VLB BLOG - Unruhe bewahren

Über Bücher, Bibliotheken, Gott und die Welt

 

Weltenbummeln

20. Juni 2018 von Wolfgang Köhle

„Wer wollte nicht von Beduinen und Tuareg, Turkana und Samburu, Uiguren und Kasachen, Mongolen und Isländern, amerikanischen Mountain Men und Crow-, Sioux-, sowie Cheyenne-Indianern lernen, die unbehagliche Verkopfung und Reizüberflutung der sogenannten zivilisierten Welt abschütteln, und den inneren Rucksack füllen mit Erlebtem, Erfahrenem, Erkenntnissen und Irrtümern, sich auf Neues einlassen, auf eine andere Wirklichkeit, die das eigene Weltbild verändert, mit der Natur, in der Wildnis und in der Wüste, unterwegs mit Kamelen, Kanu, Floß, Segelboot und zu Fuß.”

Naturerfahrungen von euphorischen Glückszuständen bis zur beklemmenden Angst, vom Sinn des Reisens und der Magie des Abenteuers, nachzulesen in Unterwegs.

In zwanzig Jahren wirst du mehr enttäuscht sein 
über die Dinge, die du nicht getan hast,
als über die Dinge, die du getan hast.
Also mach die Leinen los.
Verlasse den sicheren Hafen.
Lass den Passatwind in deine Segel wehen.
Erforsche. Träume. Entdecke.

Mark Twain

München dtv [2018]

München dtv [2018]

Lasset die TORE zu uns kommen

13. Juni 2018 von Wolfgang Köhle

Ist ein Tor, wenn er sich seiner TORHEIT beraubt, ein TORRÄUBER?
Diese Frage beantworten FUSSBALLFANATISCHE Autoren und andere TRAUMTORE, indem sie sich ins ABSEITS dichten und in literarischen FANGESÄNGEN ihren FUSSBALLGÖTTERN huldigen. Dieses Jahr sind es die Franzosen. 
Wie Gott in Frankreich leben die für schmutzige BLUTGRÄTSCHEN bekannten FIFA-Funktionäre. Für besonders unfaires und unsportliches Verhalten hätte die TORgefährliche MaFIFA für die WM-Vergabe nach Russland die ROTE KARTE verdient. Die verantwortlichen VollPFOSTEN singen den SCHLACHTRUF: Da steh‘ ich nun, ich armer TOR, Und bin so korrupt als wie zuvor! Alles läuft also RUND. Wie geschmiert quasi. Ein TOR wer glaubt, Geld schießt keine TORE. Nach derartig groben FOULS und EIGENTOREN müssten weniger TÖRrichte TORRICHTER und TORHÜTER die moralischen HOOLIGANS des FUSSBALLPLATZES verweisen.

TORHEIT ist ansteckend. Und der Umgang mit TOREN beeinträchtigt unsere Fähigkeit, Wahrheit von Irrtum und Weisheit von TORHEIT zu unterscheiden. Einerlei: Die Wahrheit ist auf dem Platz. Lasset also die TORE zu uns kommen!

München Hanser 2006

München Hanser 2006

Metafaktische Kompetenz

8. Juni 2018 von Wolfgang Köhle

Faktum kommt vom Lateinischen facere und heißt machen, tun. Ein Faktum ist etwas, das gemacht, d.h. erfunden wurde. Lügen und Fälschungen, populistischer, ideologischer oder welcher Natur auch immer, entwickeln sich mehr und mehr zu Fakten. Ein Grund mehr, skeptisches Denken zu üben, auch die Beschäftigung mit dem philosophischen Konstruktivismus wird niemandem zum Schaden gereichen, auch nicht Wahrheitsfanatikern.

„Fakten liegen keineswegs vor, sondern sind Ergebnis unseres persönlichen Blicks auf das Geschehen. Unser Umgang mit Fakten sagt deshalb meist auch mehr über uns selbst aus als über das, was den Gegenstand unseres Interesses bewirkt. Deshalb braucht die Bemühung um Fakten die Erweiterung um einen Blick hinter die Fakten – die metafaktische Reflexion. Wer diesen Umgang mit Fakten versäumt, ist nicht bloß in der Gefahr alles, was ihm der Fall zu sein scheint, bereits für faktisch gegeben zu halten, er reproduziert vielmehr auch unaufhörlich seine bisherige Sicht der Dinge, weil er den eigenen blinden Fleck nicht bei sich selbst (höchstens bei den anderen) erkennt.”

Bene factum ist Ach, die Fakten! : wider den Aufstand des schwachen Denkens von Rolf Arnold

Heidelberg Carl-Auer [2018]

Heidelberg Carl-Auer [2018]

Unpersönliche Autobiographie

30. Mai 2018 von Wolfgang Köhle

Eine melancholische Art von Anti-Autobiographie schreibt Annie Ernaux in Die Jahre. Als Ethnologin ihrer selbst beschreibt sie selbstanalytisch distanziert ihre Epoche. Französische Nachkriegszeit, Algerienkrise, Universität, 1968, Mutterschaft, Ehescheidung:

„Die Liste des aufzuteilenden Hausrats besiegelte die Trennung. Sie zog einen Schlussstrich unter die gemeinsamen Wünsche und Sehnsüchte. Die Inventur war das Todesurteil der Beziehung. Als Nächstes wurde ein Anwalt hinzugezogen und die gemeinsame Geschichte in eine juristische Sprache übersetzt, die der Trennung jede Leidenschaft nahm und die anonyme Banalität der Auflösung des gemeinsamen Haushalts betonte.”

Es folgen die Jahre der sogenannten Emanzipation der Frau, die Globalisierung, das Altern:

„All das wird innerhalb einer Sekunde vergehen. Getilgt das von der Geburt bis zum Tod angesammelte Wörterbuch. Stille wird eintreten, und man wird keine Wörter mehr haben, um sie zu sagen. Aus dem offenen Mund wird nichts mehr kommen. Kein Ich, kein Mir, kein Mich. Die Sprache wird die Welt weiter in Worte fassen. Bei Familienfeiern wird man nur noch ein Vorname sein, von Jahr zu Jahr gesichtsloser, bis man in der anonymen Masse einer fernen Generation verschwindet.”

Berlin Suhrkamp Verlag 2017

Berlin Suhrkamp Verlag 2017

Alte Knochen – junges Herz

25. Mai 2018 von Wolfgang Köhle

„Dass ich nicht älter werde”, wünscht sich in der Alters-WG Sofia Binder, 92jährig. In der noblen Altersresidenz mit Champagnergläsern, Bergpanorama und Tafelspitz ist sich Walter Schmidt, 93, sicher: „Ich bin Anatom, ich weiß, der Tod ist unser bester Freund”. Herr Kronsteiner aus der Justizanstalt für Senioren hat noch was vor: „Ich hab nicht vor, hier zu sterben”. Für die Klosterschwester Veronika, 87, ist „die innere Freiheit […] so wichtig” und Frau Birnbaum, die mit 93 Jahren alleine zuhause lebt, glaubt, „tot sein ist schön”. „Nur kein Tamtam drum machen”, sagt Herr Hoffmann, 88, im Seniorenheim.

„Wer ein Rezept für ein langes, gesundes Leben sucht, wird nicht fündig werden. Denn: Es gibt keine Garantie für eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung. Allenfalls Faktoren, durch die sich die Wahrscheinlichkeit für ein langes Leben erhöhen oder verringern lässt. Gewiss ist nur: Am Ende steht der Tod. Bis dahin gilt es zu leben.”

Hochbetagt. Porträts über alte Menschen in Österreich.

Salzburg Verlag Anton Pustet [2017]

Salzburg Verlag Anton Pustet [2017]

Von nichts zu nichts. Ein Mann fürs ganz Grobe

18. Mai 2018 von Wolfgang Köhle

Krieg in der Warschauer Unterwelt der 1930er Jahre. Charismatische Gangster töten, werden getötet und leben in Gewalt, Exzess und Eleganz. Der jüdische Schönling und Boxer Jakub Shapiro arbeitet als brutaler Handlanger für seinen Gangsterboss, Erniedrigung und Misshandlung anderer bereiten ihm Vergnügen. Mehr davon, durchwoben von großartiger, Tarantinoesquer Poesie, ist zu lesen in Der Boxer.

„Zwei Kugeln trafen seine Brust, eine die Stirn. Und es gab Moryc Shapiro nicht mehr, und Moryc Shapiro wusste nicht einmal, was passiert war, das Letzte, was er spürte war Angst, und Angst ist kein Wissen, sie ist ein Reflex des Körpers. Und als es ihn nicht mehr gab, war es, als hätte es ihn nie gegeben. Es blieben diejenigen, die sich an ihn erinnerten, auch ich erinnere mich an ihn. Aber meine Erinnerung an Moryc, das bin ich, das ist nicht er. Es hatte ihn gegeben, aber er war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Nichts war geblieben, nur Körper, und der Körper verschwindet ebenfalls schon bald, er begann zu verschwinden, sobald er gestorben war, denn der Körper ist nur die Ordnung der Materie, und diese Ordnung endet im Tod. Von nichts zu nichts.”

„Der einzige Klub, in dem ich Mitglied sein will, ist der Klub Szczepan Twardoch.”

Berlin Rowohlt 2018

Berlin Rowohlt 2018

Engelskreis

9. Mai 2018 von Wolfgang Köhle

„Verletzungen werden als absichtlich herbeigeführte Provokation des anderen interpretiert. Der direkte Kontakt wird vermieden. Wenn kommuniziert wird, dann über Dritte wie Personalvertretung oder Rechtsanwalt. Die Parteien versuchen, einander Schaden zuzufügen, und sei es unter Hinnahme eigener Nachteile. Ein Schaden, bei dem man selbst mit weniger Verlust herauskommt als die Gegenpartei, wird als Gewinn gewertet …”

Die Endstufe eines Konflikts, wenn Menschen sich Böswilligkeit unterstellen, ist Hass.
Im Teufelskreis bist du dir sicher: Er/Sie meint es nicht gut mit dir. Wir aber wollen im Engelskreis verweilen. Dort wissen, denken und fühlen wir, alles ist nur ein Missverständnis, er/sie meint es gut mit mir!  

Konfliktmoderation: Ein Leitfaden zur Konfliktklärung

Offenbach Gabal [2018]

Offenbach Gabal [2018]

Ich werde dich immer hübsch finden

4. Mai 2018 von Wolfgang Köhle

„Einer der großen Vorurteile der Verwahrlosung durch die Eltern äußert sich darin, dass sie die Kinder daran gewöhnt, sich für belanglos zu halten. Einmal erwachsen, werden sie sich diese Gewohnheit zu eigen gemacht haben und leicht handzuhaben sein, einfach zufriedenzustellen, wunschlos schon mit nichts. Umgekehrt wiederum werden diejenigen, die mit dem irrigen Gefühl großgeworden sind, sie wären was, die emotionalen Ansprüche ins Unendliche steigern, sich beim geringsten Verstoß empören, und keine Ruhe geben, bis sie Euch die Existenz versaut haben. Probiert es aus.”

Im Roman Ich komme von Emmanuelle Bayamack-Tam erzählen Mutter, Tochter und Adoptivtochter drei Versionen ihrer Wohlstandsverwahrlosung. In einer Welt voller Lieblosigkeit kann uns nur noch die Liebe retten. „Ich bin hässlich” denkt sich die Enkelin, doch „er schaut mich an, lange, seine Augen schweifen ohne Selbstgefälligkeit, das ich mit meinem zerzausten Haar und eingezwängt in meinen Badeanzug biete. Nach einer Weile, die mir unendlich scheint, streift er eine Strähne über meiner feuchten Stirn zur Seite und spricht mit einer Art inbrünstigem Ernst den Satz aus, der mir das Leben rettet: ‚Ich werde dich immer hübsch finden.’”

Zürich Secession Verlag für Literatur [2017]

Zürich Secession Verlag für Literatur [2017]

Homo musicus

26. April 2018 von Wolfgang Köhle

Musik ist ein Geschenk. Aber geschenkt bekommt man sie nicht, denn „man muss das Hören von Musik lernen, die Langzeit-Kunst des Entgegenhörens, des Nachhörens und Erinnerungshörens. Um die Werke der ernsten Musik wirklich erfahren zu können, muss man sie verstehen, benötigt man Wissen, benötigt man: Bildung!”

Für Menschen wie Friedrich Nietzsche wäre das Leben ohne Musik ein Irrtum, für andere, wie Hector Berlioz, war Musik DIE Rettung: „Ich habe nur eine einzige Möglichkeit gefunden, meinen gewaltigen emotionalen Hunger zu stillen: die Musik (…). Ich lebe allein für die Musik, sie ist das Einzige, was mir über diesen Abgrund voller Elend hinweghilft.”

Warum soll der Hörer weniger üben als der Musiker? Aux armes, citoyens! Vorwärts Kameraden, wir ziehen in den KlassikKampf.

Berlin Matthes & Seitz Berlin 2017

Berlin Matthes & Seitz Berlin 2017

Das Vertraute unvertraut machen

17. April 2018 von Wolfgang Köhle

Zygmunt Bauman (1925–2017) war und ist eine Ausnahmeerscheinung. Sein Interesse galt nicht den Gewinnern, sondern den Verlierern, den Entwurzelten, Entrechteten und Unterprivilegierten.  

„Der Machtverlust der Gewerkschaften hat den kollektiven Selbstschutz ausgehöhlt. Mit dem Abbau staatlicher Sicherungssysteme gegen Schicksalsschläge und individuelles Scheitern sind die sozialen Grundlagen gesellschaftlicher Solidarität weiter untergraben worden. Jetzt ist es Sache des Einzelnen, selber eine Lösung für Probleme zu suchen, die er nicht verursacht hat. Er ist vollkommen auf sich allein gestellt, ohne Hilfsmittel und Ressourcen, die für diese Aufgabe nötig wären. Wie soll man Solidarität üben, wenn man wie heute seinen Arbeitsplatz ständig wechseln muss?”

Im Gespräch mit Peter Haffner über sein Lebenswerk analysiert Zygmunt Bauman die Probleme und Widersprüche unserer Gesellschaft. „Solidarität können nur diejenigen üben, die sie eigentlich nicht nötig haben.” Die zentrale Aufgabe schlechthin ist: 

Das Vertraute unvertraut machen

Hamburg Hoffmann und Campe 2017

Hamburg Hoffmann und Campe 2017

Sich selbst zerstörende Prophezeiungen

10. April 2018 von Wolfgang Köhle

Leichter, als sich zu verlieben ist nur sich zu entlieben. Das Schwierigste aber ist: in der Liebe zu verweilen. Damals, als ihre Liebe noch ganz frisch war, hat Violenta ihrem Martin nicht geglaubt, doch er blieb beharrlich. „ ‚Irgendwann wirst du nicht mehr neben mir liegen wollen, wahrscheinlich schon bald ... Bald wirst du einen möglichst großen Abstand zwischen uns bringen wollen.’ ... sie lachte, wuschelte ihm durch die Haare, legte ihren Kopf in seine Armbeuge, küsste ihn auf die Brust und sagte: ‚Ich werde immer gerne bei dir sein. Das ist gar nicht anders möglich.’ ... Daran musste sie jetzt oft denken, wenn ihr seine Nähe körperliches Unwohlsein bereitete. Im Auto, viel zu nah, im Bett, viel zu nah, am Küchentisch, viel zu nah. Wie ein Fluch hatten sich seine Worte bewahrheitet.”

Und da es nun einmal im Leben nur selten sich selbst zerstörende Prophezeiungen gibt, fand sie, als sie ihn nicht mehr liebte, die Vorstellung ekelhaft „die Luft einzuatmen, die aus seinem Mund strömt, die schon eine Runde durch seinen Körper hinter sich hat, Second-Hand-Luft.”

Zwei Frauen, ein Mann, Liebe, Eifersucht, Rache: Die Unversehrten. Roman von Tanja Paar

InnsbruckWien Haymon-Verlag 2018

InnsbruckWien Haymon-Verlag 2018

Duldet kein ungelesenes Buch!

4. April 2018 von Wolfgang Köhle

„Möchtest du eine Figur in meinem Roman werden? Tritt ein in das Land der Möglichkeiten. Das Land der Unsterblichkeit: die Oase der Literatur inmitten der Fata Morgana der Wirklichkeit, das Land der Illusion, die dadurch, dass sie sich als Illusion erkennt, wirklicher ist als jede handfeste Wirklichkeit.”

Gedanken nutzen sich sehr rasch ab. Man braucht einen Gedanken nur auszusprechen und schon verliert er den Glanz des Unausgesprochenen. Tippt man ihn sogar, wird er unbrauchbar. Nicht so bei Hermann Burger, sprachlicher Virtuose, irrenhausnaher Büchernarr, Sonderling.

„Wie sagt man einem jungen Menschen, er solle am besten aufhören zu schreiben? Wie sagt man’s, ohne ihn so stark zu verletzen, dass er aus Trotz gegen das Orakel erst recht schreibt und nicht nur schreibt, sondern gar noch gut schreibt? Wie verhindert man, dass einem Jungen das auch nur halb gelingt, was mir, dem Kritiker, vor zwanzig Jahren misslungen ist? Wie verhindert man halbbatzige Literatur, aus der noch einmal, aber ohne meinen Segen, etwas Rechtes werden könnte?”

Lesen Sie, was das Zeug hält! Dulden Sie keine ungelesenen Bücher! Lokalbericht von Hermann Burger, aus dem Nachlass, schon gar nicht.

Berlin De Gruyter [2016] Zürich Edition Voldemeer [2016]

Berlin De Gruyter [2016] Zürich Edition Voldemeer [2016]

Info-Veganismus

27. März 2018 von Wolfgang Köhle

Fastenzeit – last Minute:
Iss. Nicht zu viel. Vor allem Pflanzliches und: Informiere dich richtig!
Das heißt: gar nicht. Vor Informationsfettleibigkeit schützt nur Informationstherapie:
Fernhalten von Nonsens und industriell erzeugten Informations-Inhaltsstoffen der Content- und Big-Data-Mafia (Information ohne Form ist wie ein Kübel Wasser ohne Kübel). 

Es ist Zeit für Informationskompetenz.
Höchste Zeit, sich aller überflüssigen Information zu entledigen.
Es ist Zeit für The information diet:  A case for conscious consumption.
 

Gut, besser, best

23. März 2018 von Wolfgang Köhle

Der guten (und schlechten) Bücher gibt es so viele, dass jede Empfehlung eines einzelnen Buches alle anderen ausgrenzt. Aber wie das geeignetste, das beste, das lesenswerteste Buch aus jährlich 100.000 Neuerscheinungen allein im deutschsprachigen Raum finden? 
Die Lösung lautet – gut, besser, best – Bestseller: Aber was ist ein Bestseller? „Klar: das Buch, das sich am besten verkauft. Streng genommen dürfte es nur einen einzigen Bestseller geben. Dieses eine wäre dann die Bibel als Longseller schlechthin, mit einer Gesamtauflage von zwei bis drei Milliarden. Aber die Bibel taucht in keiner Bestsellerliste auf. Zudem haben sich Listen für Taschenbücher und Paperbacks etabliert, und es gibt spezielle Listen aus unterschiedlichen Genres: Sachbücher, Belletristik, Kinderbücher, Kriminalromane, Hörbücher, Reisebücher, Kochbücher ect. Das ist ziemlich viel Bestverkauftes gleichzeitig, und von Woche zu Woche ergeben sich dann schon wieder andere, neue Konstellationen.”

Sorge dich nicht, was andere lesen. Lies einfach. Bestseller.

Hamburg Hoffmann und Campe 2018

Hamburg Hoffmann und Campe 2018

No Sex, no Drugs and no Rock ’n’ Roll

20. März 2018 von Wolfgang Köhle

Es ist vorbei. Kein Geld (mehr), kein Sex (mehr), nichts rockt (mehr). Game over. Nach der Pleite seines Plattenladens fällt der einst coole Hund und Vinyldealer Vernon Subutex auf die depressive Seite von Paris. Er lernt die Tristesse der Arbeitslosen über 50 und den Verlust von Selbstachtung kennen. Das Arbeitslosengeld wird gestrichen, das Obdachlosenleben beginnt. Der letzte Rest Charme löst sich in Verwahrlosung und Verzweiflung in der Gosse auf. Noch hofft er auf Erlösung, aber „das Problem mit der Erlösung ist, dass es sich anfühlt, wie von Crack auf Kamille umzusteigen: Man ahnt, dass es ganz toll ist, aber im Moment ist es erst einmal weniger lustig.”

Wie es weitergeht mit unserem Neo-Clochard erzählt der soeben erschiene Band 2 der Triologie Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes.

Köln Kiepenheuer & Witsch 2018

Köln Kiepenheuer & Witsch 2018

Armut wird nicht von Armen geschaffen

16. März 2018 von Wolfgang Köhle

Die Armen müssen ärmer werden, sonst arbeiten sie nicht.
Die Reichen müssen reich bleiben, sonst investieren sie nicht.
Das ist neoliberaler Konsens. Dem widerspricht Johann Nestroy: „Über die Armut braucht man sich nicht zu schämen, es gibt mehr Leute, die sich über ihren Reichtum schämen sollten.”

„Während bei Armen das physische Überleben eine Grenze markiert, ist die Maßlosigkeit der Reichen nach oben offen. Bei Armen lautet eine entscheidende Frage, ab welchem Schwellenwert sie nicht mehr an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben können. Beim Reichtum ist die Frage, ab welcher Höhe monetärer und nicht-monetärer Ressourcen reiche Menschen Gemeinschaft und Gesellschaft verlassen, weil sie dann ihr Leben jenseits öffentlicher Räume und Institutionen gestalten können.”

Handbuch Reichtum. Soziologische, historische, rechtliche und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse aus der Ungleichheitsforschung zur Verteilung von Einkommen und Vermögen auf globaler, europäischer und österreichischer Ebene.

InnsbruckWienBozen StudienVerlag [2017]

InnsbruckWienBozen StudienVerlag [2017]

Simsalabim

14. März 2018 von Wolfgang Köhle

Die Welt platzt vor Information. Paradoxerweise wird immer weniger (zusammenhängend) gelesen. Vielleicht werden nur Kurztexte wie Aphorismen, Maximen, Haikus oder Kurzgedichte als einzige literarische Form überleben. Oder, Simsalabim, warum nicht, „nur” Zaubersprüche.

„Nicht die Kleinheit der Form steht im Fokus, auf die man sich aus gattungstheoretischer kulturwissenschaftlicher Perspektive konzentriert hat, sondern die Chance und das Risiko einer Subversion der Textebene: Literatur in einem Satz, als Aphorismus oder Fragment, aber auch als flash fiction oder Lyrik, steht nach dem Urteil der quintilianischen Rhetorik im Verdacht der Dunkelheit: Denn wenn die relative Idealgröße der Kürze (brevitas) unterschritten wird, droht die Schwerverständlichkeit der obscuritas. Teil des ethischen Profils unserer Frage ist daher, inwiefern die Unterbietung der Textebene im Einzelsatz diesem einen Anspruch auf Vollständigkeit einräumt, die nur in der Imagination und Interpretation einer wiederholten Lektüre approximativ geleistet werden kann?”

Nanotextualität : Ästhetik und Ethik minimalistischer Formen

Paderborn Fink 2017

Paderborn Fink 2017

Der Mensch ist, was er denkt

9. März 2018 von Wolfgang Köhle

Wir alle haben mehr Liebe notwendig, als wir verdienen. Oder, wie es Friedrich Hebbel in seinen Tagebüchern formuliert: „Der Mensch will Brutto geliebt werden, nicht Netto.”
In der neuen historisch-kritischen Ausgabe seiner Tagebücher sind Sätze zu finden wie: 

Was ist doch ein Mensch, dem die Form fehlt: ein Eimer voll Wasser ohne dem Eimer.

Zur Wahrheit wollte ich schon kommen, hätte ich nur Zeit zu irren.

Wahrheit ist der Punkt, wo Glauben und Wissen einander neutralisieren.

Es gibt keine reine Wahrheit. Aber ebensowenig einen reinen Irrtum.

„Er übertrifft sich selbst.” Was freilich in den meisten Fällen sehr leicht ist.

Hebbel hatte Menschenkenntnis, so wie auch Henry David Thoreau, der schreibt, dass er „den ganzen Tag in angenehmer Gesellschaft war, bis Besuch kam.”
Jeder kennt Menschen, die ihrer selbst so überdrüssig sind, dass sie sich nur in Gesellschaft ertragen können. Übertroffen werden sie nur von Misanthropen, die sich nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern nur außerhalb der Menschheit wohl fühlen. Dazu Friedrich Hebbels Tagebucheintrag:

Wenn ich eine schlechte Gesellschaft los bin, empfinde ich erst recht, wie gut meine eigene ist.

Kritikenthaltungsstrategie oder Die größten Kritiker der Elche sind selber welche

6. März 2018 von Wolfgang Köhle

Wer kann, der kann, wer nicht kann, wird Kritiker. Der Weise aber enthält sich jeglichen Urteils (auch und v.a. der Selbstkritik). Nicht philosophisch, dafür umso praktischer ist die Kritikenthaltungsstrategie. Wir alle reagieren auf Kritik empfindlich, Einwände sind schnell bei der Hand. Je häufiger Kritik geübt wird, je öfter wir hinterfragt werden, desto schneller lernen wir unsere eigenen Gegenargumente auswendig. Ein Argument, mehr als drei Mal vorgebracht, zementiert also nur die Gegenposition. Aber so unlogisch es klingt: Dem Teufelskreis der Kritik können wir nur mit dem Üben von Kritik entkommen. Kritik muss geübt werden: üben, üben, üben, …

In Kritik üben. Die feine Kunst des Urteils geht es aber um Kunstkritik
„Die Kunst ist dazu da, unser Denken zu befreien, und die Aufgabe der Kritik ist es, herauszufinden, was wir mit dieser Freiheit anfangen sollen. Dass jeder ein Kritiker ist, heißt (oder sollte heißen), dass wir allesamt in der Lage sind, gegen unsere Vorurteile anzudenken, eine Balance zwischen Skepsis und Aufgeschlossenheit zu finden, unsere abgestumpften und übersättigten Sinne zu schärfen und gegen die intellektuelle Trägheit anzukämpfen, die uns umgibt.”

München Carl Hanser Verlag [2017]

München Carl Hanser Verlag [2017]

Correcturi te salutant

27. Februar 2018 von Wolfgang Köhle

Der satirische Polemiker und „schärfster Stänkerer der Nation” Wiglaf Droste sorgt fern jeglicher sprachlicher Korrektheit für Wirbel; giftpilzartig, sprachkritisch, glossenhaft.

Correcturi al gusto

Das sogenannte Korrekturprogramm meines Rechners hat beschlossen, sein Dasein originell zu gestalten. Aus „Irland” macht es „Iraland”, Ira wie Irish Republican Army oder ira = der Zorn oder wie Ira Gershwin; „wir” wird „wirr”, da wird – respektive wirrt – es dann schon etwas frech, und jedes Mal, wenn ich „Vitello” schreibe, erfolgt automatisch die eigenmächtige Änderung zu „Video”. So wird aus einem köstlichen Vitello tonnato schnell ein bizarres Video tomato. Ave Caesar, correcturi te salutant…

Kalte Duschen, warmer Regen : Geschichten, Sprachglossen, Miniaturen

Berlin Edition TIAMAT 2018

Berlin Edition TIAMAT 2018

Hormonelles Brodeln

20. Februar 2018 von Wolfgang Köhle


Mit zwölf ist man vom Eros eingeschüchtert. Vor allem wenn das Erbe der Mutter unkontrollierte amouröse Leidenschaften sind, der Vater jedoch Treue als Erbschaft anbietet. Libero, ein Junge kurz vor der Pubertät, hat Mühe, seine Kindheit hinter sich zu lassen. Wie jeder (un)vernünftige Leser verliebt sich auch Libero in eine  Bibliothekarin. Er küsst Marie, von geradezu unhöflicher Anmut, auf die Wange. „Und da wurde mir zum ersten Mal bewusst, was es bedeutete, eine Frau zu überraschen. Es gab mir ein Gefühl von Vollendetheit. Und als ich das Ausleihformular ausfüllte, bemerkte ich, dass meine Befangenheit Frauen gegenüber nicht mehr so ausgeprägt war. Die Bücher verlagerten meinen Schwerpunkt und handelten nach einem ungeschriebenen Gesetz: Sie brachten mich zur Welt. Als Marie mich fragte, ob ich bereits Freunde in Paris hätte, sagte ich Nein, ich sei eine Insel ohne Meer. Eine Insel ohne Meer. Das war ein Satz, den ich, wie Papa mir empfohlen hatte, benutzen sollte, um Frauen zu umgarnen.”

Der Eros hinterlässt Spuren, auch bei Libero.

Der Roman Obszönes Verhalten an privaten Orten ist laut Corriere della Sera „einer der besten italienischen Romane aller Zeiten”.
Ob diese Urteil wahrheitsfähig ist, weiß nur, wer selber liest.

Stuttgart Tropen [2017]

Stuttgart Tropen [2017]

Sinnologie

15. Februar 2018 von Wolfgang Köhle

Der Sinologe Jean-François Billeter versucht in seinem Denken und Schreiben sowohl das Gemeinsame als auch das Verschiedene zwischen westlicher und chinesischer Philosophie zu sehen und zu verstehen. Gerne sitzt er frühmorgens im Café, folgt seinen Gedanken, lässt sich von ihnen treiben. Geistesabwesend auf die Gespräche der anderen Gäste hörend überlässt er es ihnen – seinen Gedanken –, sich wieder zu melden. Seinem Schicksal kann man nicht entgehen, seinen Gedanken auch nicht.

„Habe ich dieses souveräne Wohlbefinden erreicht, bildet sich in mir eine Leere. In ihr taucht nach einer Weile fast immer eine Idee auf. Ich notiere sie, wenn sich das passende Wort findet. Zeichnet sich eine Idee ab, entsteht in der Leere ein leichtes Kräuseln. Ich schaue aufmerksam hin, um sie zu fassen, sobald sie Gestalt annimmt, bevor sie sich wieder auflöst oder sich mit anderen vermischt. Ich muss rasch und sicher zugreifen, um den Augenblick nicht zu verpassen. Manchmal ist mein Zugriff verfrüht, sodass ich den Gedanken wieder freilasse und warte, bis er ausgeformt wiederkehrt.”

Ein Paradigma

Berlin Matthes & Seitz 2017

Berlin Matthes & Seitz 2017

Bewandert

9. Februar 2018 von Wolfgang Köhle


„Der Biwak ist ein Luxus, der es später schwer erträglich macht, in Palästen zu übernachten.”

Die einzige Medizin gegen die Dunkelheit ohne Nebenwirkung, die alles in Gang setzt, mit der heilsamen Wirkung, den eigenen Rhythmus zu finden, ist das Gehen.
Nach heroischen Fernreisen durchwandert der Vagabund Sylvain Tesson Frankreich Auf versunkenen Wegen. Nachdem er sich, den Clown auf einem Dach spielend, Rippen, Schädel und Wirbel nur wenige Millimeter an der Querschnittslähmung vorbei gebrochen hat, voller Schrauben, Vernarbungen, einem schiefen Gesicht und einem tauben Ohr, macht er sich  auf die Suche nach Menschen, denen die Gesundheit von Pflaumen wichtiger ist als ein schneller Internetzugang. Eine Weitwanderung in vier Monaten, vom Mercantour bis in die Normandie, im Biwak unter freiem Himmel, also in Sicherheit.

„Wenn der Anblick einer Eiche in einem goldgelben Feld mich so ergriff, dass ich sie grüßte, warf ich ein paar Zeilen in mein Notizbuch. Sie schwenkte zum Gruß ihre Äste. Die Wanderung war ein Angelvergnügen: Es vergingen Stunden, dann plötzlich spürte man einen leichten Zug, vielleicht ein Fang? Ein Gedanke hatte angebissen! Am Abend schlief ich ein und hinter meinen Lidern flogen die Bilder der Laterna magica vorbei. War das ein eingeschränktes Leben? Ja. Doch eingeschränkt im einfachsten Sinn. Dem schönsten vielleicht. Die Herausforderung bestand darin, diese leichte Spannung zu erhalten.”

München Knaus [2017]

München Knaus [2017]

(Selbst-) Infantilisierung

6. Februar 2018 von Wolfgang Köhle

 

Während die ökonomische Ungleichheit zunimmt und sich eine Handvoll Superreicher den globalen Reichtum aufteilt, diskutieren Linke über politische Korrektheit und gendergerechte Schreibeweisen. Werdet erwachsen!, ruft der Philosoph Robert Pfaller den Binnen-I-Mimosen zu. Nur wer sich eine dicke Haut zulegt, kann den Kampf gegen den Neoliberalismus aufnehmen. Im Gegensatz zu den politisch nicht korrekt als Luxuswissenschaften bezeichneten Kulturwissenschaften ist den MINT-Fächern die gendergerechte Sprache fremd, ebenso wie Warnhinweise auf Mikroaggressionen in Skripten, Texten und Vorlesungen, wie sie an amerikanischen Universitäten üblich sind.

„Wenn man von Dingen wie ‚Mikroaggressionen’ spricht, trifft man eben die Mehrheit der Leute nicht mehr, die weitaus größere und weniger elitäre Sorgen und Probleme haben – zum Beispiel in Gestalt von Makroaggressionen. Und wenn in Europa die Sozialdemokratie nur noch steht für Binnen-Is, Rauchverbote und Ratschläge für den Umgang mit Zwischengeschlechtlichkeit, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass Eltern, die nicht wissen, wie sie ihren Kindern den Schulausflug bezahlen sollen, anders wählen. Wenn die fortschrittlichen Kräfte westlicher Gesellschaften das Ideal erwachsener politischer Bürgerlichkeit nicht für sich in Anspruch nehmen und es durch den Einsatz für zunehmende Gleichheit verteidigen, dann wird die extreme populistische Rechte den entsprechenden Gewinn in Besitz nehmen.”

Eine Polemik gegen die Auswüchse der politischen Korrektheit für alle PC-Verachtung-Begabte ist Erwachsenensprache: über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur.

Frankfurt am Main Fischer [2017]

Frankfurt am Main Fischer [2017]

Bücherlust

1. Februar 2018 von Wolfgang Köhle

 

„Bibliotheken sind attraktiv, sonst kämen die Menschen nicht. Sie sind offen für alle, zugleich geschützt, kostenlos, politisch und religiös neutral. Die Leute nutzen die Bibliothek als Arbeitsplatz, als Treffpunkt, für Ruhe und Konzentration, zum Stillen, hier gibt’s auch stille Örtchen.”

Nichts hält uns davon ab, das neue Jahr mit einem dreifachen Hoch auf alle Liebhaberinnen und Liebhaber zu beginnen. Lang und formidabel sollen, insbesondere, alle Bücherliebhaberinnen und Bücherwürmer leben!

Mehr von Menschen und Büchern ist zu lesen in Bücherkisten.

Mainz ventil 2017

Mainz ventil 2017

Nichts zu viel, nichts zu wenig

22. Dezember 2017 von Wolfgang Köhle

 

Nichts zu viel, nichts zu wenig

 

Die meisten guten Vorsätze sind spätestens nach Dreikönig perdu.

Der Selbstoptimierungs-Kultur zum Trotz – noch fitter, gesünder, attraktiver, überflüssiger, gescheite(rte)r(?), ect. – könnte das Motto für 2018 lauten:

 

Nichts zu viel, nichts zu wenig!

  

  

Das Team der Vorarlberger Landesbibliothek wünscht allen Lesern ein richtig gutes neues Jahr. Prosit 2018!

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