VLB BLOG - Unruhe bewahren

Über Bücher, Bibliotheken, Gott und die Welt

 

Make POESIE great again

6. Dezember 2018 von Wolfgang Köhle

Es tanzen die Blätter im Wind,
wissen nicht, dass sie am Fallen sind.

Jeder Mensch hat lyrische Gefühle, ob er will oder nicht. Abgesehen von Aphorismen lassen sich poetische Gefühle nicht kürzer ausdrücken als in Gedichten, den zauberspruchartigen Gefäßen, die in weniger viel mehr enthalten. 

Ich möchte sein wie ein Wunsch,
auf der Schwelle möchte ich stehen,
ein Tag sein vor seinem Anbruch,
noch nicht gewesen sein möchte ich.

Spätdienst : Bekenntnis und Stimmung  von Martin Walser

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2018

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2018

Technomania

28. November 2018 von Wolfgang Köhle

„Fleisch aus 3D-Druckern, Roboter so klein wie Viren, künstlich hergestelltes Leben – bislang formte der Mensch die Natur nach seinem Willen. Doch die modernen Technologien können den Spieß auch umdrehen: Sie formen den Menschen. Algorithmen, die über Leben und Tod entscheiden, Eingriffe in die Genetik und künstliche Intelligenz definieren menschliches Leben neu. Unser Alltag, unsere menschliche Existenz ändern sich radikal.”

Neuro-Enhancement, Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, Quantentechnologie, synthetisches Leben -  Zauberlehrlinge sind am Werk. Was im Ohr des Optimisten nach Zukunftsmusik klingt, wird im Gehörgang des Pessimisten zur Dystopie einer posthumanen Welt, ethisches Burnout inklusive.

Unsere Zukunft zwischen Himmel und Hölle: Supermacht Wissenschaft

Gütersloh Gütersloher Verlagshaus [2017]

Gütersloh Gütersloher Verlagshaus [2017]

Die Dummen sind immer die anderen

21. November 2018 von Wolfgang Köhle

Der Dumme macht immer dieselben Fehler, der weniger Dumme macht immer neue Fehler, der am wenigsten Dumme lässt die Fehler andere machen. Dabei ist nur klug, wer weiß, wie dumm er ist. Gibt es was Klügeres, als die eigene Dummheit durch Erfahrung in Weisheit zu verwandeln?

„Wenn Dummheit kognitive Verweigerung ist, dann dürfte Nicht-Dummheit so viel wie Erkenntnisbereitschaft sein. Es wäre dies, was bislang als offener Horizont oder als Weltoffenheit bezeichnet wurde. Weltoffenheit bedeutetet zunächst alles, was wir als Gegenteil von geistiger Verschlossenheit erleben können: die Bereitschaft, die Welt als Widerspruch zu erleben und sich auch mit solchen ihrer Signale ohne Abwehrhaltung auseinanderzusetzen, die den eigenen Standpunkt nicht unterstützen oder ihn gar in Frage stellen; die Bereitschaft, Selbstbild und Realitätsbild zu korrigieren oder miteinander in Einklang zu bringen …“

Dummheit : Eine Erfolgsgeschichte

Stuttgart J.B.Metzler Verlag [2017]

Stuttgart J.B.Metzler Verlag [2017]

Otto-Normalleserei

16. November 2018 von Wolfgang Köhle

„Ziel ist zu zeigen, dass die Lektüre von literarischen Werken selbst bereits mehr als die Anwendung erlernter Lesetechnik ist: Sie ist eine kleine Kunst, eine Meisterung des Umgangs mit sich selbst. Diese Kunst macht nicht nur Freude in ihrer Ausübung, sie hilft auch, das Leben in der heutigen Welt zu meistern. Sie zu erläutern heißt also zugleich eine Gegenwartsdiagnose wagen, was aber kaum eine Überraschung ist: Der Sinn von Literatur ergibt sich immer aus einem geschichtlichen Kontext, und darum gehört es zur Aufgabe, erst einmal den heutigen zu bestimmen.”

Wo genau liegt der Unterschied zwischen literaturnaher Unterhaltung und Literatur im eigentlichen Sinn, was kann Literatur heute leisten und wie lässt sich das Potential der Literatur näher bestimmen? 
Die Spaltung zwischen Freizeitleser und professionellem Literaturliebhaber, zwischen Laien und Berufsleser literaturpsychologisch zu überbrücken versucht Niklas Bender in Verpasste und erfasste Möglichkeiten.

Basel Schwabe Verlag [2018]

Basel Schwabe Verlag [2018]

Pfui Teufel

7. November 2018 von Wolfgang Köhle

Ob Gott den Menschen schuf oder umgekehrt, ist schwierig zu beweisen, weil es schwer ist, etwas wegzubeweisen, das es gar nicht gibt. Ähnlich sieht es aus mit der Beziehung von Mensch und Teufel. Als Leser von Nietzsche weiß man, dass Gott widerlegt ist, der Teufel aber nicht – bis zum Erscheinen von Homo homini Satanas, eine philosophisch-anthropologische Auseinandersetzung mit dem Teufel. Wo verteufelt wird, kann auch entteufelt werden.

„Der Mensch kann nicht vollkommen frei von Anthropomorphismen durch das Leben schreiten. Praktisch alles, womit sich der Mensch beschäftigt, wird mehr oder weniger stark anthropomorphisiert. Der Teufel bildet da keine Ausnahme. Auch bei ihm gilt: Die Anthropomorphisierung des Nicht-Anthropomorphen ist für den Menschen unabwendbar.”

Baden-Baden Tectum Verlag [2018]

Baden-Baden Tectum Verlag [2018]

Der Duft der Königin

02. November 2018 von Wolfgang Köhle

 

Die Freude beim Öffnen eines Bienenstocks lässt sich nicht beschreiben. Der Wohlgeruch, das Gesumme des Biens, die Masse an Bienen – ein großartiges Wunder. Einer der kritischsten Momente beim Imkerhandwerk ist die Umweiselung. Wird das Volk vor dem Schwarmtrieb nach Herausnahme der alten, schwachen Königin die neue, junge, lebensfrohe, an Pheromonen reiche Königin akzeptieren? Jedes Bienenvolk ist ein Musterbeispiel für eine Gemeinschaft, in der ALLE zusammen Erfolg haben, weil sie zugunsten gemeinsamer Ziele gemeinsam arbeiten.

 

„Die Königin ist von einem sogenannten Hofstaat aus sechs bis zehn Bienen umgeben, die sie pflegen und ihr überallhin folgen. Andere Bienen kommen hinzu, berühren die Königin mit ihren Antennen und verteilen den königlichen Duft auf ihren Vorderbeinen, laufen 15-30 Minuten lang quer durch das Nest und sorgen auf diese Weise für eine Verbreitung des Königinnenpheromons im ganzen Volk.“

 

Das Genie der Honigbienen

 Stuttgart Ulmer [2018]

Stuttgart Ulmer [2018]

Das Leben, das Universum und der ganze Rest

24. Oktober 2018 von Mirella Sprenger

420000295748 ... das ist der VLB-Strichcode des hier empfohlenen Kassikers der Science-Fiction-Literatur. Wer sich schon mal gefragt hat, weshalb die 42 bei dieser Nummer vorangestellt ist, lese Douglas Adams' Per Anhalter durch die Galaxis.
42 ist die Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest”, welche der Computer „Deep Thought” nach einer Rechenzeit von 7,5 Millionen Jahren präsentiert. Weiters erfahren wir in dem Roman, dass der Planet Erde in Wahrheit ein Supercomputer ist bzw. war - er wurde 5 Minuten vor Ablauf seines Zehn-Millionen-Jahre-Programms im Rahmen eines Verkehrsprojekts gesprengt. Die Erde sollte die genaue! Frage zur Antwort 42, „nach dem Leben, dem Universum und allem”, finden…
„Per Anhalter durch die Galaxis” ist schräg, skurril, spaßig, kurzweilig ... ist Kult. Dabei ist der Titel sowohl der Titel des ersten Buches als auch der gesamten 5-teiligen Romanreihe, von der wir den ersten sowie den „fünften Band der vierbändigen Trilogie” im Bestand haben.

Auf Wikipedia ist übrigens folgendes Zitat von Douglas Adams zu lesen: „The idea for the title first cropped up, while I was lying drunk in a field in Innsbruck, Austria, in 1971. Not particularly drunk, just the sort of drunk you get when you have a couple of stiff Gössers after not having eaten for two days straight.”

Und noch ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl an unsere Erwerbungsabteilung: Wäre schön, wenn die gesamte Trilogie (also alle 5 Bände) im Regal stehen würde ;-)

Rogner und Bernhard

Rogner und Bernhard

Bauchgefühle

17. Oktober 2018 von Wolfgang Köhle

„Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche.” So beschreibt Umberto Eco das Wesen des Populismus in Das Foucaultsche Pendel. In Politik der Emotion wird die Behauptung einfacher Zusammenhänge, für die dann eine noch einfachere Lösung präsentiert wird, nicht emotional sondern nüchtern betrachtet.

„Wie kommt diese bedingungslose Übereinstimmung zwischen dem Typus des populistischen Heilsbringers und seiner Fangemeinde zustande? Warum hält sie – auch bei bewiesener Diskrepanz zwischen Realität und Behauptung – so beharrlich an? Die Antwort scheint klar zu sein: Solange die emotionale Basis stimmt, der Politiker/die Politikerin den Gefühlen des anvisierten Publikums Stimme und Raum gibt, tritt die Frage nach den realen Auswirkungen der Politik in den Hintergrund. Ist das Bindungshormon einmal ausgeschüttet, tröstet das Sicherheitsgefühl, das es bietet, über so einige Alltagskamalitäten hinweg. Was erfolgreich macht, ist der unmittelbare Zugriff auf den Gefühlshaushalt, ein Kernaspekt populistischer Politik.”

Aus der besonders wertvollen Reihe Unruhe bewahren.

SalzburgWien Residenz Verlag [2018]

SalzburgWien Residenz Verlag [2018]

Unruhe stiften

11. Oktober 2018 von Wolfgang Köhle

Ökosystematisch betrachtet verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Maschine. Also soll nicht mehr der Mensch im Zentrum des Denkens stehen, sondern das Leben aller Artgenossinnen, biologischen Verwandtschaften und Kreaturen.

„Es ist unsere Aufgabe, Unruhe zu stiften, zu wirkungsvollen Reaktionen auf zerstörerische Ereignisse aufzurütteln, aber auch die aufgewühlten Gewässer zu beruhigen, ruhige Orte wieder aufzubauen. In dringlichen Zeiten ist es für viele verlockend, der Unruhe zu begegnen, indem sie eine imaginierte Zukunft in Sicherheit bringen. Dafür versuchen sie, am Zukunftshorizont Drohendes zu verhindern, aber auch Gegenwart und Vergangenheit beiseitezuräumen, um so für kommende Generationen Zukunft zu ermöglichen. Unruhig zu bleiben erfordert aber gerade nicht eine Beziehung zu jenen Zeiten, die wir Zukunft nennen. Vielmehr erfordert es zu lernen, wirklich gegenwärtig zu sein.”

Unruhig bleiben : die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän

FrankfurtNew York Campus Verlag [2018]

FrankfurtNew York Campus Verlag [2018]

Dringlich Geschriebenes

3. Oktober 2018 von Wolfgang Köhle

Wie man ein wirklich gutes Gedicht, eine wirklich gute Erzählung, einen tatsächlich ergreifenden Roman, einen existenziellen Text erkennt, kann man in den Frankfurter Poetikvorlesungen lernen.

„Womöglich bin ich hier falsch. Ob ich hier doch richtig war, das entscheiden letzten Endes Sie. Warum fühle ich mich fehl am Platze in einer Universität, noch dazu einer, die einen so großen Namen trägt und so viel auf Tradition hält wie diese? 
Erstens: Ich habe nicht einmal Abitur.
Zweitens: Eine Stunde nicht rauchen.
Drittens: Ich bin keine Rednerin, sondern eine Schreiberin.
Viertens: Ich kann nicht frei sprechen. Aber wer kann das heute schon noch? Um frei sprechen zu können, müssten sich Frau und Mann erst einmal frei fühlen.
Zwischenfrage: Und Sie, Sie alle, meinen Sie, dass Sie hier richtig sind? Fühlen Sie sich frei?
Egal, Sie sind hergekommen, ich auch. Also versuchen wir es.”

Katja Lange-Müller berichtet aus ihrer schriftstellerischen Werkstatt in Das Problem als Katalysator.

Köln Kiepenheuer & Witsch 2018

Köln Kiepenheuer & Witsch 2018

Tierisch menschlich

27. September 2018 von Mirella Sprenger

Vorweg: Ja, ich neige dazu, Tiere zu vermenschlichen ... ;-)
Kürzlich 7 Uhr morgens im Pferdelaufstall: Madame Zizibe ist weit und breit nicht zu sehen. Also schau ich noch kurz nach unserem Araberbub, der neben der Schlafhalle entspannt döst, jedoch bei meiner Kontrolle plötzlich zur Salzsäule erstarrt. Noch bevor ich mich umdrehen kann, um zu sehen, wer oder was ihn so irritiert, spüre ich einen heißen Atem im Nacken ... meine kleine Zicke steht mit eindeutiger Miene und Haltung direkt hinter mir: Was bitte machst du bei dem anderen Pferd??? ... sie ist eindeutig „not amused” und versucht, meine Aufmerksamkeit ganz auf sich zu lenken.

Ähnliche Verhaltensmuster, die in einer Untersuchung bei Hunden beobachtet wurden, schildert der Zoologieprofessor Norbert Sachser und kommt zum Schluss: „Solche Ergebnisse sprechen tatsächlich dafür, dass Eifersucht bereits bei unseren nichtmenschlichen Verwandten vorkommt.” Es ist noch nicht lange her, da sprach man Tieren alle Emotionen ab. Heute weiß die Verhaltensforschung: „Sie denken, fühlen, handeln, sind ängstlich oder mutig, lernen, lügen, leiden: Tiere haben eine Persönlichkeit.” Der international renommierte Forscher Norbert Sachser beschreibt in seinem Buch Der Mensch im Tier die neuen Erkenntnisse in der Verhaltensbiologie als revolutionär.

„Der Abstand zwischen uns und ihnen ist geringer geworden. Es steckt also wirklich sehr viel mehr Mensch im Tier, als wir uns vor wenigen Jahren noch haben vorstellen können!”

Ist also ein bisschen vermenschlichen ok? Wenn ich ehrlich bin: nein. Denn auch wenn Tiere uns ähnlich sind, ihnen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, kann für das Tier unangenehme Folgen haben, im schlimmsten Fall sogar schaden.

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2018

Reinbek bei Hamburg Rowohlt 2018

Wo stehen hier die E-Books?

18. September 2018 von Sabrina Gerstenbrand

„Gehören Sie hierher?” oder „Ich suche ein Buch, weiß jedoch den Titel nicht. Den Autor? Nein, keine Ahnung. Aber es war blau. Können Sie mir helfen?”

Zwei Fragen, die ich in der Zeit als Bibliothekarin wahrscheinlich schon öfter gestellt bekommen habe, als dass ich mich abends schlafen lege. 
Darauf zu achten, nicht allzu sarkastisch zu antworten, oder sich das Lachen verkneifen zu müssen, da die Benutzer es ganz offensichtlich ernst meinen, ist (für mich jedenfalls) eines der schwierigsten Dinge als Bibliothekarin. 
Im Buch Wo stehen hier die E-Books? von Monika Reitprecht, Bibliothekarin bei den Büchereien Wien, werden genau solche Fragen und noch vieles mehr beantwortet – natürlich mit viel berufseigenem Humor. 

Ein Buch für alle, die wissen wollen, wie so ein „normaler” Alltag eines Bibliothekars hinter den Kulissen aussieht.

Wien Milena-Verlag 2015

Wien Milena-Verlag 2015

Resignationsprosa

10. September 2018 von Wolfgang Köhle

Bei einem Straßenfest trifft man nicht nur Streuner und andere Zeitvertreiber, sondern mit etwas Glück auch seine ehemalige Ehefrau. Gute Gelegenheit festzustellen, dass im Wort Ehe die zukünftige EHEmaligkeit angedeutet ist. Sibylle gibt durch ein Küsschen zu verstehen, dass sie für das Herumproblematisieren in Sachen Erotik nicht in Stimmung ist. Kann man (s)eine Frau zweimal kennenlernen? Der überkomplexe Mensch kann nicht erkennen, mit welchem Problem er anfangen soll, und ja, auch die Sinnlosigkeit ist ein Luder.

Gescheiterte, also wahrhaftige Philosophen sind die Helden von Wilhelm Genazino. Durch verschärftes Nachdenken leben sie in der Unschärfe, verlieren jegliche Sicherheit und richten sich in der Überforderung ein. Übel Grübel …

Wer Genazinoeske Schrulligkeiten mag, wer an beginnender Schwermut leidet, wer sich unpässlich und für die Welt nicht geeignet fühlt, wer glaubt, nicht in seine Verhältnisse zu passen, oder wer (nicht grundlos) Angst davor hat, verrückt zu werden, lese Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze.

München Hanser 2018

München Hanser 2018

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