VLB BLOG - Unruhe bewahren

Über Bücher, Bibliotheken, Gott und die Welt

 

Du altes Nachtschattengesöff

9. August 2018 von Wolfgang Köhle

Postkarten erheitern den Alltag der Zuhausegebliebenen und -sitzengelassenen. Insbesondere, wenn der Anrede fröhlicher Humor innewohnt, so wie es Jurek Becker mit seinem Einfallsreichtum vormacht: 

Du alter Gerinnungsfaktor – Ihr Tautropfen – Du alte Vorzugsaktie – Mein liebes Sicherheitsrisiko – Du alter Wackelkontakt – Du lieber Gänsebraten – Du alte Beziehungskiste – Du süße Verlegenheitslösung – Du alte Hemmschwelle – Du altes Sicherheitsrisiko – Du liebe Funkstille – … 

An Christine Becker, Berlin 19.6.1994

Du altes Studentenfutter, 
ich meine natürlich – Du
junges Studentenfutter. Oder
überhaupt kein Studentenfutter.
Genau genommen auch das nicht,
sondern MEIN Futter. Aber wieso
Futter, bin ich Kannibale oder
was? Wahrscheinlich stelle ich
mich nur ungeschickt an und
will sagen – ich bin verrückt nach
dir. Ja, das kommt der Sache
am nächsten.
J.

Am Strand von Bochum ist allerhand los. Postkarten

Berlin Suhrkamp 2018

Berlin Suhrkamp 2018

Arabische Dichtkunst

7. August 2018 von Wolfgang Köhle

Dahiya Al-Hilaliya ist eine vorislamische Dichterin vom Stamme Hilal, der im Norden der Arabischen Halbinsel lebte.

Mein Vater soll mich verlieren


Mein Vater soll mich verlieren, wenn ich je Speichel wie den
des Geliebten gekostet habe, reiner als selbst das
Regenwasser.

Und ich schwöre, hätt‘ ich die Wahl zwischen ihm und
Meinem Vater, ich entschiede mich, vaterlos zu sein.

Und wenn ich beim Schlafen nicht einen Knaben vom 
Stamme Hilal
In meinen Armen habe, dann soll Lahmheit meine
Finger befallen.


Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute: Die Flügel meines schweren Herzens

Zürich Manesse Verlag [2017]

Zürich Manesse Verlag [2017]

Probeliegen

31. Juli 2018 von Wolfgang Köhle

Zerfällt der Körper, ist das Bewusstsein vernichtet. Friede ist da, endlich. Oder doch nicht? Nur ein Schriftsteller wie Robert Seethaler ist imstande, das zu fassen, was nicht zu fassen ist, und sich erzählenderweise zu fragen, ob es schwieriger ist, als Lebender über den Tod nachzudenken als umgekehrt.

„Auf meinem Grabstein steht: GOTT IST GROSS UND WIR SIND SEINE KINDER. Ich frage mich, wer zum Teufel hat das dort eingemeißelt? Ich bin der Sohn meiner Mutter Aiasha al-Bakri und meines Vaters Abu Navid Muhamed al-Bakri. Ob bei meiner Entstehung auch Gott mitgewirkt hat, kann ich nicht sagen. Ich habe ihn nie kennengelernt.”

Auf zum Friedhof, probeliegen und den Geschichten der Toten lauschen.
Oder dem Autor beim Lesen zuhören, oder selber lesen. Das Feld.

München Hanser Berlin 2018

München Hanser Berlin 2018

Ökonomische Unvernunft

25. Juli 2018 von Wolfgang Köhle

Die traditionellen Grundannahmen ökonomischer Theorien fußen auf dem Konzept des rational handelnden Homo Oeconomicus - ein fataler Irrglaube. Grundlegend für menschliches Verhalten ist nicht ökonomische Vernunft sondern ganz einfach verhaltensökonomische Psychologie und die Wirtschaftspsychologie. Das beweist der humorvolle Nobelpreisträger und Ökonom Richard Thaler anhand vieler Beispiele aus Beruf und Alltag in Misbehaving : was uns die Verhaltensökonomie über unsere Entscheidungen verrät.

„Bevor Sie weiterlesen, sollten Sie bedenken, dass dieses Buch von einem nachweislich faulen Mann geschrieben wurde. Der Vorteil besteht darin, dass nur solche Themen darin vorkommen, die interessant sind – zumindest für mich.”

München Siedler 2018

München Siedler 2018

Cherchez la femme

13. Juli 2018 von Wolfgang Köhle

An seinem Sterbetag schreibt Tom mit seiner Kinderschrift auf einen Zettel, was sein Leben taugt.
Links auf seinem Zettel stehen seine Wünsche: „Eva, Respekt, Sinn, Ruhe.”
Rechts auf seinem Zettel steht sein Zustand, das Erreichte: „Nichts, da kommt nix mehr.”

„Bevor sich dieser 40-jährige Junge nach Art der Greise erhängen wird, wäscht er noch mal Wäsche, das Waschmittel muss immer Sunil sein („Top Sauberkeit, rechnen Sie mit dem Besten”), und während die Waschmaschine läuft, bestellt er sich eine Pizza (mit Salami, Spinat und Bratkartoffeln), dazu drei Dosen Bier (Warsteiner, er mag dieses Tantenbier eigentlich nicht, aber der Pizzadienst führt keine andere Sorte), er muss noch ein Geschenk einpacken, die Freundin seines Bruders hat Geburtstag, sie kriegt eine Flasche Parfüm (von Lagerfeld), das gleiche Parfüm benutzt auch seine Geliebte, die Unvergleichliche, die Sau, die Verräterin.”

Mit echtem Scheitern ist nicht zu spaßen. Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe erzählt traurig voller Heiterkeit von einer gescheiterten, lebensuntüchtigen Existenz, von Abgründen und Niederlagen. Fehlt nur noch das (Un)Glück mit den Frauen. Cherchez la femme.

Hamburg Tempo 2017

Hamburg Tempo 2017

Sei deiner selbst würdig

4. Juli 2018 von Wolfgang Köhle

„Rechtzeitig sterben – aber bis zum Äußersten leben: Das ist das Gebet. Sei deiner selbst würdig.”

Die Wichtigkeit und Bedeutung unserer individuellen Einmaligkeit und die gleichzeitige Unwichtigkeit und Bedeutungslosigkeit unseres individuellen Seins – das zu verstehen versucht hat der ungarische Literaturnobelpreisträger, Auschwitz und Buchenwald-Überlebende Imre Kertész insbesondere in seinen Tagebüchern und autobiographischen Romanen.

„Ich versinke für Tage im Nichtsein; es ist keine Depression, sondern eine müde Suspendierung der physisch-geistigen Existenz, ohne äußere oder innere Ursache, eine ruhige Version von Chaos, eine lautlose Art, die mich verschluckt, die aus mir Kraft schöpft – falls ich in mir oder dem, was mich verschluckt, überhaupt irgendeine Kraft oder damit zu bezeichnende Energie-Ausstrahlung spürte; und dennoch ist es keine Erholung, weil es von einer dunklen Vorahnung bezüglich der Tatsache meiner Existenz begleitet wird, das heißt dem Gefühl von Unwahrscheinlichkeit und von schlechtem Gewissen, da ich außerstande bin, die unbezweifelbaren Beweise für meine Ansicht hinter irgendeiner Tätigkeit zu verbergen. – Wer spricht hier von Literatur? Die letzten Zuckungen notieren – das ist alles.”

Aufzeichnungen 1991 – 2001

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2016

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2016

Prêt-à-penser

26. Juni 2018 von Wolfgang Köhle

Das Denken ist nicht so kostbar wie man denkt – sondern viel kostbarer. Viel zu kostbar jedenfalls, es Berufstheoretikern und Weltverkomplizierern und ihren betrüblich unter- und überkomplexen Welterklärungen zu überlassen.

„Ich empfehle einen kleinen Test: die Kompetenz fähiger Physiker, Laien hochabstrakte Gegenstände wie schwarze Löcher oder Gravitationswellen verständlich machen zu können, indem sie die ganze Mathematik weglassen, auf Details verzichten und zusammenfassen, worum es im Großen und Ganzen geht. Verlangt nach Erklärungen in gemeingebräuchlichen Worten! Denn ist der Baum der Erkenntnis einmal vom Weihnachtsschmuck der Phrasendrescherei entblößt, weist er allzu oft ein ärmliches Geäst auf.”

Die lange Nacht der Metamorphose. Über die Gentrifizierung der Kultur

Berlin Matthes & Seitz Berlin 2018

Berlin Matthes & Seitz Berlin 2018

Weltenbummeln

20. Juni 2018 von Wolfgang Köhle

„Wer wollte nicht von Beduinen und Tuareg, Turkana und Samburu, Uiguren und Kasachen, Mongolen und Isländern, amerikanischen Mountain Men und Crow-, Sioux-, sowie Cheyenne-Indianern lernen, die unbehagliche Verkopfung und Reizüberflutung der sogenannten zivilisierten Welt abschütteln, und den inneren Rucksack füllen mit Erlebtem, Erfahrenem, Erkenntnissen und Irrtümern, sich auf Neues einlassen, auf eine andere Wirklichkeit, die das eigene Weltbild verändert, mit der Natur, in der Wildnis und in der Wüste, unterwegs mit Kamelen, Kanu, Floß, Segelboot und zu Fuß.”

Naturerfahrungen von euphorischen Glückszuständen bis zur beklemmenden Angst, vom Sinn des Reisens und der Magie des Abenteuers, nachzulesen in Unterwegs.

In zwanzig Jahren wirst du mehr enttäuscht sein 
über die Dinge, die du nicht getan hast,
als über die Dinge, die du getan hast.
Also mach die Leinen los.
Verlasse den sicheren Hafen.
Lass den Passatwind in deine Segel wehen.
Erforsche. Träume. Entdecke.

Mark Twain

München dtv [2018]

München dtv [2018]

Lasset die TORE zu uns kommen

13. Juni 2018 von Wolfgang Köhle

Ist ein Tor, wenn er sich seiner TORHEIT beraubt, ein TORRÄUBER?
Diese Frage beantworten FUSSBALLFANATISCHE Autoren und andere TRAUMTORE, indem sie sich ins ABSEITS dichten und in literarischen FANGESÄNGEN ihren FUSSBALLGÖTTERN huldigen. Dieses Jahr sind es die Franzosen. 
Wie Gott in Frankreich leben die für schmutzige BLUTGRÄTSCHEN bekannten FIFA-Funktionäre. Für besonders unfaires und unsportliches Verhalten hätte die TORgefährliche MaFIFA für die WM-Vergabe nach Russland die ROTE KARTE verdient. Die verantwortlichen VollPFOSTEN singen den SCHLACHTRUF: Da steh‘ ich nun, ich armer TOR, Und bin so korrupt als wie zuvor! Alles läuft also RUND. Wie geschmiert quasi. Ein TOR wer glaubt, Geld schießt keine TORE. Nach derartig groben FOULS und EIGENTOREN müssten weniger TÖRrichte TORRICHTER und TORHÜTER die moralischen HOOLIGANS des FUSSBALLPLATZES verweisen.

TORHEIT ist ansteckend. Und der Umgang mit TOREN beeinträchtigt unsere Fähigkeit, Wahrheit von Irrtum und Weisheit von TORHEIT zu unterscheiden. Einerlei: Die Wahrheit ist auf dem Platz. Lasset also die TORE zu uns kommen!

München Hanser 2006

München Hanser 2006

Metafaktische Kompetenz

8. Juni 2018 von Wolfgang Köhle

Faktum kommt vom Lateinischen facere und heißt machen, tun. Ein Faktum ist etwas, das gemacht, d.h. erfunden wurde. Lügen und Fälschungen, populistischer, ideologischer oder welcher Natur auch immer, entwickeln sich mehr und mehr zu Fakten. Ein Grund mehr, skeptisches Denken zu üben, auch die Beschäftigung mit dem philosophischen Konstruktivismus wird niemandem zum Schaden gereichen, auch nicht Wahrheitsfanatikern.

„Fakten liegen keineswegs vor, sondern sind Ergebnis unseres persönlichen Blicks auf das Geschehen. Unser Umgang mit Fakten sagt deshalb meist auch mehr über uns selbst aus als über das, was den Gegenstand unseres Interesses bewirkt. Deshalb braucht die Bemühung um Fakten die Erweiterung um einen Blick hinter die Fakten – die metafaktische Reflexion. Wer diesen Umgang mit Fakten versäumt, ist nicht bloß in der Gefahr alles, was ihm der Fall zu sein scheint, bereits für faktisch gegeben zu halten, er reproduziert vielmehr auch unaufhörlich seine bisherige Sicht der Dinge, weil er den eigenen blinden Fleck nicht bei sich selbst (höchstens bei den anderen) erkennt.”

Bene factum ist Ach, die Fakten! : wider den Aufstand des schwachen Denkens von Rolf Arnold

Heidelberg Carl-Auer [2018]

Heidelberg Carl-Auer [2018]

Unpersönliche Autobiographie

30. Mai 2018 von Wolfgang Köhle

Eine melancholische Art von Anti-Autobiographie schreibt Annie Ernaux in Die Jahre. Als Ethnologin ihrer selbst beschreibt sie selbstanalytisch distanziert ihre Epoche. Französische Nachkriegszeit, Algerienkrise, Universität, 1968, Mutterschaft, Ehescheidung:

„Die Liste des aufzuteilenden Hausrats besiegelte die Trennung. Sie zog einen Schlussstrich unter die gemeinsamen Wünsche und Sehnsüchte. Die Inventur war das Todesurteil der Beziehung. Als Nächstes wurde ein Anwalt hinzugezogen und die gemeinsame Geschichte in eine juristische Sprache übersetzt, die der Trennung jede Leidenschaft nahm und die anonyme Banalität der Auflösung des gemeinsamen Haushalts betonte.”

Es folgen die Jahre der sogenannten Emanzipation der Frau, die Globalisierung, das Altern:

„All das wird innerhalb einer Sekunde vergehen. Getilgt das von der Geburt bis zum Tod angesammelte Wörterbuch. Stille wird eintreten, und man wird keine Wörter mehr haben, um sie zu sagen. Aus dem offenen Mund wird nichts mehr kommen. Kein Ich, kein Mir, kein Mich. Die Sprache wird die Welt weiter in Worte fassen. Bei Familienfeiern wird man nur noch ein Vorname sein, von Jahr zu Jahr gesichtsloser, bis man in der anonymen Masse einer fernen Generation verschwindet.”

Berlin Suhrkamp Verlag 2017

Berlin Suhrkamp Verlag 2017

Alte Knochen – junges Herz

25. Mai 2018 von Wolfgang Köhle

„Dass ich nicht älter werde”, wünscht sich in der Alters-WG Sofia Binder, 92jährig. In der noblen Altersresidenz mit Champagnergläsern, Bergpanorama und Tafelspitz ist sich Walter Schmidt, 93, sicher: „Ich bin Anatom, ich weiß, der Tod ist unser bester Freund”. Herr Kronsteiner aus der Justizanstalt für Senioren hat noch was vor: „Ich hab nicht vor, hier zu sterben”. Für die Klosterschwester Veronika, 87, ist „die innere Freiheit […] so wichtig” und Frau Birnbaum, die mit 93 Jahren alleine zuhause lebt, glaubt, „tot sein ist schön”. „Nur kein Tamtam drum machen”, sagt Herr Hoffmann, 88, im Seniorenheim.

„Wer ein Rezept für ein langes, gesundes Leben sucht, wird nicht fündig werden. Denn: Es gibt keine Garantie für eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung. Allenfalls Faktoren, durch die sich die Wahrscheinlichkeit für ein langes Leben erhöhen oder verringern lässt. Gewiss ist nur: Am Ende steht der Tod. Bis dahin gilt es zu leben.”

Hochbetagt. Porträts über alte Menschen in Österreich.

Salzburg Verlag Anton Pustet [2017]

Salzburg Verlag Anton Pustet [2017]

Von nichts zu nichts. Ein Mann fürs ganz Grobe

18. Mai 2018 von Wolfgang Köhle

Krieg in der Warschauer Unterwelt der 1930er Jahre. Charismatische Gangster töten, werden getötet und leben in Gewalt, Exzess und Eleganz. Der jüdische Schönling und Boxer Jakub Shapiro arbeitet als brutaler Handlanger für seinen Gangsterboss, Erniedrigung und Misshandlung anderer bereiten ihm Vergnügen. Mehr davon, durchwoben von großartiger, Tarantinoesquer Poesie, ist zu lesen in Der Boxer.

„Zwei Kugeln trafen seine Brust, eine die Stirn. Und es gab Moryc Shapiro nicht mehr, und Moryc Shapiro wusste nicht einmal, was passiert war, das Letzte, was er spürte war Angst, und Angst ist kein Wissen, sie ist ein Reflex des Körpers. Und als es ihn nicht mehr gab, war es, als hätte es ihn nie gegeben. Es blieben diejenigen, die sich an ihn erinnerten, auch ich erinnere mich an ihn. Aber meine Erinnerung an Moryc, das bin ich, das ist nicht er. Es hatte ihn gegeben, aber er war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Nichts war geblieben, nur Körper, und der Körper verschwindet ebenfalls schon bald, er begann zu verschwinden, sobald er gestorben war, denn der Körper ist nur die Ordnung der Materie, und diese Ordnung endet im Tod. Von nichts zu nichts.”

„Der einzige Klub, in dem ich Mitglied sein will, ist der Klub Szczepan Twardoch.”

Berlin Rowohlt 2018

Berlin Rowohlt 2018

Engelskreis

9. Mai 2018 von Wolfgang Köhle

„Verletzungen werden als absichtlich herbeigeführte Provokation des anderen interpretiert. Der direkte Kontakt wird vermieden. Wenn kommuniziert wird, dann über Dritte wie Personalvertretung oder Rechtsanwalt. Die Parteien versuchen, einander Schaden zuzufügen, und sei es unter Hinnahme eigener Nachteile. Ein Schaden, bei dem man selbst mit weniger Verlust herauskommt als die Gegenpartei, wird als Gewinn gewertet …”

Die Endstufe eines Konflikts, wenn Menschen sich Böswilligkeit unterstellen, ist Hass.
Im Teufelskreis bist du dir sicher: Er/Sie meint es nicht gut mit dir. Wir aber wollen im Engelskreis verweilen. Dort wissen, denken und fühlen wir, alles ist nur ein Missverständnis, er/sie meint es gut mit mir!  

Konfliktmoderation: Ein Leitfaden zur Konfliktklärung

Offenbach Gabal [2018]

Offenbach Gabal [2018]

Ich werde dich immer hübsch finden

4. Mai 2018 von Wolfgang Köhle

„Einer der großen Vorurteile der Verwahrlosung durch die Eltern äußert sich darin, dass sie die Kinder daran gewöhnt, sich für belanglos zu halten. Einmal erwachsen, werden sie sich diese Gewohnheit zu eigen gemacht haben und leicht handzuhaben sein, einfach zufriedenzustellen, wunschlos schon mit nichts. Umgekehrt wiederum werden diejenigen, die mit dem irrigen Gefühl großgeworden sind, sie wären was, die emotionalen Ansprüche ins Unendliche steigern, sich beim geringsten Verstoß empören, und keine Ruhe geben, bis sie Euch die Existenz versaut haben. Probiert es aus.”

Im Roman Ich komme von Emmanuelle Bayamack-Tam erzählen Mutter, Tochter und Adoptivtochter drei Versionen ihrer Wohlstandsverwahrlosung. In einer Welt voller Lieblosigkeit kann uns nur noch die Liebe retten. „Ich bin hässlich” denkt sich die Enkelin, doch „er schaut mich an, lange, seine Augen schweifen ohne Selbstgefälligkeit, das ich mit meinem zerzausten Haar und eingezwängt in meinen Badeanzug biete. Nach einer Weile, die mir unendlich scheint, streift er eine Strähne über meiner feuchten Stirn zur Seite und spricht mit einer Art inbrünstigem Ernst den Satz aus, der mir das Leben rettet: ‚Ich werde dich immer hübsch finden.’”

Zürich Secession Verlag für Literatur [2017]

Zürich Secession Verlag für Literatur [2017]

Homo musicus

26. April 2018 von Wolfgang Köhle

Musik ist ein Geschenk. Aber geschenkt bekommt man sie nicht, denn „man muss das Hören von Musik lernen, die Langzeit-Kunst des Entgegenhörens, des Nachhörens und Erinnerungshörens. Um die Werke der ernsten Musik wirklich erfahren zu können, muss man sie verstehen, benötigt man Wissen, benötigt man: Bildung!”

Für Menschen wie Friedrich Nietzsche wäre das Leben ohne Musik ein Irrtum, für andere, wie Hector Berlioz, war Musik DIE Rettung: „Ich habe nur eine einzige Möglichkeit gefunden, meinen gewaltigen emotionalen Hunger zu stillen: die Musik (…). Ich lebe allein für die Musik, sie ist das Einzige, was mir über diesen Abgrund voller Elend hinweghilft.”

Warum soll der Hörer weniger üben als der Musiker? Aux armes, citoyens! Vorwärts Kameraden, wir ziehen in den KlassikKampf.

Berlin Matthes & Seitz Berlin 2017

Berlin Matthes & Seitz Berlin 2017

Das Vertraute unvertraut machen

17. April 2018 von Wolfgang Köhle

Zygmunt Bauman (1925–2017) war und ist eine Ausnahmeerscheinung. Sein Interesse galt nicht den Gewinnern, sondern den Verlierern, den Entwurzelten, Entrechteten und Unterprivilegierten.  

„Der Machtverlust der Gewerkschaften hat den kollektiven Selbstschutz ausgehöhlt. Mit dem Abbau staatlicher Sicherungssysteme gegen Schicksalsschläge und individuelles Scheitern sind die sozialen Grundlagen gesellschaftlicher Solidarität weiter untergraben worden. Jetzt ist es Sache des Einzelnen, selber eine Lösung für Probleme zu suchen, die er nicht verursacht hat. Er ist vollkommen auf sich allein gestellt, ohne Hilfsmittel und Ressourcen, die für diese Aufgabe nötig wären. Wie soll man Solidarität üben, wenn man wie heute seinen Arbeitsplatz ständig wechseln muss?”

Im Gespräch mit Peter Haffner über sein Lebenswerk analysiert Zygmunt Bauman die Probleme und Widersprüche unserer Gesellschaft. „Solidarität können nur diejenigen üben, die sie eigentlich nicht nötig haben.” Die zentrale Aufgabe schlechthin ist: 

Das Vertraute unvertraut machen

Hamburg Hoffmann und Campe 2017

Hamburg Hoffmann und Campe 2017

Sich selbst zerstörende Prophezeiungen

10. April 2018 von Wolfgang Köhle

Leichter, als sich zu verlieben ist nur sich zu entlieben. Das Schwierigste aber ist: in der Liebe zu verweilen. Damals, als ihre Liebe noch ganz frisch war, hat Violenta ihrem Martin nicht geglaubt, doch er blieb beharrlich. „ ‚Irgendwann wirst du nicht mehr neben mir liegen wollen, wahrscheinlich schon bald ... Bald wirst du einen möglichst großen Abstand zwischen uns bringen wollen.’ ... sie lachte, wuschelte ihm durch die Haare, legte ihren Kopf in seine Armbeuge, küsste ihn auf die Brust und sagte: ‚Ich werde immer gerne bei dir sein. Das ist gar nicht anders möglich.’ ... Daran musste sie jetzt oft denken, wenn ihr seine Nähe körperliches Unwohlsein bereitete. Im Auto, viel zu nah, im Bett, viel zu nah, am Küchentisch, viel zu nah. Wie ein Fluch hatten sich seine Worte bewahrheitet.”

Und da es nun einmal im Leben nur selten sich selbst zerstörende Prophezeiungen gibt, fand sie, als sie ihn nicht mehr liebte, die Vorstellung ekelhaft „die Luft einzuatmen, die aus seinem Mund strömt, die schon eine Runde durch seinen Körper hinter sich hat, Second-Hand-Luft.”

Zwei Frauen, ein Mann, Liebe, Eifersucht, Rache: Die Unversehrten. Roman von Tanja Paar

InnsbruckWien Haymon-Verlag 2018

InnsbruckWien Haymon-Verlag 2018

Duldet kein ungelesenes Buch!

4. April 2018 von Wolfgang Köhle

„Möchtest du eine Figur in meinem Roman werden? Tritt ein in das Land der Möglichkeiten. Das Land der Unsterblichkeit: die Oase der Literatur inmitten der Fata Morgana der Wirklichkeit, das Land der Illusion, die dadurch, dass sie sich als Illusion erkennt, wirklicher ist als jede handfeste Wirklichkeit.”

Gedanken nutzen sich sehr rasch ab. Man braucht einen Gedanken nur auszusprechen und schon verliert er den Glanz des Unausgesprochenen. Tippt man ihn sogar, wird er unbrauchbar. Nicht so bei Hermann Burger, sprachlicher Virtuose, irrenhausnaher Büchernarr, Sonderling.

„Wie sagt man einem jungen Menschen, er solle am besten aufhören zu schreiben? Wie sagt man’s, ohne ihn so stark zu verletzen, dass er aus Trotz gegen das Orakel erst recht schreibt und nicht nur schreibt, sondern gar noch gut schreibt? Wie verhindert man, dass einem Jungen das auch nur halb gelingt, was mir, dem Kritiker, vor zwanzig Jahren misslungen ist? Wie verhindert man halbbatzige Literatur, aus der noch einmal, aber ohne meinen Segen, etwas Rechtes werden könnte?”

Lesen Sie, was das Zeug hält! Dulden Sie keine ungelesenen Bücher! Lokalbericht von Hermann Burger, aus dem Nachlass, schon gar nicht.

Berlin De Gruyter [2016] Zürich Edition Voldemeer [2016]

Berlin De Gruyter [2016] Zürich Edition Voldemeer [2016]

Info-Veganismus

27. März 2018 von Wolfgang Köhle

Fastenzeit – last Minute:
Iss. Nicht zu viel. Vor allem Pflanzliches und: Informiere dich richtig!
Das heißt: gar nicht. Vor Informationsfettleibigkeit schützt nur Informationstherapie:
Fernhalten von Nonsens und industriell erzeugten Informations-Inhaltsstoffen der Content- und Big-Data-Mafia (Information ohne Form ist wie ein Kübel Wasser ohne Kübel). 

Es ist Zeit für Informationskompetenz.
Höchste Zeit, sich aller überflüssigen Information zu entledigen.
Es ist Zeit für The information diet:  A case for conscious consumption.
 

Gut, besser, best

23. März 2018 von Wolfgang Köhle

Der guten (und schlechten) Bücher gibt es so viele, dass jede Empfehlung eines einzelnen Buches alle anderen ausgrenzt. Aber wie das geeignetste, das beste, das lesenswerteste Buch aus jährlich 100.000 Neuerscheinungen allein im deutschsprachigen Raum finden? 
Die Lösung lautet – gut, besser, best – Bestseller: Aber was ist ein Bestseller? „Klar: das Buch, das sich am besten verkauft. Streng genommen dürfte es nur einen einzigen Bestseller geben. Dieses eine wäre dann die Bibel als Longseller schlechthin, mit einer Gesamtauflage von zwei bis drei Milliarden. Aber die Bibel taucht in keiner Bestsellerliste auf. Zudem haben sich Listen für Taschenbücher und Paperbacks etabliert, und es gibt spezielle Listen aus unterschiedlichen Genres: Sachbücher, Belletristik, Kinderbücher, Kriminalromane, Hörbücher, Reisebücher, Kochbücher ect. Das ist ziemlich viel Bestverkauftes gleichzeitig, und von Woche zu Woche ergeben sich dann schon wieder andere, neue Konstellationen.”

Sorge dich nicht, was andere lesen. Lies einfach. Bestseller.

Hamburg Hoffmann und Campe 2018

Hamburg Hoffmann und Campe 2018

No Sex, no Drugs and no Rock ’n’ Roll

20. März 2018 von Wolfgang Köhle

Es ist vorbei. Kein Geld (mehr), kein Sex (mehr), nichts rockt (mehr). Game over. Nach der Pleite seines Plattenladens fällt der einst coole Hund und Vinyldealer Vernon Subutex auf die depressive Seite von Paris. Er lernt die Tristesse der Arbeitslosen über 50 und den Verlust von Selbstachtung kennen. Das Arbeitslosengeld wird gestrichen, das Obdachlosenleben beginnt. Der letzte Rest Charme löst sich in Verwahrlosung und Verzweiflung in der Gosse auf. Noch hofft er auf Erlösung, aber „das Problem mit der Erlösung ist, dass es sich anfühlt, wie von Crack auf Kamille umzusteigen: Man ahnt, dass es ganz toll ist, aber im Moment ist es erst einmal weniger lustig.”

Wie es weitergeht mit unserem Neo-Clochard erzählt der soeben erschiene Band 2 der Triologie Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes.

Köln Kiepenheuer & Witsch 2018

Köln Kiepenheuer & Witsch 2018

Armut wird nicht von Armen geschaffen

16. März 2018 von Wolfgang Köhle

Die Armen müssen ärmer werden, sonst arbeiten sie nicht.
Die Reichen müssen reich bleiben, sonst investieren sie nicht.
Das ist neoliberaler Konsens. Dem widerspricht Johann Nestroy: „Über die Armut braucht man sich nicht zu schämen, es gibt mehr Leute, die sich über ihren Reichtum schämen sollten.”

„Während bei Armen das physische Überleben eine Grenze markiert, ist die Maßlosigkeit der Reichen nach oben offen. Bei Armen lautet eine entscheidende Frage, ab welchem Schwellenwert sie nicht mehr an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben können. Beim Reichtum ist die Frage, ab welcher Höhe monetärer und nicht-monetärer Ressourcen reiche Menschen Gemeinschaft und Gesellschaft verlassen, weil sie dann ihr Leben jenseits öffentlicher Räume und Institutionen gestalten können.”

Handbuch Reichtum. Soziologische, historische, rechtliche und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse aus der Ungleichheitsforschung zur Verteilung von Einkommen und Vermögen auf globaler, europäischer und österreichischer Ebene.

InnsbruckWienBozen StudienVerlag [2017]

InnsbruckWienBozen StudienVerlag [2017]

Simsalabim

14. März 2018 von Wolfgang Köhle

Die Welt platzt vor Information. Paradoxerweise wird immer weniger (zusammenhängend) gelesen. Vielleicht werden nur Kurztexte wie Aphorismen, Maximen, Haikus oder Kurzgedichte als einzige literarische Form überleben. Oder, Simsalabim, warum nicht, „nur” Zaubersprüche.

„Nicht die Kleinheit der Form steht im Fokus, auf die man sich aus gattungstheoretischer kulturwissenschaftlicher Perspektive konzentriert hat, sondern die Chance und das Risiko einer Subversion der Textebene: Literatur in einem Satz, als Aphorismus oder Fragment, aber auch als flash fiction oder Lyrik, steht nach dem Urteil der quintilianischen Rhetorik im Verdacht der Dunkelheit: Denn wenn die relative Idealgröße der Kürze (brevitas) unterschritten wird, droht die Schwerverständlichkeit der obscuritas. Teil des ethischen Profils unserer Frage ist daher, inwiefern die Unterbietung der Textebene im Einzelsatz diesem einen Anspruch auf Vollständigkeit einräumt, die nur in der Imagination und Interpretation einer wiederholten Lektüre approximativ geleistet werden kann?”

Nanotextualität : Ästhetik und Ethik minimalistischer Formen

Paderborn Fink 2017

Paderborn Fink 2017

Der Mensch ist, was er denkt

9. März 2018 von Wolfgang Köhle

Wir alle haben mehr Liebe notwendig, als wir verdienen. Oder, wie es Friedrich Hebbel in seinen Tagebüchern formuliert: „Der Mensch will Brutto geliebt werden, nicht Netto.”
In der neuen historisch-kritischen Ausgabe seiner Tagebücher sind Sätze zu finden wie: 

Was ist doch ein Mensch, dem die Form fehlt: ein Eimer voll Wasser ohne dem Eimer.

Zur Wahrheit wollte ich schon kommen, hätte ich nur Zeit zu irren.

Wahrheit ist der Punkt, wo Glauben und Wissen einander neutralisieren.

Es gibt keine reine Wahrheit. Aber ebensowenig einen reinen Irrtum.

„Er übertrifft sich selbst.” Was freilich in den meisten Fällen sehr leicht ist.

Hebbel hatte Menschenkenntnis, so wie auch Henry David Thoreau, der schreibt, dass er „den ganzen Tag in angenehmer Gesellschaft war, bis Besuch kam.”
Jeder kennt Menschen, die ihrer selbst so überdrüssig sind, dass sie sich nur in Gesellschaft ertragen können. Übertroffen werden sie nur von Misanthropen, die sich nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern nur außerhalb der Menschheit wohl fühlen. Dazu Friedrich Hebbels Tagebucheintrag:

Wenn ich eine schlechte Gesellschaft los bin, empfinde ich erst recht, wie gut meine eigene ist.

Kritikenthaltungsstrategie oder Die größten Kritiker der Elche sind selber welche

6. März 2018 von Wolfgang Köhle

Wer kann, der kann, wer nicht kann, wird Kritiker. Der Weise aber enthält sich jeglichen Urteils (auch und v.a. der Selbstkritik). Nicht philosophisch, dafür umso praktischer ist die Kritikenthaltungsstrategie. Wir alle reagieren auf Kritik empfindlich, Einwände sind schnell bei der Hand. Je häufiger Kritik geübt wird, je öfter wir hinterfragt werden, desto schneller lernen wir unsere eigenen Gegenargumente auswendig. Ein Argument, mehr als drei Mal vorgebracht, zementiert also nur die Gegenposition. Aber so unlogisch es klingt: Dem Teufelskreis der Kritik können wir nur mit dem Üben von Kritik entkommen. Kritik muss geübt werden: üben, üben, üben, …

In Kritik üben. Die feine Kunst des Urteils geht es aber um Kunstkritik
„Die Kunst ist dazu da, unser Denken zu befreien, und die Aufgabe der Kritik ist es, herauszufinden, was wir mit dieser Freiheit anfangen sollen. Dass jeder ein Kritiker ist, heißt (oder sollte heißen), dass wir allesamt in der Lage sind, gegen unsere Vorurteile anzudenken, eine Balance zwischen Skepsis und Aufgeschlossenheit zu finden, unsere abgestumpften und übersättigten Sinne zu schärfen und gegen die intellektuelle Trägheit anzukämpfen, die uns umgibt.”

München Carl Hanser Verlag [2017]

München Carl Hanser Verlag [2017]

Correcturi te salutant

27. Februar 2018 von Wolfgang Köhle

Der satirische Polemiker und „schärfster Stänkerer der Nation” Wiglaf Droste sorgt fern jeglicher sprachlicher Korrektheit für Wirbel; giftpilzartig, sprachkritisch, glossenhaft.

Correcturi al gusto

Das sogenannte Korrekturprogramm meines Rechners hat beschlossen, sein Dasein originell zu gestalten. Aus „Irland” macht es „Iraland”, Ira wie Irish Republican Army oder ira = der Zorn oder wie Ira Gershwin; „wir” wird „wirr”, da wird – respektive wirrt – es dann schon etwas frech, und jedes Mal, wenn ich „Vitello” schreibe, erfolgt automatisch die eigenmächtige Änderung zu „Video”. So wird aus einem köstlichen Vitello tonnato schnell ein bizarres Video tomato. Ave Caesar, correcturi te salutant…

Kalte Duschen, warmer Regen : Geschichten, Sprachglossen, Miniaturen

Berlin Edition TIAMAT 2018

Berlin Edition TIAMAT 2018

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