VLB BLOG - Unruhe bewahren

Über Bücher, Bibliotheken, Gott und die Welt

 

Unruhe stiften

11. Oktober 2018 von Wolfgang Köhle

Ökosystematisch betrachtet verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Maschine. Also soll nicht mehr der Mensch im Zentrum des Denkens stehen, sondern das Leben aller Artgenossinnen, biologischen Verwandtschaften und Kreaturen.

„Es ist unsere Aufgabe, Unruhe zu stiften, zu wirkungsvollen Reaktionen auf zerstörerische Ereignisse aufzurütteln, aber auch die aufgewühlten Gewässer zu beruhigen, ruhige Orte wieder aufzubauen. In dringlichen Zeiten ist es für viele verlockend, der Unruhe zu begegnen, indem sie eine imaginierte Zukunft in Sicherheit bringen. Dafür versuchen sie, am Zukunftshorizont Drohendes zu verhindern, aber auch Gegenwart und Vergangenheit beiseitezuräumen, um so für kommende Generationen Zukunft zu ermöglichen. Unruhig zu bleiben erfordert aber gerade nicht eine Beziehung zu jenen Zeiten, die wir Zukunft nennen. Vielmehr erfordert es zu lernen, wirklich gegenwärtig zu sein.”

Unruhig bleiben : die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän

FrankfurtNew York Campus Verlag [2018]

FrankfurtNew York Campus Verlag [2018]

Dringlich Geschriebenes

3. Oktober 2018 von Wolfgang Köhle

Wie man ein wirklich gutes Gedicht, eine wirklich gute Erzählung, einen tatsächlich ergreifenden Roman, einen existenziellen Text erkennt, kann man in den Frankfurter Poetikvorlesungen lernen.

„Womöglich bin ich hier falsch. Ob ich hier doch richtig war, das entscheiden letzten Endes Sie. Warum fühle ich mich fehl am Platze in einer Universität, noch dazu einer, die einen so großen Namen trägt und so viel auf Tradition hält wie diese? 
Erstens: Ich habe nicht einmal Abitur.
Zweitens: Eine Stunde nicht rauchen.
Drittens: Ich bin keine Rednerin, sondern eine Schreiberin.
Viertens: Ich kann nicht frei sprechen. Aber wer kann das heute schon noch? Um frei sprechen zu können, müssten sich Frau und Mann erst einmal frei fühlen.
Zwischenfrage: Und Sie, Sie alle, meinen Sie, dass Sie hier richtig sind? Fühlen Sie sich frei?
Egal, Sie sind hergekommen, ich auch. Also versuchen wir es.”

Katja Lange-Müller berichtet aus ihrer schriftstellerischen Werkstatt in Das Problem als Katalysator.

Köln Kiepenheuer & Witsch 2018

Köln Kiepenheuer & Witsch 2018

Tierisch menschlich

27. September 2018 von Mirella Sprenger

Vorweg: Ja, ich neige dazu, Tiere zu vermenschlichen ... ;-)
Kürzlich 7 Uhr morgens im Pferdelaufstall: Madame Zizibe ist weit und breit nicht zu sehen. Also schau ich noch kurz nach unserem Araberbub, der neben der Schlafhalle entspannt döst, jedoch bei meiner Kontrolle plötzlich zur Salzsäule erstarrt. Noch bevor ich mich umdrehen kann, um zu sehen, wer oder was ihn so irritiert, spüre ich einen heißen Atem im Nacken ... meine kleine Zicke steht mit eindeutiger Miene und Haltung direkt hinter mir: Was bitte machst du bei dem anderen Pferd??? ... sie ist eindeutig „not amused” und versucht, meine Aufmerksamkeit ganz auf sich zu lenken.

Ähnliche Verhaltensmuster, die in einer Untersuchung bei Hunden beobachtet wurden, schildert der Zoologieprofessor Norbert Sachser und kommt zum Schluss: „Solche Ergebnisse sprechen tatsächlich dafür, dass Eifersucht bereits bei unseren nichtmenschlichen Verwandten vorkommt.” Es ist noch nicht lange her, da sprach man Tieren alle Emotionen ab. Heute weiß die Verhaltensforschung: „Sie denken, fühlen, handeln, sind ängstlich oder mutig, lernen, lügen, leiden: Tiere haben eine Persönlichkeit.” Der international renommierte Forscher Norbert Sachser beschreibt in seinem Buch Der Mensch im Tier die neuen Erkenntnisse in der Verhaltensbiologie als revolutionär.

„Der Abstand zwischen uns und ihnen ist geringer geworden. Es steckt also wirklich sehr viel mehr Mensch im Tier, als wir uns vor wenigen Jahren noch haben vorstellen können!”

Ist also ein bisschen vermenschlichen ok? Wenn ich ehrlich bin: nein. Denn auch wenn Tiere uns ähnlich sind, ihnen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, kann für das Tier unangenehme Folgen haben, im schlimmsten Fall sogar schaden.

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2018

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2018

Wo stehen hier die E-Books?

18. September 2018 von Sabrina Gerstenbrand

„Gehören Sie hierher?” oder „Ich suche ein Buch, weiß jedoch den Titel nicht. Den Autor? Nein, keine Ahnung. Aber es war blau. Können Sie mir helfen?”

Zwei Fragen, die ich in der Zeit als Bibliothekarin wahrscheinlich schon öfter gestellt bekommen habe, als dass ich mich abends schlafen lege. 
Darauf zu achten, nicht allzu sarkastisch zu antworten, oder sich das Lachen verkneifen zu müssen, da die Benutzer es ganz offensichtlich ernst meinen, ist (für mich jedenfalls) eines der schwierigsten Dinge als Bibliothekarin. 
Im Buch Wo stehen hier die E-Books? von Monika Reitprecht, Bibliothekarin bei den Büchereien Wien, werden genau solche Fragen und noch vieles mehr beantwortet – natürlich mit viel berufseigenem Humor. 

Ein Buch für alle, die wissen wollen, wie so ein „normaler” Alltag eines Bibliothekars hinter den Kulissen aussieht.

Wien Milena-Verlag 2015

Wien Milena-Verlag 2015

Resignationsprosa

10. September 2018 von Wolfgang Köhle

Bei einem Straßenfest trifft man nicht nur Streuner und andere Zeitvertreiber, sondern mit etwas Glück auch seine ehemalige Ehefrau. Gute Gelegenheit festzustellen, dass im Wort Ehe die zukünftige EHEmaligkeit angedeutet ist. Sibylle gibt durch ein Küsschen zu verstehen, dass sie für das Herumproblematisieren in Sachen Erotik nicht in Stimmung ist. Kann man (s)eine Frau zweimal kennenlernen? Der überkomplexe Mensch kann nicht erkennen, mit welchem Problem er anfangen soll, und ja, auch die Sinnlosigkeit ist ein Luder.

Gescheiterte, also wahrhaftige Philosophen sind die Helden von Wilhelm Genazino. Durch verschärftes Nachdenken leben sie in der Unschärfe, verlieren jegliche Sicherheit und richten sich in der Überforderung ein. Übel Grübel …

Wer Genazinoeske Schrulligkeiten mag, wer an beginnender Schwermut leidet, wer sich unpässlich und für die Welt nicht geeignet fühlt, wer glaubt, nicht in seine Verhältnisse zu passen, oder wer (nicht grundlos) Angst davor hat, verrückt zu werden, lese Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze.

München Hanser 2018

München Hanser 2018

Märchen

30. August 2018 von Nina Floriani

Warum eigentlich immer „Aschenputtel”, „Dornröschen”, „Schneewittchen”, „Schneeweißchen und Rosenrot”, „Blaubart”, „Der süße Brei” und dergleichen? 
Wieso vielleicht gerade noch „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern”, „Die kleine Seejungfrau”, „Die Schneekönigin”, „Des Kaisers neue Kleider” oder „Die wilden Schwäne”?
Märchen sind etwas Wunderbares. Aber viele kommen über die Märchensammlung der Gebrüder Grimm und möglicherweise noch die Märchen von Hans-Christian Andersen nicht hinaus. Dabei gäbe es so viele weitere Märchen, die eine Vorlesestunde verdienen würden.

Da haben wir „Die Geschichte vom kleinen Muck” zum Beispiel, ein im Morgenland spielendes Märchen, das das Leben eines kleinwüchsigen Sonderlings behandelt und aufzeigt, wieso man Menschen nicht nach ihrem Aussehen beurteilen sollte. 
Wir haben „Die Geschichte von Kalif Storch”, die Geschichte eines in einen Storch verwandelten Kalifen, der seine menschliche Gestalt zurückerlangen will. 
„Das Märchen vom falschen Prinzen” ist ein weiteres dieser unglaublich spannenden Märchen, in dem ein Schneidergeselle sich als Prinz ausgibt.

Die Märchen von Wilhelm Hauff gehören definitiv auf dieselbe Stufe wie die der Grimms, Andersen, Hoffmann oder die Erzählungen aus 1001 Nacht. 
Mit der 2011 erschienen ersten Auflage von Sämtliche Märchen steht einer Abwechslung im abendlichen Vorlesezimmer nichts mehr im Weg.

Mannheim Bibliographisches Institut [2011]

Mannheim Bibliographisches Institut [2011]

Zen for Nothing

27. August 2018 von Birgitt Humpeler

Die Schweizer Schauspielerin Sabine Timoteo begibt sich für mehrere Monate in ein abgelegenes Zen-Kloster in den japanischen Bergen. Filmemacher Werner Penzel folgt ihr mit der Kamera und dokumentiert in betörenden Bildern das Leben der Gemeinschaft.
Es geschieht nicht viel in diesem Film. Das Leben im Anataiji-Kloster ist streng ritualisiert und die Arbeit der Selbstversorger teils hart. So wird Zazen praktiziert, gekocht, geputzt, Holz gehackt, gepflanzt, geerntet, selten gesprochen und noch seltener musiziert. Die Sonne scheint, Regen prasselt, Nebel kriecht, Schnee fällt. Das Leben fließt.  
So nahe der Film an den Menschen ist, so behutsam beobachtend und distanziert-wertfrei  ist er zugleich. Ganz im Sinne des Zen: Zeigen was ist. Und entfaltet dabei eine hypnotische Ruhe und Konzentration, dass die Betrachtung selbst zu einer Meditation wird. Für die Augen und – dem kongenialen Soundtrack Fred Friths sei’s gedankt – auch die Ohren. 

Ein Film von Werner Penzel in Zusammenarbeit mit Ayako Mogi und Sabine Timoteo.

http://vlb-browser.vorarlberg.at/?itemid=|vorarlberger-marc|VLB01+001098339
 

Schwermetall mit Bodensee-Bezug

22. August 2018 von Markus Mainetti

Der Zeppelin flog noch einmal am 10. Dezember 2007 in der O2-Arena in London.

(nachzusehen und nachzuhören auf der DVD-CD-Kombination „Celebration Day” von Led Zeppelin)

http://vlb-browser.vorarlberg.at/?itemid=|vorarlberger-marc|VLB01+001018529

Led Zeppelin ist die Band, ich meine: Led Zeppelin ist DIE Band. Mit diesen Helden bin ich groß geworden, wirklich groß :-). 1968 gegründet, gehört sie mit 300 Millionen verkauften Alben zu den erfolgreichsten Bands überhaupt. (Wikipedia)

Obwohl sie sich mit dem Tod des begnadeten  Schlagzeugers und Trinkers John Bonham im September 1980 aufgelöst hat, war die Musik für mich (Jg. 1966) während der 80er und 90er Jahre einer der wichtigsten Teile meiner musikalischen Menschwerdung: Schmachten mit „Since I've Been Loving You”, flippen mit „Whole Lotta Love”, geil werden mit „Lemon Song”, high werden mit „No Quarter” und sterben mit „Stairway to Heaven”. War das schön …

Obwohl die Herren Page und Plant gemeinsam noch einige (exzellente) Projekte umsetzten, schien die Band Led Zeppelin Geschichte. Mit dem grottenschlechten Aufritt beim legendären Live-Aid-Konzert (damals mit Phil Collins am Schlagzeug) am 13. Juli 1985, organisiert von Bob Geldof, schien der endgültige Niedergang meiner Lieblingsband als Live-Act besiegelt. Und es verging viel Zeit, es kamen andere Bands und das Leben nahm seinen Lauf …

Doch es sollte anders kommen: Zu Ehren des 2006 verstorbenen Gründers der Plattenfirma Atlantic Records und Mit-Entdeckers von Led Zeppelin, Ahmet Ertegün, wurde für den 10. Dezember 2007 das Live-Comeback der Band angekündigt. Nach Angaben des Veranstalters hatten sich mehr als 20 Millionen Menschen für Eintrittskarten registrieren lassen, insgesamt wurden jedoch nur etwa 20.000 Karten ausgegeben. (Wikipedia)

Der Rest der Fans musste warten, warten bis zum 19. November 2012: Dort erschien das Zeugnis dieses wahrlich genialen Konzerts in Form einer DVD-CD-Box. 

Was soll man sagen: Die Songauswahl lässt wenige Wünsche offen, Jimmy Page hat seinen Bund mit dem Teufel erneuert, Robert Plant singt wie ein Jungspund, John Paul Jones scheint mehr Spaß zu haben als in den 70er Jahren und der Sohn von John Bonham, Jason, bearbeitet das Drumset mit der gleichen Härte und Präzession wie sein Vater und ist würdiger Mitstreiter dieser Wiederauferstehung.

Und noch einmal darf geschmachtet, geflippt, geil und high geworden und gestorben werden …

Um mit Frank Zappa zu sprechen:

„Information is not knowledge.
Knowledge is not wisdom.
Wisdom is not truth.
Truth is not beauty.
Beauty is not love.
Love is not music.
Music is THE BEST.”

Frühstück bei Tiffany

17. August 2018 von Daniel Thurner

Die junge, aus Texas stammende Holly Golightly (Audrey Hepburn) vertreibt sich ihre Zeit in New York hauptsächlich mit Partys und dem Flirten mit vermögenden Herren, von denen sie schließlich den brasilianischen Millionär José auserwählt, ihr reicher Ehemann zu werden. Nach außen gibt sich Holly als das immer fröhliche Partygirl, aber dahinter steckt in Wirklichkeit eine unglückliche, zerbrechliche und eigentlich mittellose Frau. 
Ihr Nachbar, der ebenfalls mittellose Schriftsteller Paul Varjak (George Peppard), verliebt sich in die lebenslustige Holly, merkt aber schnell, dass das nur Fassade ist und es gar nicht leicht ist, diese zu durchdringen. Als Holly verhaftet wird und ihr Zukünftiger die Hochzeit absagt, droht jedoch ihre Scheinwelt in sich zusammenzufallen.

Ein Klassiker nach der Romanvorlage von Truman Capote. Audrey Hepburn, eigentlich nur die zweite Wahl für die Rolle (vorgesehen war Marilyn Monroe), etablierte als Modeikone das „kurze Schwarze”. George Peppard – auch bekannt als Colonel John „Hannibal” Smith aus der 1980er Serie „Das A-Team” – spielt hier seine erste große Rolle. Und die Filmmusik von Henry Mancini brachte mit „Moon River” einen Welthit hervor, der in einer Szene sogar von Audrey Hepburn persönlich gesungen wird.

Film:
http://vlb-browser.vorarlberg.at/?itemid=|vorarlberger-marc|VLB01+000982421

Buch:
http://vlb-browser.vorarlberg.at/?itemid=|vorarlberger-marc|VLB01+000933157

Hörspiel:
http://vlb-browser.vorarlberg.at/?itemid=|vorarlberger-marc|VLB01+000940659

Zürich Kein und Aber-Verlag 2006

Zürich Kein und Aber-Verlag 2006

Du altes Nachtschattengesöff

9. August 2018 von Wolfgang Köhle

Postkarten erheitern den Alltag der Zuhausegebliebenen und -sitzengelassenen. Insbesondere, wenn der Anrede fröhlicher Humor innewohnt, so wie es Jurek Becker mit seinem Einfallsreichtum vormacht: 

Du alter Gerinnungsfaktor – Ihr Tautropfen – Du alte Vorzugsaktie – Mein liebes Sicherheitsrisiko – Du alter Wackelkontakt – Du lieber Gänsebraten – Du alte Beziehungskiste – Du süße Verlegenheitslösung – Du alte Hemmschwelle – Du altes Sicherheitsrisiko – Du liebe Funkstille – … 

An Christine Becker, Berlin 19.6.1994

Du altes Studentenfutter, 
ich meine natürlich – Du
junges Studentenfutter. Oder
überhaupt kein Studentenfutter.
Genau genommen auch das nicht,
sondern MEIN Futter. Aber wieso
Futter, bin ich Kannibale oder
was? Wahrscheinlich stelle ich
mich nur ungeschickt an und
will sagen – ich bin verrückt nach
dir. Ja, das kommt der Sache
am nächsten.
J.

Am Strand von Bochum ist allerhand los. Postkarten

Berlin Suhrkamp 2018

Berlin Suhrkamp 2018

Arabische Dichtkunst

7. August 2018 von Wolfgang Köhle

Dahiya Al-Hilaliya ist eine vorislamische Dichterin vom Stamme Hilal, der im Norden der Arabischen Halbinsel lebte.

Mein Vater soll mich verlieren


Mein Vater soll mich verlieren, wenn ich je Speichel wie den
des Geliebten gekostet habe, reiner als selbst das
Regenwasser.

Und ich schwöre, hätt‘ ich die Wahl zwischen ihm und
Meinem Vater, ich entschiede mich, vaterlos zu sein.

Und wenn ich beim Schlafen nicht einen Knaben vom 
Stamme Hilal
In meinen Armen habe, dann soll Lahmheit meine
Finger befallen.


Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute: Die Flügel meines schweren Herzens

Zürich Manesse Verlag [2017]

Zürich Manesse Verlag [2017]

Probeliegen

31. Juli 2018 von Wolfgang Köhle

Zerfällt der Körper, ist das Bewusstsein vernichtet. Friede ist da, endlich. Oder doch nicht? Nur ein Schriftsteller wie Robert Seethaler ist imstande, das zu fassen, was nicht zu fassen ist, und sich erzählenderweise zu fragen, ob es schwieriger ist, als Lebender über den Tod nachzudenken als umgekehrt.

„Auf meinem Grabstein steht: GOTT IST GROSS UND WIR SIND SEINE KINDER. Ich frage mich, wer zum Teufel hat das dort eingemeißelt? Ich bin der Sohn meiner Mutter Aiasha al-Bakri und meines Vaters Abu Navid Muhamed al-Bakri. Ob bei meiner Entstehung auch Gott mitgewirkt hat, kann ich nicht sagen. Ich habe ihn nie kennengelernt.”

Auf zum Friedhof, probeliegen und den Geschichten der Toten lauschen.
Oder dem Autor beim Lesen zuhören, oder selber lesen. Das Feld.

München Hanser Berlin 2018

München Hanser Berlin 2018

Ökonomische Unvernunft

25. Juli 2018 von Wolfgang Köhle

Die traditionellen Grundannahmen ökonomischer Theorien fußen auf dem Konzept des rational handelnden Homo Oeconomicus - ein fataler Irrglaube. Grundlegend für menschliches Verhalten ist nicht ökonomische Vernunft sondern ganz einfach verhaltensökonomische Psychologie und die Wirtschaftspsychologie. Das beweist der humorvolle Nobelpreisträger und Ökonom Richard Thaler anhand vieler Beispiele aus Beruf und Alltag in Misbehaving : was uns die Verhaltensökonomie über unsere Entscheidungen verrät.

„Bevor Sie weiterlesen, sollten Sie bedenken, dass dieses Buch von einem nachweislich faulen Mann geschrieben wurde. Der Vorteil besteht darin, dass nur solche Themen darin vorkommen, die interessant sind – zumindest für mich.”

München Siedler 2018

München Siedler 2018

Cherchez la femme

13. Juli 2018 von Wolfgang Köhle

An seinem Sterbetag schreibt Tom mit seiner Kinderschrift auf einen Zettel, was sein Leben taugt.
Links auf seinem Zettel stehen seine Wünsche: „Eva, Respekt, Sinn, Ruhe.”
Rechts auf seinem Zettel steht sein Zustand, das Erreichte: „Nichts, da kommt nix mehr.”

„Bevor sich dieser 40-jährige Junge nach Art der Greise erhängen wird, wäscht er noch mal Wäsche, das Waschmittel muss immer Sunil sein („Top Sauberkeit, rechnen Sie mit dem Besten”), und während die Waschmaschine läuft, bestellt er sich eine Pizza (mit Salami, Spinat und Bratkartoffeln), dazu drei Dosen Bier (Warsteiner, er mag dieses Tantenbier eigentlich nicht, aber der Pizzadienst führt keine andere Sorte), er muss noch ein Geschenk einpacken, die Freundin seines Bruders hat Geburtstag, sie kriegt eine Flasche Parfüm (von Lagerfeld), das gleiche Parfüm benutzt auch seine Geliebte, die Unvergleichliche, die Sau, die Verräterin.”

Mit echtem Scheitern ist nicht zu spaßen. Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe erzählt traurig voller Heiterkeit von einer gescheiterten, lebensuntüchtigen Existenz, von Abgründen und Niederlagen. Fehlt nur noch das (Un)Glück mit den Frauen. Cherchez la femme.

Hamburg Tempo 2017

Hamburg Tempo 2017

Sei deiner selbst würdig

4. Juli 2018 von Wolfgang Köhle

„Rechtzeitig sterben – aber bis zum Äußersten leben: Das ist das Gebet. Sei deiner selbst würdig.”

Die Wichtigkeit und Bedeutung unserer individuellen Einmaligkeit und die gleichzeitige Unwichtigkeit und Bedeutungslosigkeit unseres individuellen Seins – das zu verstehen versucht hat der ungarische Literaturnobelpreisträger, Auschwitz und Buchenwald-Überlebende Imre Kertész insbesondere in seinen Tagebüchern und autobiographischen Romanen.

„Ich versinke für Tage im Nichtsein; es ist keine Depression, sondern eine müde Suspendierung der physisch-geistigen Existenz, ohne äußere oder innere Ursache, eine ruhige Version von Chaos, eine lautlose Art, die mich verschluckt, die aus mir Kraft schöpft – falls ich in mir oder dem, was mich verschluckt, überhaupt irgendeine Kraft oder damit zu bezeichnende Energie-Ausstrahlung spürte; und dennoch ist es keine Erholung, weil es von einer dunklen Vorahnung bezüglich der Tatsache meiner Existenz begleitet wird, das heißt dem Gefühl von Unwahrscheinlichkeit und von schlechtem Gewissen, da ich außerstande bin, die unbezweifelbaren Beweise für meine Ansicht hinter irgendeiner Tätigkeit zu verbergen. – Wer spricht hier von Literatur? Die letzten Zuckungen notieren – das ist alles.”

Aufzeichnungen 1991 – 2001

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2016

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2016

Prêt-à-penser

26. Juni 2018 von Wolfgang Köhle

Das Denken ist nicht so kostbar wie man denkt – sondern viel kostbarer. Viel zu kostbar jedenfalls, es Berufstheoretikern und Weltverkomplizierern und ihren betrüblich unter- und überkomplexen Welterklärungen zu überlassen.

„Ich empfehle einen kleinen Test: die Kompetenz fähiger Physiker, Laien hochabstrakte Gegenstände wie schwarze Löcher oder Gravitationswellen verständlich machen zu können, indem sie die ganze Mathematik weglassen, auf Details verzichten und zusammenfassen, worum es im Großen und Ganzen geht. Verlangt nach Erklärungen in gemeingebräuchlichen Worten! Denn ist der Baum der Erkenntnis einmal vom Weihnachtsschmuck der Phrasendrescherei entblößt, weist er allzu oft ein ärmliches Geäst auf.”

Die lange Nacht der Metamorphose. Über die Gentrifizierung der Kultur

Berlin Matthes & Seitz Berlin 2018

Berlin Matthes & Seitz Berlin 2018

Weltenbummeln

20. Juni 2018 von Wolfgang Köhle

„Wer wollte nicht von Beduinen und Tuareg, Turkana und Samburu, Uiguren und Kasachen, Mongolen und Isländern, amerikanischen Mountain Men und Crow-, Sioux-, sowie Cheyenne-Indianern lernen, die unbehagliche Verkopfung und Reizüberflutung der sogenannten zivilisierten Welt abschütteln, und den inneren Rucksack füllen mit Erlebtem, Erfahrenem, Erkenntnissen und Irrtümern, sich auf Neues einlassen, auf eine andere Wirklichkeit, die das eigene Weltbild verändert, mit der Natur, in der Wildnis und in der Wüste, unterwegs mit Kamelen, Kanu, Floß, Segelboot und zu Fuß.”

Naturerfahrungen von euphorischen Glückszuständen bis zur beklemmenden Angst, vom Sinn des Reisens und der Magie des Abenteuers, nachzulesen in Unterwegs.

In zwanzig Jahren wirst du mehr enttäuscht sein 
über die Dinge, die du nicht getan hast,
als über die Dinge, die du getan hast.
Also mach die Leinen los.
Verlasse den sicheren Hafen.
Lass den Passatwind in deine Segel wehen.
Erforsche. Träume. Entdecke.

Mark Twain

München dtv [2018]

München dtv [2018]

Lasset die TORE zu uns kommen

13. Juni 2018 von Wolfgang Köhle

Ist ein Tor, wenn er sich seiner TORHEIT beraubt, ein TORRÄUBER?
Diese Frage beantworten FUSSBALLFANATISCHE Autoren und andere TRAUMTORE, indem sie sich ins ABSEITS dichten und in literarischen FANGESÄNGEN ihren FUSSBALLGÖTTERN huldigen. Dieses Jahr sind es die Franzosen. 
Wie Gott in Frankreich leben die für schmutzige BLUTGRÄTSCHEN bekannten FIFA-Funktionäre. Für besonders unfaires und unsportliches Verhalten hätte die TORgefährliche MaFIFA für die WM-Vergabe nach Russland die ROTE KARTE verdient. Die verantwortlichen VollPFOSTEN singen den SCHLACHTRUF: Da steh‘ ich nun, ich armer TOR, Und bin so korrupt als wie zuvor! Alles läuft also RUND. Wie geschmiert quasi. Ein TOR wer glaubt, Geld schießt keine TORE. Nach derartig groben FOULS und EIGENTOREN müssten weniger TÖRrichte TORRICHTER und TORHÜTER die moralischen HOOLIGANS des FUSSBALLPLATZES verweisen.

TORHEIT ist ansteckend. Und der Umgang mit TOREN beeinträchtigt unsere Fähigkeit, Wahrheit von Irrtum und Weisheit von TORHEIT zu unterscheiden. Einerlei: Die Wahrheit ist auf dem Platz. Lasset also die TORE zu uns kommen!

München Hanser 2006

München Hanser 2006

Metafaktische Kompetenz

8. Juni 2018 von Wolfgang Köhle

Faktum kommt vom Lateinischen facere und heißt machen, tun. Ein Faktum ist etwas, das gemacht, d.h. erfunden wurde. Lügen und Fälschungen, populistischer, ideologischer oder welcher Natur auch immer, entwickeln sich mehr und mehr zu Fakten. Ein Grund mehr, skeptisches Denken zu üben, auch die Beschäftigung mit dem philosophischen Konstruktivismus wird niemandem zum Schaden gereichen, auch nicht Wahrheitsfanatikern.

„Fakten liegen keineswegs vor, sondern sind Ergebnis unseres persönlichen Blicks auf das Geschehen. Unser Umgang mit Fakten sagt deshalb meist auch mehr über uns selbst aus als über das, was den Gegenstand unseres Interesses bewirkt. Deshalb braucht die Bemühung um Fakten die Erweiterung um einen Blick hinter die Fakten – die metafaktische Reflexion. Wer diesen Umgang mit Fakten versäumt, ist nicht bloß in der Gefahr alles, was ihm der Fall zu sein scheint, bereits für faktisch gegeben zu halten, er reproduziert vielmehr auch unaufhörlich seine bisherige Sicht der Dinge, weil er den eigenen blinden Fleck nicht bei sich selbst (höchstens bei den anderen) erkennt.”

Bene factum ist Ach, die Fakten! : wider den Aufstand des schwachen Denkens von Rolf Arnold

Heidelberg Carl-Auer [2018]

Heidelberg Carl-Auer [2018]

OK ✓

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Datenschutzhinweis