

Stuttgart J.B.Metzler Verlag [2017]

Stuttgart J.B.Metzler Verlag [2017]

Otto-Normalleserei

16. November 2018 von Wolfgang Köhle

„Ziel ist zu zeigen, dass die Lektüre von literarischen Werken selbst bereits mehr als die Anwendung erlernter Lesetechnik ist: Sie ist eine kleine Kunst, eine Meisterung des Umgangs mit sich selbst. Diese Kunst macht nicht nur Freude in ihrer Ausübung, sie hilft auch, das Leben in der heutigen Welt zu meistern. Sie zu erläutern heißt also zugleich eine Gegenwartsdiagnose wagen, was aber kaum eine Überraschung ist: Der Sinn von Literatur ergibt sich immer aus einem geschichtlichen Kontext, und darum gehört es zur Aufgabe, erst einmal den heutigen zu bestimmen.”

Wo genau liegt der Unterschied zwischen literaturnaher Unterhaltung und Literatur im eigentlichen Sinn, was kann Literatur heute leisten und wie lässt sich das Potential der Literatur näher bestimmen? 
Die Spaltung zwischen Freizeitleser und professionellem Literaturliebhaber, zwischen Laien und Berufsleser literaturpsychologisch zu überbrücken versucht Niklas Bender in Verpasste und erfasste Möglichkeiten.

Basel Schwabe Verlag [2018]

Basel Schwabe Verlag [2018]

Pfui Teufel

7. November 2018 von Wolfgang Köhle

Ob Gott den Menschen schuf oder umgekehrt, ist schwierig zu beweisen, weil es schwer ist, etwas wegzubeweisen, das es gar nicht gibt. Ähnlich sieht es aus mit der Beziehung von Mensch und Teufel. Als Leser von Nietzsche weiß man, dass Gott widerlegt ist, der Teufel aber nicht – bis zum Erscheinen von Homo homini Satanas, eine philosophisch-anthropologische Auseinandersetzung mit dem Teufel. Wo verteufelt wird, kann auch entteufelt werden.

„Der Mensch kann nicht vollkommen frei von Anthropomorphismen durch das Leben schreiten. Praktisch alles, womit sich der Mensch beschäftigt, wird mehr oder weniger stark anthropomorphisiert. Der Teufel bildet da keine Ausnahme. Auch bei ihm gilt: Die Anthropomorphisierung des Nicht-Anthropomorphen ist für den Menschen unabwendbar.”

Baden-Baden Tectum Verlag [2018]

Baden-Baden Tectum Verlag [2018]

Der Duft der Königin

02. November 2018 von Wolfgang Köhle

 

Die Freude beim Öffnen eines Bienenstocks lässt sich nicht beschreiben. Der Wohlgeruch, das Gesumme des Biens, die Masse an Bienen – ein großartiges Wunder. Einer der kritischsten Momente beim Imkerhandwerk ist die Umweiselung. Wird das Volk vor dem Schwarmtrieb nach Herausnahme der alten, schwachen Königin die neue, junge, lebensfrohe, an Pheromonen reiche Königin akzeptieren? Jedes Bienenvolk ist ein Musterbeispiel für eine Gemeinschaft, in der ALLE zusammen Erfolg haben, weil sie zugunsten gemeinsamer Ziele gemeinsam arbeiten.

 

„Die Königin ist von einem sogenannten Hofstaat aus sechs bis zehn Bienen umgeben, die sie pflegen und ihr überallhin folgen. Andere Bienen kommen hinzu, berühren die Königin mit ihren Antennen und verteilen den königlichen Duft auf ihren Vorderbeinen, laufen 15-30 Minuten lang quer durch das Nest und sorgen auf diese Weise für eine Verbreitung des Königinnenpheromons im ganzen Volk.“

 

Das Genie der Honigbienen

 Stuttgart Ulmer [2018]

Stuttgart Ulmer [2018]

Das Leben, das Universum und der ganze Rest

24. Oktober 2018 von Mirella Sprenger

420000295748 ... das ist der VLB-Strichcode des hier empfohlenen Kassikers der Science-Fiction-Literatur. Wer sich schon mal gefragt hat, weshalb die 42 bei dieser Nummer vorangestellt ist, lese Douglas Adams' Per Anhalter durch die Galaxis.
42 ist die Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest”, welche der Computer „Deep Thought” nach einer Rechenzeit von 7,5 Millionen Jahren präsentiert. Weiters erfahren wir in dem Roman, dass der Planet Erde in Wahrheit ein Supercomputer ist bzw. war - er wurde 5 Minuten vor Ablauf seines Zehn-Millionen-Jahre-Programms im Rahmen eines Verkehrsprojekts gesprengt. Die Erde sollte die genaue! Frage zur Antwort 42, „nach dem Leben, dem Universum und allem”, finden…
„Per Anhalter durch die Galaxis” ist schräg, skurril, spaßig, kurzweilig ... ist Kult. Dabei ist der Titel sowohl der Titel des ersten Buches als auch der gesamten 5-teiligen Romanreihe, von der wir den ersten sowie den „fünften Band der vierbändigen Trilogie” im Bestand haben.

Auf Wikipedia ist übrigens folgendes Zitat von Douglas Adams zu lesen: „The idea for the title first cropped up, while I was lying drunk in a field in Innsbruck, Austria, in 1971. Not particularly drunk, just the sort of drunk you get when you have a couple of stiff Gössers after not having eaten for two days straight.”

Und noch ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl an unsere Erwerbungsabteilung: Wäre schön, wenn die gesamte Trilogie (also alle 5 Bände) im Regal stehen würde ;-)

Rogner und Bernhard

Rogner und Bernhard

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